Komet: Der mit dem Universum tanzt

So unüberschaubar Berlin oft anmutet, gibt es doch Gesichter, die einem immer wieder begegnen. „Komet“, der auch gerne als „Techno-“ oder „Seifenblasen-Opa“ bezeichnet wird, ist so ein Zeitgenosse. Wer sich die letzten Jahre auf einschlägigen Partys, Festivals, Open-Airs oder Straßenfesten getummelt hat, kam um den Mann mit dem weißen Rauschebart und dem Seifenblasenschwert nicht herum. Wir durften einen Blick ins private Reich des unorthodoxen Party-Rentners werfen und mehr über sein Leben und Lieben erfahren. Guten Rat an die Generation Maybe gab’s obendrauf.


„Ich mag es gerne unfertig“

Als wir die knarzenden Treppen zu „Komet“ Bernhard Ernstes Wohnung hinaufsteigen, regnet es tatsächlich Seifenblasen auf uns herab – ein paar kleine, für die Nachbarskinder. Der Empfang ist herzlich, die Realität bleibt draußen.

„Das ist eine Werkstatt oder ein schwarzes Loch. Hier komprimiert sich alles.“

Der Neuköllner Altbau, der fast ausnahmslos vom Boden bis zur Decke vollgestellt ist, mutet wie ein unergründliches Labyrinth an. Dabei strahlt dieses Zweizimmer-Panoptikum eine ungeheure Gemütlichkeit aus. Es fühlt sich fast ein wenig magisch an, wenn man staunend durch Komets Sammelsurien schreitet. Größtenteils stapelt sich Holz, aus dem der gelernte Schreiner seit Jahrzehnten leidenschaftlich gern Bilderrahmen anfertigt, an seinen Wänden. Spricht er von dem Handwerk, das er seinerzeit im Kloster erlernte, leuchten die blauen Augen.

„Ich bin der größte Bilderrahmenjunkie Berlins! Alles muss eingerahmt werden, jeder Abfall, alles!“

Und da der 66-jährige Mainzer unfertige Dinge den fertigen vorzieht, türmen sich bei ihm Holzrahmen in sämtlichen Herstellungsstadien, Formen und Größen. „Ich will auch selbst nie fertig werden.“

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„Dinge in die Hand nehmen – die Langeweile beiseite schieben“

Seit 14 Jahren macht Komet die Hauptstadt bereits unsicher und obwohl er inzwischen offiziell Rentner ist, kann von Ruhestand keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Seine Termine, die mittlerweile auch Radio- und TV-Auftritte umfassen, organisiert der tanzwütige Pensionär mithilfe eines ausgefuchsten Kommunikationssystems. Bewaffnet mit mehreren Handys (ich zählte fünf) und Kalender jongliert er zwischen Partyeinladungen, Videodrehs und Damenanrufen. Alle wollen ein Stück vom Kometen abhaben und winken mit Abholservice, Backstagepässen und feinstem Catering. Bernhard Ernste macht, was ihm gefällt – seine einzige Droge ist sowieso er selbst. In erster Linie wird der Partylöwe par excellence von einem tiefen Drang angetrieben, Dinge ins Rollen zu bringen und auf Situationen und Menschen einzuwirken.

 „Man kann ein Zünglein an der Waage sein!“

Berlin ist nur eine Station in der Kometenlaufbahn, das Feiern nicht Herausforderung genug. Die Kapitel in Komets Leben überschlagen sich geradezu: vom Messdiener zur Bundeswehr, von der Kunst in den Knast. Gewiss ist bei ihm eben nur das Ungewisse: „Mein Rhythmus ist unberechenbar. Ich bin weder Planet noch Mond. Ich habe keine Sicherheit. Wenn du einen Rahmen von der Wand nimmst, fallen alle anderen herunter.“ Doch im Gegensatz zum Großteil seiner Altersgenossen strebt Bernhard auch nicht nach Absicherung, sondern nach Achterbahn.

