Körperkult

Meine Oma sagt, wir sind doch alle verrückt. Sie hat das Gefühl, niemand hat mehr Spaß am Essen und früher wäre das alles kein Problem gewesen, schlank zu bleiben, da gab es nämlich gar nichts im Überfluss. Heutzutage hingegen sprechen wir von Low-Carb, High-Fat, 801010, Paleo, und alles nur, um den perfect lean body zu erreichen. Zurzeit ist nicht mehr pro ana thinspiration gefragt, sondern fit is the new skinny. Zwar trotzdem noch mit Box- und Thighgap, aber bitte auch mit abs statt hervorstehenden collar bones. Manchmal frage ich mich, ob es diese Phänomene wirklich auch in Deutschland gibt, oder ob sie nur aus Amerika per Surfwelle im Worldwideweb herübergeschwappt kommen. Aber da auch auf den hiesigen Modeblogs mindestens ein juice cleanse und detox day-Eintrag zu finden ist, dauert es bestimmt nicht mehr lange und auch hier testen alle die 51 Bananen pro Tag Diät von Freelee.

Es hört sich vielleicht so an, als wäre ich eine derjenigen, die das Ganze vollkommen ins Lächerliche zieht und total drübersteht. Eine, die isst, was sie will und sich dann auch noch wohl fühlt in ihrem perfect body. Aber solange man nicht zu denjenigen gehört, die mit Modelkörper und 90-60-90 behaupten, sie würden natürlich alles essen und am liebsten Nudeln und Schokolade, macht man sich ab und zu und vielleicht auch noch etwas öfter Gedanken übers Essen. Den vorab Vorgestellten attestiere ich übrigens entweder die Kundgebung von Unwahrheiten (Ja, man wird von 10 Spaghetti mit Tomatensoße und 1 Teelöffel Schokoladeneis natürlich nicht dick) oder eine nicht behandelte bzw. selbst medikamentös herbeigeführte Schilddrüsenüberfunktion. Wenn ich abnehme, nehme ich zuerst – nein, nicht am Bauch – sondern an den Brüsten ab. Fabelhafterweise natürlich die einzige Körperregion, wo Fettansammlungen von der Gesellschaft als attraktiv attestiert werden. Worüber ich mich anscheinend freuen sollte ist meine Thighgap, die ich ehrlich gesagt erst als solche erkannt habe, als ich gemerkt habe, dass ein Name dafür existiert. Man muss dazu sagen, dass mir noch niemand Komplimente in Form von „Du hast aber eine außergewöhnlich schöne Thighgap!“ oder Ähnlichem gemacht hat. Ich glaube, das ist eine der Problemzonen, die Frauen erfunden haben, um ihre eigene Unzufriedenheit auf ihren Körper zu projizieren. An einer Thighgap kann man nämlich einfacher arbeiten, als an den wahren Problemen.

Gestern hat mir eine Freundin erzählt, wie sie manchmal beim Einkaufen vor Brot und Käse steht und Kämpfe zwischen ihrem schlechten Gewissen und ihren Gelüsten austrägt. Sie ernährt sich Lowcarb. Der Grat zwischen Ernährungskonzept und Zwang ist sehr schmal. Und ich beneide Menschen, die diese Gedankengänge noch nie hatten. Das unterbewusste Nachdenken über Nährstoffzusammensetzung, die Einteilung zwischen Gut und Böse. Das schlechte Gewissen, wenn man seine Hand wie fremd anschaut, weil sie gerade Sachen zum Mund geführt hat, die man doch gar nicht essen wollte. Die auf der imaginären Verbotsliste standen. Wie einen fremde Beine abermals zum Kühlschrank tragen, obwohl man doch eigentlich sitzen bleiben wollte. Keine wiederholt auftretenden Situationen, aber immer mal wieder. Ist man dadurch sofort essgestört? Und existieren überhaupt noch Menschen, die sich rein gar keine Gedanken über ihr Essen machen? Vielleicht ist auch das Wort Essstörung einfach nicht ganz passend, eating disorder – also eine Dysbalance bzw. Unordnung der Essgewohnheiten – passt vielleicht besser. Der Fakt, dass genug derjenigen, die auf ihren Food- und Fitnessblogs davon erzählen, wie sie früher essgestört waren und es jetzt mithilfe irgendeiner 801010/Atkins/etc. Diät in den Griff bekommen haben, spricht doch eigentlich vom genauen Gegenteil. Die Essstörung manifestiert sich vielleicht nicht mehr in zu hohem oder niedrigem Körpergewicht, aber die Gedanken und der Zwang der auferlegten Essensregeln sind immer noch existent.

Eine kleine Typologie. Da gibt es:

a) die Fitnessgirls im Fitnesslifestyle, für die die adäquate Ernährung natürlich dazugehört und das ist dann nicht krank, sondern gesund. Obwohl es einmal pro Woche einen Cheatday gibt, bei dem Bingeeating plötzlich auf der Tagesordnung steht.

b) Freundinnen mit weiblichen Kurven, die bauchfrei durch die Welt stolzieren, und sich anscheinend pudelwohl in ihrem Körper fühlen, aber gleichzeitig das Bedürfnis haben, alle, die nicht ihrem Figurideal ähneln, als „eklig“ oder „männlich“ abzustempeln.

c) Männer, die ständig irgendwelche Fotos von ihrem Essen posten, das aber mit ihrem Workoutplan perfekt kombiniert ist.

d) Raw-Veganer-till-4, die zusätzlich zum richtigen Essen auch noch die Welt verbessern.

Und noch viel mehr. Und alle, die diese Ernährungsgewohnheiten für krank halten, werden als neidisch betitelt. Das Problem in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ist, dass wir uns es leisten können, uns darüber Gedanken zu machen, was wir wann wie viel essen. Und das richtige Maß zu finden, ist nicht einfach. Jeder hat ein eigenes Bild vom perfekten Körper und es ist genauso krank anorektischen Modelmaßen nachzueifern, wie die Entwicklung, dass sich die Kleidergrößen in den Geschäften inflationär verändert haben. Irgendwie hat doch jeder von uns ein bisschen einen Hau, denn weder 10 Löffel Nutella aus dem Glas, noch 1 Blatt Salat sind wirklich eine adäquate Hauptmahlzeit.

Paula ist aufgrund eines großelterlichen Immobilienglücksgriffs immer mal wieder in Berlin, aber eigentlich studiere sie „was Gescheites“ eine Fernbuskurzreise weiter östlich. Ursprünglich komme sie aus dem Süden, aber vollkommen ohne Dialekt. Sie mag: während des Frühstücks im Schlafanzug die Sonntagszeitung lesen und schöne Dinge; sie mag überhaupt nicht: sich nicht entscheiden können, Kalendersprüche und zu wenig Schlaf.

 

Headerbild: girl_onthe_les via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Paula
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