Kurzurlaub – Ich liebe dich nicht mehr. Wirklich.

Zu diesem Text vorweg gesagt: Ich liebe dich nicht mehr. Wirklich. Aber das weißt du ja.

Du holst mich am Bahnhof ab. Neuer Wagen, man hat es ja. Generell hast du alles, seitdem du 500 Kilometer von mir wegziehen musstest. Wolltest. Einen festen Job, neues Auto, eigene Wohnung und natürlich supergeile Freunde, die dich nicht an deinem supergeilen neuen Leben hindern. Ich steige ins Auto ein und alles ist total vertraut – wie immer. Meine Gedanken schwirren umher, was wollte ich gleich noch mal? Ach ja: dich einfach noch mal besuchen. So um der alten Zeiten willen, nichts Ernstes. Bloß keinen falschen Eindruck erwecken!

Natürlich machen wir sofort Witze und lachen und ärgern uns. Schnell zu dir in die Wohnung, Sachen ablegen und los. Bin ja nur für eine Nacht hier, da sollten wir keine Zeit verschwenden. Diese schrecklich vertraute Wohnung! Wo wir lachten, tranken, liebten und stritten … eher stritten … zumindest gegen Ende hin. Und ich auf Knien die klebrigen Flecken der durchzechten Nächte vom Boden putzte, als du von der Arbeit kamst. Ich wäre echt ne tolle Hausfrau – 500 Kilometer weiter weg.

Natürlich fallen wir auf dein Bett und haben Sex. Da braucht es nicht viele Worte, wir kennen uns ja.

Wir küssen uns, so wie wir das halt immer tun, wenn wir uns sehen. Natürlich fallen wir auf dein Bett und haben Sex. Da braucht es nicht viele Worte, wir kennen uns ja. Wie lange noch mal? Ach ja: sechs Jahre, da muss man ja nicht gleich ans Heiraten und Kinderkriegen denken. Ich für meinen Teil bin ja sowieso voll locker drauf und versuche dir zu versichern, dass ich nichts Ernstes und einfach nur Spaß will. Mal meinem Alltag entfliegen. Dem Stress, der 500 Kilometer weiter weg wartet, dem Umzug, dem Prüfungsdruck.

Du? Du bist einfach nur ein Kurzurlaub für mich. Wir ziehen uns an, gehen eine Kleinigkeit essen und danach durch die Stadt bummeln. Ich liebe diese Stadt, sie ist so schön. Ich kann verstehen, warum du dich für ein Leben hier und gegen mich, warum du dich für ein Leben gegen mich entschieden hast. Ich hasse diese Stadt! Hasse sie so sehr, dafür dass sie dich mir wegnahm.

Diese verdammte Vertrautheit! Unsere Hände streifen sich, öfters. Händchen halten? Was ist, wenn uns jemand sieht? Deinen Freunden wieder erklären, dass da „eigentlich“ nichts mehr geht. Ach fuck! Ich nehme deine Hand. Wird schon gut gehen! Geht ja immer gut. Ging die letzten vier Male Beziehung ja auch „gut“. Wir schlendern durch die Gassen und blicken durch die Schaufenster. Was haben wir uns da gerade angeschaut? Keine Ahnung, ich sehe nur die Spiegelung. Scheiße, zusammenreißen! Nichts Ernstes.

 Okay, Kino. Ich liege in deinem Arm, was auch sonst. Wir lachen viel. Aber noch viel mehr küssen wir uns.

Wir küssen uns ab und an – flüchtig, heimlich. Soll ja bloß niemand mitbekommen, dass wir wieder rückfällig werden. Abends noch mal in unserem veganen Lieblingsrestaurant essen gehen. So richtig schick, Fünf-Gänge-Menü. Läuft. Dabei hattest du mir doch gerade erst ein Kompliment für meine tolle Figur gemacht. Wird schon spät. Nach Hause? Nee. Bin ja morgen früh eh wieder weg. Okay, Kino. Ich liege in deinem Arm, was auch sonst. Wir lachen viel. Aber noch viel mehr küssen wir uns. Hatte ich mal erwähnt, dass ich deine Lippen mag? Nein? Na ja egal, eh nicht so wichtig.

