Leiden schafft mich

Im Winter gibt es keine Sommersprossen. Nicht. Draußen lag Schnee und es war grau. Weihnachten war gerade vorbei und ich hatte keine Ahnung, was als nächstes passiert, keine Ahnung, was nächstes Jahr. Ich saß die letzten paar Tage im Schlafanzug zuhause bei meinen Eltern, wie auf Urlaub, und sah fern, die Füße gewärmt am Kamin, den ich alle halbe Stunde mit Holz fütterte. Ein Gefühl von Langeweile durchfraß mich von Tag zu Tag mehr. Es machte mich traurig nicht zu wissen, was kommt, mich auf nichts zu freuen, doch es gab da dieses Mädchen. Wir trafen uns einmal und tranken Bier und danach Tee und es war schön, weil sie schön aussah. Alles andere spielte sich in meinen Gedanken ab. Ich habe mir gewünscht an Weihnachten nach Hause zu kommen und verliebt zu sein, nicht, dass ich mir das nicht immer wünschte, doch ich wünschte es mir wirklich sehr zu Weihnachten. Ich hatte Angst, dass ich sie wieder verliere, obwohl ich sie nie hatte, dass sie mich vergisst, das Bier, den Tee und das dazwischen. Ich sah ständig auf mein Handy, wartete nur auf etwas, was mir zeigt, dass sie an mich denkt, doch dass ich sie vergesse, damit rechnete ich nie.

Das Mädchen mit den Sommersprossen war Schuld. Einst schrieb ich über sie und von jedem ihrer Details, wie ein Bildhauer jede Nuance seiner Skulptur beschreiben würde, aber ich fühlte eigentlich nie wirklich, was ich schrieb. Ich verlor sie in jeder Geschichte als Ich-Erzähler und gewann sie in der Realität als Ich, dabei wollte ich das gar nicht, oder wollte ich das doch?

Vor ein paar Tagen kam sie zu Besuch und ich freute mich darauf, wie ein guter Freund sich freut, seinen guten Freund mal wieder zu sehen. Sie sah aus, wie immer, sprach, wie immer, sie verhielt sich, wie immer. Sie kam zu mir, wie immer, und legte sich in meinen Arm, wie immer, und doch war alles nicht wie immer. Wir saßen zusammen mit Freunden und es wurde Wein getrunken und Gras geraucht, gelacht und gefressen und am Ende kam sie mit zu mir, wie immer. Ich hatte keine Ambitionen mit ihr zu schlafen und sie auch nicht. Wir waren beide irgendwie verliebt nur nicht ineinander. Wir schliefen zusammen ein, nach ewigen Positionswechseln, die mir wie Versuche vorkamen, sich näher zu sein als vorher. Ich träumte nur von ihr und mir in meinem Bett, dabei waren wir in meinem Bett, was sich so anfühlte, wie eine Wolke aussieht. So weich, wie ihr blondes Haar, so weich an meiner Wange, so warm, wie ihr Körper so warm an meinem, so perfekt passend zu meinem, so perfekt passend, als wäre das Vorsehung. Am nächsten Morgen wusste ich nicht mehr, welche Passagen Traum und welche Realität waren. Ich wollte mit ihr schlafen und es war mir alles andere egal. Ich wollte ihr nur näher sein als vorher, so nah, wie es nur irgend geht, so nah. Wir lagen den ganzen Tag im Bett. Es gab nichts anderes für mich, woran ich dachte. Mir fiel nichts ein, was mich aus der Wolke hätte holen können, außer sie geht mit ihr weg.

Wie alberten rum und lachten und hielten uns im Arm, stundenlang, den ganzen Tag. Und dann, später, ihr Gesicht war ganz rot, lag sie auf dem Rücken und ich zwischen ihren Beinen – die Sonne war fast untergegangen – und es war still, ganz still. Da waren nur noch ihre Augen – alles andere gleichgültig – und ließen mich nicht los. Ich sah sie an, voll von Leidenschaft und Ernst. Es gab keinen Grund mehr auszuweichen, also küsste ich sie, wie immer, doch war es nicht wie immer. Sie ist verlassen, einsam, weint. Ich bin verliebt. Doch diesmal ist es wahr, nur sie ist weder einsam, verlassen, noch weint sie. Da ist es, denke ich, sage, ach nichts. Dabei war es das. Wir blieben noch eine Weile in der Wolke, gingen duschen und waren nackt, wie immer, nur war alles anders, so verdammt anders, viel zu schön um wahr zu sein. Sie blieb noch eine Nacht und nichts hörte auf, ich nicht mehr auf mich. Von der Praktikantin zur einen Nacht, zum Betthäschen, zur Muse, zur Kritikerin, zur besten Freundin und zurück in meinen Kopf. Es ist so kompliziert und das muss es wohl auch sein. Silvester bei mir? Ja, gut, ich bin sowieso verloren. Blitz-Eis – kein Mechanismus mehr, der greift, wenn es glatt wird. Ich fuhr mit zu ihr, was gar nicht zu mir passt. Wo bin ich? Damals wusste ich das ganz genau, hab nur das, was war, übertrieben, hab mich skizziert und dann erfunden als Ich-Erzähler, jetzt als Ich.

Als wir bei ihr zuhause ankamen, war ich nervös. Als wir wieder in der Wolke waren, glücklich. Um Mitternacht nur sie im Arm, während Tausende Raketen in den Himmel flogen, als wäre das verdammt anders viel zu schön um wahr zu sein. Und warum schreib’ ich hier von ihr und sie, ich schreibe doch von Dir? Dich im Arm und Deine Lippen, Feuerwerk und Deine Augen, Blicke ausgetauscht. In Deinem Bett zusammen eingeschlafen und aufgewacht und Dich vermisst im Zug und Deine Nähe fehlt jetzt, nicht wie immer, sondern diesmal echt. Frohes Neues Jahr. Ich stand im Zug, verlassen, einsam, weinte ich verliebt, zumindest schmeckte es am S-Bahnhof Othmarschen danach auf Deinen Lippen und in Achim war Blitz-Eis und es schmeckte immer noch danach, auf meinen Lippen. Der Ich-Erzähler wird zum Ich, jetzt weiß er’s auch. Jetzt weiß ich’s auch.

Fortsetzung folgt. Bisher erschienene Teile dieser Erzählung: Knietief und Sommersprossen.

Headerfoto: lauren rushing via Creative Commons Lizenz!

 

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3 Comments

  • peng peng, mich hat’s direkt erwischt. unheimlich einnehmender Schreibstil, ungewöhnlich! Du führst mich erst in die eine Richtung, nur um dann unerwartet zu wenden, plötzlich öffnet sich der Boden, man fällt, dann landet man wieder, wird von unsichtbaren Flügeln getragen, kommt an und geht schon wieder auf Reise. Ganz toller Text!

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