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„Sie suchte mich aus“

Manch einer mag den zahnlosen Mann mit dem geflochtenen, weißen Bart befremdlich finden, aber Komets Lebensenergie und Freude zieht Menschen automatisch in seinen Bann. Wer sich darauf einlässt, kann etwas erleben. Bei wie vielen der Tausendsassa schon derart eingeschlagen ist, lässt sich wohl kaum bemessen. Jeder Gang zum Bäcker kann ein Abenteuer sein. Eine, die es auch auf Anhieb traf, ist Monica. In der ganzen Wohnung finden sich Bilder der jungen Frau. Meist ist die kubanische Tänzerin darauf hüllenlos zu sehen. Die erste Begegnung von Komet und seiner „liebsten Freundin“ klingt geradezu filmreif: Er war gerade auf der Oranienstraße mit seinem Blumenrad unterwegs, als sie ihm „Hallo Zauberer!“ hinterherrief. „Als ich mich umdrehte und sie sah, dachte ich im ersten Moment ‚Nein! Zu jung und zu schön!’“ Das ist inzwischen zehn Jahre her. Die beiden tanzen immer noch gemeinsam durchs Leben, wobei Komet seine Monica auch gerne mal verkuppelt.

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„Wenn es jemand mit dir aushalten soll, sei nicht langweilig!“

Junge Menschen gibt es in Komets Leben nicht wenige. Warum es in einer Stadt wie Berlin auch einsame Herzen gibt, ist dem umtriebigen Rentner gewissermaßen ein Rätsel:

„Wir sind ja nicht in Tokio, wo man sich totschuftet. Ich kann nicht glauben, dass man, wenn man jung ist und auf die Straße geht, niemanden findet.“

Schließlich sei die Partnersuche heute im Vergleich zu seiner Jugend so viel einfacher und freier. Der Einwand, dass eine große Auswahl an potenziellen Kandidaten und Kandidatinnen die Partnerwahl nicht zwingend vereinfacht und in mancherlei Hinsicht eher verunsichernd wirken kann, leuchtet ihm jedoch ein. Von tinder hat er zwar noch nichts gehört, aber in Anbetracht solcher Neuerungen könnte er sich gut vorstellen, ein Institut zu eröffnen, „wo man andere berät, wie man in der wahren Welt an den/die richtige(n) PartnerIn kommt“. Klingt doch vielversprechend!

Grundlegende Voraussetzung für eine erfolgreiche Beziehung ist in Komets Augen allem voran die Liebe zu sich selbst. Wer mit jemandem zusammen sein will, müsse erst mal seine Eigenheiten und Macken akzeptieren und sich auch mal aus der Komfortzone raustrauen.

„Mein Rat an junge Menschen: wachse ein bisschen über dich hinaus und bleib’ nicht langweilig falls du denkst, du bist es!“

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„Auch an tristen Orten finde ich Schönes“

Unser Besuch im behaglichen schwarzen Loch neigt sich dem Ende zu. Anruf einer jungen Dame: „Gehen wir beide heute Abend aus?“ Vieles hat Komet aus seinem Leben erzählt und dabei auch Einblick in dunklere Episoden abseits von Getränkemarken und Dauerbespaßung gewährt. Denn neben all den Geschenken, die er täglich vom „Universum“ empfängt, musste er schwere Verluste beklagen – bei Weitem nicht nur materielle. Sein zuversichtliches, positives Denken verlor er dabei nicht:

„Ich versuche, aus allem das Beste zu machen. Das ist ein alchemistischer Vorgang: aus einer Sache mit einer niedrigen Schwingung eine Sache mit einer höheren Schwingung zu machen.“

Woraus sich diese lebensbejahende Haltung nährt, sieht man dem Seifenblasenkrieger auf seinem fortwährenden Feldzug gegen den Müßiggang im Grunde schon auf den ersten Blick an: Aus seinem eigenen inneren Kosmos. Ich bin in mir. Ich bin für mich. Ich bin ein Universum, wie jeder Mensch ein ganzes Universum ist.“

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Fotos: Jule Müller.

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