Wieder zu Hause bei dir sitzen wir auf dem Balkon und schauen ab und an der Kerze oder den Sternen zu. Ich lasse Musik laufen – die du natürlich nicht magst. Mir egal, ist ja schließlich mein Kurzurlaub! Rotwein, Joint und dein Mund wechseln sich an meinen Lippen ab. Ich sitze auf deinem Schoß. „Wird langsam kalt draußen“, behaupte ich einfach mal. Außer deiner Wärme spüre ich ja eh nichts.

Kurz aufs Sofa kuscheln und noch nen Film schauen. Und natürlich schlafe ich vor Ende ein, wie immer. Aber dir hat der Film gefallen, wie immer. Doch – Achtung: Schlag in die Fresse – es ist nichts wie immer.

Wir legen uns ins Bett – ohne Sex,  so ist jedenfalls der Plan. Eh zu vollgefressen für auch nur irgendeine Art von Bewegung. Die Nebenwirkung von Marihuana und Liebeskummer (vergleiche dazu zahlreiche schlechte Liebesfilme) ist bekanntlich Hunger. Ich drehe mich weg. Du umarmst mich und das, obwohl dich meine Haare in deinem Gesicht immer störten.

Bei so viel Vertrautheit kann man ja auch schließlich ohne Beziehung nackt nebeneinander schlafen, da muss ich mich nicht für rechtfertigen.

Fast eingeschlafen überkommt uns doch schließlich die Lust. Wie denn auch nicht? Dein warmer Atem in meinem Nacken, deine nackte Haut an meiner. Und bei so viel Vertrautheit kann man ja auch schließlich ohne Beziehung nackt nebeneinander schlafen, da muss ich mich jetzt auch gar nicht für rechtfertigen.

Am nächsten Morgen picknicken wir noch schnell spontan. (Warum dreht sich an diesem Wochenende eigentlich alles ums Essen? Na ja … Liebe geht ja bekanntlich durch … Hölle! Ja, durch die Hölle, so ging das.) So richtig kitschig mit Decke und Omas Tupperdosen und so. Direkt an der Altstadt – so romantisch, man möchte brechen. Ein wunderschönes Panorama hat man von dem Berg hier.

Und plötzlich frage ich mich, wie es wohl wäre, hier zu leben, mit dir? Wäre es immer noch so schön? Oder würde der Urlaub zu grauem Alltag werden? Na ja, sechs Jahre. Man muss ja nicht gleich ans Heiraten und Kinderkriegen denken. Du bringst mich zum Bahnhof und küsst mich zum Abschied.

Bravo! Doch nicht so cool gespielt, Armleuchte!

Paar Tage später zurück in der Realität die Nachricht von dir: Du siehst in den nächsten Jahren keine Zukunft für uns. (Bravo! Doch nicht so cool gespielt, Armleuchte!)

Ach ja,  zum Schluss gesagt: Ich liebe dich – immer noch. Wirklich. Aber das weißt du ja …

Kaja ist 22, gehört zur Gattung der perspektivlosen, Langzeit-Geisteswissenschaftsstudenten. Momentan pendelt sie zwischen Verpflichtungen und Bett, genießt das wunderschöne Spanien und versucht durch die Distanz (oder eher den Hitzeschlag), die vergangenen Jahre, Männer und Gefühlsduseleien zu reflektieren. Ansonsten ist sie ein sehr angenehmer Mensch, behaupte wir jetzt mal so.

Headerfoto: Ellen Munro via Creative Commons Lizenz! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

imgegenteil_Kaja

1 Comment

  • Caro sagt:

    Ehrlich? Ehrlich?! Sowas funktioniert niemals niemals niemals. Ich war glaub ich auch genau 22 als ich dachte man könnte ja mal als „gute Freunde“ ein Wochenende verbringen. Die Hand war schneller in meiner Hose als ich gucken konnte. Ich fand’s suüer – für die paar Minuten.

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