Klaffender Abgrund

„Was ist dein Geheimnis?“, hast du mich mal gefragt. Auf der Suche nach dem dunklen Abgrund, in den ich dich ziehen könnte und vor dem du heute noch Angst hast, wenn du neben mir liegst. Ich hielt die Augen geschlossen, während ich nach einer Antwort suchte. Gefunden habe ich damals keine. Viel mehr schüttelte ich energisch mit dem Kopf, während  für deine Augen nicht mal ein Zucken meiner Mundwinkel sichtbar wurde. Keine Geheimnisse, kein Abgrund. Dass ich mich in dieser Sekunde selbst belog, war mir nicht bewusst. Und jetzt, heute, wenige Monate später, schließe ich die Augen und sehe die Antwort vor mir. Schmerzlich, deutlich.

Während ich versuche, das beklemmende Gefühl  herunterzuschlucken, bildet sich in meinem Magen ein Brocken. Schwer, ein bisschen heiß. Ich konzentriere mich auf das Gefühl, versuche es irgendwie in Worte zu fassen. Ich schließe kurz die Augen, die Worte rasen in meinem Kopf von einer Seite zur anderen. Ich bekomme sie nicht zu fassen. Ein Zustand, der mir nur allzu vertraut ist. Es sind Worte, die ich nicht greifen kann. Es sind Sätze, eine bestimmte Art der Betonung, kleine Pausen und du. Ich bekomme dich nicht zu fassen. Und manchmal, eigentlich viel zu oft, bekomme ich mich nicht zu fassen. Und das raubt mir den Atem.

In meiner Vorstellung schmeiße ich dir die Antwort vor die Füße. Da hast du es! Ich bekomme dich, mich, ich bekomme uns nicht zu fassen. Und dieser Zustand, dieser klaffende Abgrund, der da zwischen uns ist, lässt mir den Atem stocken. Auf der einen Seite bist du. Wartest, hoffst und hast doch so viel Angst. Vor mir, vor uns. Auf der anderen Seite stehe ich, mit zusammen gekniffenen Lippen, die Zunge blutig von dem Versuch, nicht zu sprechen. Manchmal, wenn der Moment uns überwältigt, und wir nicht fassen können, dass wir das sind, die sich da gegenüber stehen, schweben wir. Getragen von der Unvernunft, von dem Versprechen, das wir uns nie geben wollten. Der Abgrund, er erscheint dann fast friedlich. „Was kann uns schon passieren?“, frage ich. Dein Mund bleibt stumm, doch deine Augen erzählen Geschichten. Ich hör ihnen nicht zu, verliere mich stattdessen in dir und vergesse dabei fast, mich festzuhalten. Dafür sorgst du. Du hältst mich fest. Vielleicht, um dich zu vergewissern, dass ich da bin. Vielleicht, um dich zu vergewissern, dass du da bist.

Im nächsten Moment verändert sich dein Blick. Und ich starre dich an, versuche auch nur die kleinste Veränderung in deinem Gesicht wahrzunehmen. Doch es passiert nichts. Du hältst inne. Atmest ein und ich sehe, dass du die Worte herausschreien willst. Und bevor du etwas sagen kannst, drücke ich meine Lippen auf deine und verbiete dir so den Mund. Entferne ich mich wenige Millimeter, folgst du mir. Nimmst du dich ein Stück zurück, fange ich dich wieder ein. Zwischen all den unausgesprochenen Worten schwirren wir umher. Manchmal fühlt es sich an, als wäre jedes Wort zu viel. Oft verzehren wir uns aber danach. Ich nach deinen Versprechungen, du nach irgendeiner Reaktion. Dazwischen sind unsere Küsse. Nicht mehr, nicht weniger. Kann das genug sein?

Wage ich doch einmal den Versuch, es auszusprechen, wischst du meine Gefühle allzu oft mit einem Seufzer zur Seite. Schaffst Platz für deine Zweifel. Ich scheitere an dem Plan, die Lücken zu füllen, will eigentlich nur ein bisschen Watte rings um dein geschundenes Herz packen. Nicht viel, nur genug, um den Aufprall abzufedern. Der Aufprall, vor dem du dich so fürchtest. Von dem du glaubst, dass ich ihn für uns bereithalte. Dabei glaube ich, dass du derjenige sein könntest, der uns stößt. Vielleicht fallen wir nicht tief. Vielleicht rettet dich die Watte um dein Herz. Möglicherweise wartet am Abgrund nichts Schlimmes. Nur mein Geheimnis, nach dem du mich fragtest. Und all die unausgesprochenen Worte, die so schwer auf unseren Herzen lasten. Und in den Momenten, in denen wir über dem Abgrund schweben, wo nur du und ich und keine unserer Zweifel sind, glaube ich, dass da noch etwas ganz anderes auf uns wartet. Das Versprechen, das nur für dich, nur für mich bestimmt ist. Ich werde es flüstern, kaum hörbar. Du wirst es in meinen Nacken hauchen, kaum spürbar. Und der Abgrund wird unser Zufluchtsort sein.

Stephi ist 25 Jahre alt, lebt in der Provinz, weil sie einst zu viel Großstadtluft probiert hat. Nachdem ihr Widerstand zum Bröckeln gebracht wurde, ist sie mittlerweile auf der Suche nach etwas Großem. Ab und an klebt sie sich ein Pflaster aufs Herz, um es wenig später mit einem schnellen Ruck wieder runterzureißen. Ansonsten tut sie gern so, als wäre die Realität kein Problem für sie. Ist es in den meisten Fällen auch nicht. Nur manchmal, da gibt sie sich der Illusion hin. Aber nur kurz.

Headerfoto: Jasmine Bailey via Creative Commons Lizenz!

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2 Comments

  • WALTER sagt:

    Sprachlosigkeit und Gänsehaut – wie schon nach dem Text „Fallen ohne Absicherung“. Ich habe selten (noch nie?) zwei Texte gelesen, die das Zueinander finden und Auseinander streben zweier verletzter Herzen / Seelen so echt, sensibel und schön beschreiben. Chapeau – und bitte mehr davon!

  • Jess sagt:

    Mir fallen nicht viele Worte ein… außer: wundervoll.

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