Lebensnebel

Es gibt diese Tage im November, da sieht man den Horizont vor lauter Nebel kaum. Dieser erscheint dicht, grau und trotzdem leicht und luftig. An manchen Tagen vielleicht ein wenig bedrückend, an anderen jedoch umwebt er uns und legt sich wie eine flauschige Decke über unsere Leben. Der Lebensnebel ist nicht grundlos ein Palindrom – und er kommt nicht nur im November vor.

Es ist nicht schwierig, die zarte Linie einer Wolkendecke für den Horizont zu halten, obwohl sich dieser hinter grauer Luftfeuchtigkeit versteckt hält. Und es ist auch nicht schwierig, beim Ende einer Liebe die Unmöglichkeiten nur beim anderen oder nur bei sich zu suchen – obwohl Durchatmen angesagt wäre. Und es ist auch nicht schwierig, sich und sein Leben beim Beginn einer Liebe gnadenlos selbst auszuliefern oder den anderen ohne zu fragen golden anzumalen – obwohl zartes Miteinander, sanfte Wildheit und stürmische Nächte erstmal als das angenommen werden könnten, was sie tatsächlich sind, weil sie gar keinen Vergleich benötigen, der sie aufs hohe Ross setzen würde. Liebe ist nie eingebildet.

Und genauso plötzlich wie der frühmorgendliche Nebel sich verzieht, die Sicht auf Umgebung und unser Leben, genauso plötzlich kommt uns manchmal die Erkenntnis, dass wir dem anderen Unrecht taten, weil wir ihn golden gemalt haben, und er sich in dieser Rolle, die wir ihm zusprachen, nicht zurechtfinden konnte – weil sie eben nicht die seine, sondern unsere Vorstellung der seinen war. Und wir erkennen, dass wir gewissen Menschen wohl einfach begegnen mussten, nicht, damit sie uns oder wir sie verletzen konnten, sondern damit uns eine Lektion gelehrt wurde – oder wir Teil einer Lektion wurden. Wir lernen an Haut und Haar, dass Selbstauslieferung in der Liebe wenig mit Liebe zu tun hat, und dass der andere nicht so einfach als die „falsche Person“ abzutun ist, bloß weil Schmerz im Spiel war. Denn Liebe mag manchmal schmerzvoll sein, doch ist sie niemals falsch.

Wir brauchen keine Menschen, die uns golden anmalen. Wir brauchen Menschen, die genau sehen, wo wir golden sind, und uns dahin führen, dass wir das auch in uns sehen. Und manchmal müssen wir solche Menschen sein, die anderen zeigen, wie liebenswert sie sind, damit sie sich einfacher selber lieben können, sich vergeben können, ankommen können – egal wie dicht der Nebel auch ist. Liebe für die Liebe.

Eine Liebe wird nicht nichtig, bloß weil sie nicht ein Leben lang andauert. Eine Liebe wird nicht größer oder kleiner, weil es andere Lieben gab. Liebe ist auch nicht etwas, das kommt und geht – nein, sie kommt und bleibt. Aber wir sind manchmal jene, die gehen – oder aber jene, von denen weggegangen wird. Wir brauchen keinen anderen Menschen, um Verbundenheit und Zugehörigkeit zu leben, wenn wir denn bei uns selber anfangen. Und sobald wir mit uns selber anfangen, werden wir bald merken, wie der Lebensnebel uns umhüllt und uns alle unsichtbar und wie auf Watte verbindet – mich mit dir, dich mit ihr, sie mit mir.

Peggys Alltag pendelt normalerweise hin und her zwischen Fluchtgeschichten, sozialem Unternehmertum und philosophischen Denkausflügen. Momentan haben letztere Priorität – es gibt scheinbar doch gewisse Fristen in der Denkfabrik. Nach dem Alltag geht sie alleine tanzen, trinkt Frischgebrautes zu leckeren Eigenkreationen, lernt entweder unbekannte Gesichter kennen oder trifft sich mit den Bekannten und schlägt ab und zu sehr geschäftig die Zeit tot – wie sie gehört hat, wird sich diese ja revanchieren.

Headerfoto: Alexandra Baggs (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons License 2.0!

imgegenteil_Peggy

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