Kreisbewegungen

Sich im Kreis zu drehen, hat allgemein einen eher durchwachsenen Ruf, in der Mitte eines Sees sind kreisförmige Bewegungen aber notwendig bis lebensrettend. Lebensrettend ist auch die Leere, die heute mal anstelle des Gehirns mit auf den Wannsee gekommen ist. Nach ein paar hundert Kreisen ist das Ufer in weiter Ferne, die Menschen, die wissen, wie absolut widerstehlich das Gesicht bei Heuschnupfen und Heulschnupfen aussieht, sind jetzt nicht mehr von den Vollidioten zu unterscheiden, die ihre Hunde und Kinder verprügeln. Die Wellen wellen rum, eigentlich könnte man ganz gut mit ihnen durchbrennen, nur halt ohne das Feuer, dafür ist es zu nass. Das neue Leben würde sicher auch ohne Stifte, Mastercards und mit etwas Willensstärke sogar ohne Erdbeereis auskommen. Am Strand jault ein Hund.

Der ganze Scheiß da unten, und das ist vermutlich eine Untertreibung, den sieht man nicht. Und was man nicht sieht, das ist ja eigentlich auch gar nicht da. Eines Tages liegt der fette, hässliche, schwere, schwarze Elefant, den jeder manchmal mit sich rumträgt, vielleicht auch da unten. Der Elefant, der schon lange nicht mehr im Porzellanladen abhängt, sich noch mal ordentlich vollgefressen auf das Herz gelegt hat. Selbiges hat deshalb jetzt Asthma. Da hilft auch keine Desensibilisierung auf Rügen. Alle Vorsätze, den fetten, hässlichen, schweren, schwarzen Elefanten im letzten Jahr, in der letzten Beziehung, am letzten Wohnort oder halt auf dem Mars zu lassen, sind gescheitert. Vorsätze haben nämlich eins gemeinsam: Im August erinnert sich niemand mehr an sie. Gerade ist August.

Die Hände, die entweder ganz oder gar nicht loslassen können, Dinge unterschreiben, die nicht glücklich machen, und auch nach einem viertel Jahrhundert Leben noch keinen Eyeliner auftragen können, die glitzern zwischen all den Kreisen unschuldig in der Abendsonne. Das ist genauso kitschig wie es klingt. Kitsch ist generell besser als sein Ruf, weil verlässlich und sofort identifizierbar. “Hallo, ich habe hier eine Prise Kitsch gefunden. Legst du jetzt den Arm um meine Schulter?”

Jede Schulter, jede Sommersprosse, jeder pink lackierte Nagel dreht Kreise und atmet Wellen ein, die gesünder sein sollen als herkömmliche Luft mit herkömmlichem Sauerstoff. Im Gegensatz zu den restlichen 364 Tagen weiß jedes Körperteil heute genau, weshalb es existiert und gebraucht wird, sogar die Augenringe, die keine Lust auf den neusten It-Roman hatten und nur deshalb mitgekommen sind.

Irgendwann setzt die Art von Erschöpfung ein, die keine halben Sachen macht und sich nicht lumpen lässt. Die Erschöpfung, die zwei Arme und zwei Beine hat, und erst als alle vier runterhängen, merkt, dass sie in einem riesigen Netz aus Gräsern und glitschigem Schilf gefangen ist. Man würde lauthals fluchen, die Stirn in Falten legen und ganz ernst gucken, aber die wenigen Wolken, das Schilf und der Horizont haben durchaus Besseres zu tun, als betroffen und mitleidig zu reagieren, deshalb kann man es auch gleich lassen. Der Elefant ist gerade auch nicht da, sonst könnte man einfach auf ihn draufspringen. “Sich zusammenreißen” genießt völlig zu Unrecht einen ausgezeichneten Ruf. “Sich zusammenreißen” klingt schon so nach Blut, als würde man durch den bloßen Akt des Zusammenreißens alles schlimmer machen, dem “sich” noch weitere Schmerzen zufügen. Schmerzen, die wirklich kein Arsch braucht. Natürlich tut man es trotzdem, kein guter Moment für Experimente.

Parallel dazu greift selbst “Tief durchatmen” nicht mehr – die Allzweckwaffe gegen Hunger, Krieg und Thrombose. Manchmal kann „Tief durchatmen” tödlich sein, jetzt zum Beispiel, und so kreisen die Arme und Beine benommen und in reduzierter Geschwindigkeit weiter. Das ist doch immer so, man liegt gekrümmt irgendwo rum, neben sich das gesamte Leid dieser Erde aufgestapelt und dann kommt von irgendwoher der Tropfen, der Fass und Augen zum Überlaufen bringt. Nur ist hier jetzt kein Tropfen, sondern ein ganzer See. Es gibt plötzlich nur noch oben oder unten, alles oder nichts, und für nichts ist es noch ein bisschen früh, alles ist da das kleinere Übel. Alles ist die Zukunft, die sich entgegen aller Gerüchte nie entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt neben einen legt, sondern wie unbeteiligt blubbert und sich an guten Tagen auch mal Knutschflecken von der Sonne machen und lauwarme Wellen über sich ergehen lässt.

In Caros Küche hängt seit Anfang des Jahres ein pinkes Plakat mit der allseits bekannten und dramatischen Aufschrift „Bring Wein mit, wir müssen über Gefühle reden“. Voll wichtig, das mit der Kommunikation. Fast so wichtig wie ab und an mit Wassermelonen zu telefonieren. Caro ist 23, freie Journalistin und öfter mal auf dem Sprung, manchmal um die Welt und manchmal durch den Wedding. Ihr Kiez sollte wegen Weltklassedöner übrigens ganz dringend zum Weltkulturerbe ernannt werden. Caro findet ihr auf ihrer tollen WebseiteTwitter und Insta. Guten Appetit.

Headerfoto: Vic. 夏 via Creative Commons Lizenz!

caroline_schmitt

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