Kann das schön sein

Ich hab mich so lange auf meine Einsamkeit verlassen. Sie mit möglichst vielen Menschen geteilt. Und weiß jetzt gar nicht mehr, ob sie mir überhaupt noch gehört. Weiß nicht, wer ich bin, wenn ich dir gegenübersitze.

Wenn wir reden und meine Gedanken alte Pfade beschreiten, aber ich mit dir neue Wege einschlagen will. Durchs Dickicht brechen, stolpern, aufstehen, in Fallen tappen, für eine Zukunft kämpfen und kein Risiko scheuen.

Du machst etwas mit mir, das ich kenne. Aber noch immer nicht verstehe. Nicht verstehen, nicht kontrollieren will. Machst mich nackt, aber nicht schwach. Machst mich mutiger, obwohl ich doch Angst vor dir habe. Bist das Märchen, in dem andere Regeln gelten, in dem der Drache den Prinzen verführt. Mit feurigem Blick und einem Goldschatz aus Geschichten.

Dabei bin ich für die Prinzessin gekommen. Weiß nur, wie man sie befreit, nicht, wie man sie links liegen lässt. Habe jahrelang trainiert, kenne jeden Schwertstreich. Sehe die Schwachstellen des Drachen, kann die Flammen spüren, bevor sie in meine Richtung strömen, aber breche in Schweiß aus, wenn sie mich treffen. Alte Narben berühren, meine Mundwinkel nach oben drücken.

Dabei habe ich mich immer nach dieser Hitze gesehnt. Neidisch auf das Feuer gestarrt, während ich zu Hause von meinen Abenteuern erzählt habe. Aber echte Geschichten kannst du nicht erzählen. Nur leben. Aufsaugen, inhalieren, schmecken, nah am Schmerz, nah am Abgrund, manchmal tränengetränkt.

Doch warum von Drachen und Prinzessinen reden, während wir durch diese wunderschöne Drecksstadt laufen, vor Bildern stehen bleiben, nicht wissen, was wir sagen. So oft. Nur wissen, was wir sagen wollen. Immer wieder. Geh nicht. Bleib.

Erzähl mir von früher. Damit ich unsere Zukunft verstehen kann. Also diesen kleinen Rest, der bleibt. Neben der unfassbar großen Wolke aus Möglichkeiten, die sich gerade vor die Sonne schiebt.

Ein Gewitter wird losbrechen, darf uns ruhig verschlingen, nass machen, ins Meer spülen. Denn ich brauche Urlaub von dieser Sicherheit, brauche Urlaub von mir. Nur ganz sicher nicht von dir. Zumindest nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen.

Sonst hätte ich kaum all das ohne Zweifel, ohne Zögern schreiben können.

Eigentlich kommt Julian aus Wien, ist aber irgendwie in Berlin gelandet. Hier schreibt er, manchmal auch für uns, oder macht “Irgendwas mit Brettspielen”. Früher hat er für die Liebe gearbeitet und sucht noch immer den richtigen Ersatz dafür. Außerdem liebt er Butter, Pudding und Thomas Bernhard. Mehr von ihm gibt es auf Twitter und Instagram.
imgegenteil_Julian

Headerfoto: Rocco Scuzzarella via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Written By
More from Gast

Du, sie und ich

„Was machst du gerade?“ – Ich wusste, es war ein Fehler und...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.