Johanna Adorján | Geteiltes Vergnügen

Johanna Adorján | Geteiltes Vergnügen

Er trug ein dunkles Hemd, er hielt sich aufrecht, nur wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass er komplett verloren war.

Auf den Punkt gebracht:

München. Tom und Jessica, eine Liebe, die aufregend beginnt und wie ein Komet Richtung Sonne auf einmal in die falsche Umlaufbahn gerät. Der Typ, ein selbstverliebter Geiger, ist eigentlich nur sein eigener Mittelpunkt, an dem Jessica zugrunde zu gehen droht. Das Buch hat alles, was die Liebesgebeutelten von heute wissen müssen. Hilfe, ich date ein Arschloch für Fortgeschrittene.

Wer soll es lesen:

Wie immer, die mit Liebeskummer, Münchener, perverse Komponisten, Frankreich-Urlauber, New Yorker Trottel, Trennungsexperten, Hoffnungslose, Gedemütigte und die, die es nicht mehr sein wollen.

Ist geil, weil:

Einst verbrachte ein Jüngling seine Zeit damit, in einer Quelle Wasser immerzu sein eigenes Spiegelbild zu betrachten, so lange bis er starb. Die Geschichte vom Narziss ist eine alte Legende, die in Johanna Adorjáns Roman einen neuen schrecklichen Glanz bekommt, so schrecklich, dass man das Buch eigentlich kaum zur Seite legen kann. Eine Nahaufnahme unseres geschundenen Selbst, die wir alle an die Liebe glauben wollen. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht das eigene Ebenbild des New Yorkers Tom, sondern die Frau, die sich seinem Charme völlig ausgeliefert immer mehr selbst zu verlieren droht. Denn richtig lieben kann der Typ nicht, und je mehr er sie zurückweist, desto stärker wird ihr Antrieb, ihn für sich zu gewinnen. So gesehen werden in Geteiltes Vergnügen zwei Mythen abgehandelt. Der Wunsch nach dieser erfüllenden Liebe, die übereinstimmende Koexistenz zweier Menschen, er schlummert nicht nur in Jessica, sondern in vielen von uns. Die ganze Nacht über Händchen halten, maximaler Verstandesverlust, einfach nur noch happy, happy, happy sein. Meist ist die Realität eine andere, die Stunden, die man mit Warten auf eine Nachricht verbringt, weilen länger im Gedächtnis als die Momente der Zärtlichkeit. Ein bombastischer Roman!

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„Wir benutzen einander und nennen es Liebe.“ Ein Zitat von Tennessee Williams. Ist da was Wahres dran?

Klingt auf jeden Fall gut und stimmt wahrscheinlich leider auch, weil das Ideal von Liebe – also alles daran zu setzen, dass es dem anderen gut geht – nicht immer hinhaut. Oft finden sich ja Partner zusammen, deren Defizite einfach so gut zu denen des anderen passen – und arbeiten sich dann daran ab und, ja, nennen es Liebe. Aber ich tue mich schwer damit, kluge Sachen über Liebe zu sagen. Da probiert einfach jeder so gut er kann vor sich hin.

An einer Stelle stellt deine Protagonistin sogar fest: „So viele Menschen sprachen von Liebe, trennten sich und drehten sich dann nie wieder nach dem anderen um.“

Ja, das finde ich immer so seltsam. Dass in Liebesbeziehungen oft so viel weniger möglich zu sein scheint als in Freundschaften. Wenn’s nicht klappt, wird es oft einfach weggeschmissen oder gegen was vermeintlich Besseres ausgetauscht. All die Hoffnungen, die man miteinander hatte, die Sehnsüchte und Wünsche: gelten nicht mehr, und im schlimmsten Fall wandelt sich der Mensch, den man eben noch zu lieben behauptete, in eine Art Feind. Ich habe Menschen immer bewundert, die es hinkriegen, mit ihren Exfreunden anschließend befreundet zu sein. Allerdings habe ich mal gelesen, dass die sich dann entweder immer noch lieben oder nie geliebt haben. Keine Ahnung.

Warum glaubst Du, will man es trotzdem immer wieder vom neuem mit der Liebe versuchen?

Es gibt eben wahrscheinlich die große Sehnsucht danach, nicht alleine durchs Leben stiefeln zu müssen. Wenn ich zum Beispiel alte Paare sehen, die Hand in Hand gehen, dann rührt mich das immer so. Manchmal frage ich mich aber, ob die sich nicht vielleicht gestern erst über eine Dating-Plattform kennengelernt haben. Und vielleicht wurde uns die Idee von der einen großen Liebe ja auch nur von Grimms Märchen eingeredet.

Bei mir ist Walt Disney an allem schuld!

