Liebe und so

Alles fing mit der großen Liebe an, vor acht Jahren, plus minus. Inzwischen ist sie so lange her, dass ich gar nicht mehr so richtig weiß, wie sie sich überhaupt anfühlt. War sie überhaupt die große Liebe? Gibt es die überhaupt? Und muss man das eigene Glück immer davon abhängig machen? Nein. Muss man nicht.

Im Grunde ist das auch das Problem. Im Beruf super unabhängig, im Privatleben super abhängig. Was bis zwanzig noch einfach erschien, war lange Zeit einfach irgendwie nicht machbar. Im festen Freundeskreis verankert, beschränkt sich das “neue Leute kennenlernen” mit fast Mitte dreißig auf Freunde von Freunden, die man im Grunde schon lange kennt, man wurde sich nur noch nicht vorgestellt. Ab und zu ist mal einer dabei, der irgendwie ganz süß ist, anders, aber vielleicht auch genau das, was er schon immer war. Vier Wochen bis drei Monate später merke ich oder er: Nee, irgendwie nicht das Richtige. Warum haben meine Freunde oder mein Drang nach Liebe mich da jetzt wieder hineingeredet?

Eigentlich ist es schon von Anfang an klar. Er kommt nicht klar, ich komm nicht klar. Nein Mädels, minus mal minus ist nicht plus. Und plus mal plus ist meistens minus. Im Umkehrschluss heißt das leider auch nicht, dass plus und minus die Mathematik besiegt und im siebten Himmel endet. Am Ende lernt man eigentlich nur eines: Es gibt keine mathematische Formel für die Liebe und so sehr man sich auch alles zurecht analysiert, was auf dem Papier Sinn macht, oder keinen Sinn macht, muss in der Wirklichkeit nicht immer dem entsprechen.

Nach jeder Geschichte steht man wieder am Anfang. Das Herz ist kurz gebrochen, auf die Mauer zum Aufmachen vom Herzen wieder ein Stein mehr gelegt. Altwerden als Single ist auf jeden Fall nicht die leichteste Aufgabe, aber wie sagen meine vergebenen Freundinnen immer? „Dein Leben ist wie eine Seifenoper, es ist immer was los! Ich würde so gern mal wieder so rausgehen wie du.” Ja, mein Leben ist toll, im Grunde fahre ich jeden Tag Achterbahn, esse Zuckerwatte bis zum Abwinken und wenn alles gut geht, ende ich nicht kotzend vorm Klo. In Beziehungen ist es übrigens ganz ähnlich, nur mit anderen Formeln.

Es ist ja doch für die meisten immer so, dass man eben genau das will, das man gerade nicht hat. Sich davon zu lösen, ist wohl das Ziel oder wenn man’s philosophisch sehen will, der Sinn des Lebens.

So bleibe ich also gerne mal am Wochenende zu Hause, schaue Filme, lese viel, reise alleine und siehe da, auf einmal ist alles super einfach. Gerade auf Reisen bin ich frei, fühl mich wohl, lerne neue Menschen kennen, habe Spaß und bin im besten Fall sogar eine Art Freudebrunnen, aus dem alle trinken, weil ich nicht darüber nachdenke, wie ich ankomme, sondern einfach so bin, wie ich eben bin, alltagslos und offen für was immer auch kommt. Zurück in Berlin weiß ich meist nicht mehr, wer das eigentlich ist, der da war und wieso kann ich nicht auch einfach für immer Tourist in meiner eigenen Stadt bleiben?

Irgendwie sind doch alle andauernd auf der Suche nach sich selbst. Ich weiß gar nicht, wie viele Gespräche ich dieses Jahr darüber geführt habe, wer du bist, wer ich bin und was wir eigentlich diesen scheißverdammten Rest unseres Lebens tun werden. Meine um die zwanzigjährigen Freunde kommen alle nicht klar, weil sie noch nicht dreißig sind und nicht ernst genommen werden. Meine um die dreißigjährigen Freunde kommen nicht klar, weil sie das erste große Alter ihres Lebens erreicht haben, aber noch nicht da sind, wo sie sein wollen, oder irgendwie angekommen sind, aber nicht so richtig glücklich. Von den fast oder schon Vierzigjährigen will ich gar nicht erst anfangen, von denen haben mir eigentlich die meisten das Herz gebrochen. Warum, könnt ihr euch inzwischen vielleicht denken. Der Weihnachtsmann mag eine Erfindung der Werbung sein, die Midlife-Crisis auf jeden Fall nicht.

Okay, ein paar sind es schon, die klarkommen und glücklich sind. Das sind auch die, die mir Hoffnung geben. Es gibt sie ja doch, die Menschen, die arbeiten, in einer Partnerschaft leben, oder glücklich Single sind. Die einfach nichts darauf geben, was andere denken und jedes Mal, wenn man sie trifft, ein Lächeln für einen haben und um die sich niemand groß Sorgen macht.

Jetzt werden vielleicht ein paar von euch, die mich kennen, sagen: Wie jetzt? Das bist du doch auch?

Und ich werde dann sagen: Ja, jetzt, jetzt bin ich das. Mit vierunddreißig Jahren habe ich so was wie Ausgeglichenheit erreicht. Ich bin beruflich da, wo ich sein will. Die große Liebe, sofern sie denn existieren sollte, wird mich schon irgendwann finden und bis dahin? Bis dahin genieße ich mein Leben, meine Arbeit, meine Freunde, meine Geschichten, meine Alkoholabstürze, meine Heulkrämpfe, meine Lachkrämpfe, mein Essen, meine Morgende, an denen ich aufwache und denke, Ach du Scheiße und meine Abende, an denen ich denke, Was für ein geiler Tag.

Am Ende des Tages ist eben doch klar, es geht ums Fühlen. Es geht darum, nicht abzustumpfen. Es geht darum, nicht mit einer Schlafmaske durch die Gegend zu rennen und Teil von dem zu sein, was um einen herum passiert. Es scheint die Sonne, geil, es regnet, hier ist meine Decke. Dabei ist es wirklich vollkommen egal, was andere darüber denken, wer und wo du jetzt gerade mal wieder bist und ob dein Frühstück, das du meistens alleine isst, wirklich so lecker schmeckt, wie es aussieht. (Sorry, meistens tut es das.)

Ich küsse Leute, die vor mir stehen, wenn ich grad am wenigsten klarkomme, wenn ich nach rechts und links springe und nicht weiß, was gestern war und schon gar nicht, was morgen sein wird. Wenn ich zittere und lache und irgendwie alles um mich herum verschwimmt. Geil, Ailine! In der Lage zu sein, das zu fühlen, das ist es doch. Und lass dir von niemandem was anderes sagen.

Punkt.

Ailine. Berliner Fotografin mit großem Appetit und ziemlichem Fernweh.

 

 

 

Headerfoto: Savannah van der Niet via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Ailine

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