Stimmt, immer der bescheuerte Prinz und die Prinzessin, die sich am Ende finden. Aber man muss auch sagen, dass es ja wirklich glückliche Paare gibt. Es gibt halt so viele verschiedene Arten von Liebe. Und so viele unterschiedliche Arten zu lieben. Es ist fast schon verkehrt, dass es immer dasselbe Verb ist, das man dafür benutzt. Und heutzutage, wo sich ja andauernd getrennt wird, ist halt alles unendlich kompliziert, weil es keine Regeln mehr gibt. Eine Freundin von mir sagt immer: Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Ich fürchte, da ist was dran.

Zufall spielt dabei auch eine große Rolle. Daran glaubt ja auch deine Protagonistin.

Ich auch. Timing ist alles. Man muss sich ja auch schließlich überhaupt erst mal begegnen.

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Ich habe ganz schön mit Jessica mitgelitten, die eine Art Obsession für diesen Kerl entwickelt, die einer Selbstgeißelung gleichkommt. Warum tut sie sich das an?

Ich glaube, dass sie durch diese neue Liebe hofft, auch etwas Neues an sich kennenlernen zu können. In unterschiedlichen Paarkonstellationen kann man sich ja selbst ganz anders erleben. Ich würde behaupten, dass sich fast jede Frau einmal in ihrem Leben in einen Tom verliebt. Eine Liebe, in der man sich selbst verliert, fast aufgibt – weil man einfach nicht einsehen will, dass dieser Mann eben nicht wirklich zu haben ist. Man ist überhaupt nicht mehr man selbst, wenn man in das Magnetfeld einer Figur mit einer solch starken Anziehung kommt. Es gibt doch diese Menschen, die auf einen so wirken, als würde durch ihre Präsenz alles wie mit einem Scheinwerfer angeleuchtet.

Bis das Licht eben ausgeht. Und in diesem Falle verschwindet die Nähe von Tom zu Jessica ganz plötzlich. Gestern noch war sie sein Mittelpunkt, plötzlich ist sie uninteressant und sie weiß nicht, wie es dazu kommen konnte.

Diese abrupten Wechsel von Nähe und Distanz erzeugen so etwas wie eine Sucht. Vielleicht ist es sogar wirklich eine Sucht. Wenn etwas besonders schön ist, und dann wird es einem auf einmal entzogen, dann gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt, als dieses Schöne wieder zu erleben. Jedes noch so kleine Detail, wie eine unbeantwortete Textnachricht, wird mit einem Mal zu einem riesigen Problem. Und die Gefühls-Amplituden sind riesig, nach beiden Seiten. Es gibt nichts Schöneres als ein kleines Zeichen, wenn man darauf verzweifelt gehofft hat. Kein Kuss fühlt sich besser an als einer, den man nie mehr zu bekommen gefürchtet hatte. Und derjenige, der nicht will, hat natürlich die Macht. Der kontrolliert, wann was geschieht. So kann jemand, der nicht gut auf sich selbst aufpasst, leicht in eine Situation vollkommener Abhängigkeit hineinrutschen. Ich hatte mal überlegt, den Roman „Eine Auflösung“ zu nennen. Wir werden Zeuge davon, wie sich Jessica, eine an sich vollkommen autarke, im Leben gut funktionierende Person, in dieser Beziehung innerhalb kürzester Zeit vollkommen selbst verliert.

Sie verbringt mitunter viel Zeit auf seiner Profilseite und vergleicht sich mit Bildern der Ex-Freundin. Ist da überhaupt noch jemand vor geschützt?

Ich glaube schon, dass das Internet alles nochmal verkompliziert hat. Jetzt wohnen wir alle in einem Dorf, in dem wir nur aus dem Fenster schauen müssen, um zu sehen, dass unser Ex auf dem Marktplatz mit seiner Neuen herumspaziert. Und alle wirken immer so unfassbar glücklich und obenauf. Im Grunde sollte man sich am besten nur in Leute verlieben, die nicht auf Facebook sind.

Ist der freiheitsliebende Tom egoistisch oder ist es Jessica, die versuchen will, ihn zu binden?

Beide nehmen sich da nicht viel. Um Tom mal in Schutz zu nehmen – er behauptet ja nie, dass er anders wäre als er ist. Er ist im Grunde ehrlich. Man kann es auch so sehen, dass Jessica selber schuld ist an der Misere, in die sie da reingerät. Es gibt schon oft diese grenzenlose Selbstüberschätzung, dass Leute glauben, mit ihnen werde alles anders sein. Was vor ihnen niemand geschafft hat: Sie werden das hinkriegen. Und da werden dann alle Warnsignale hoffnungsfroh übersehen und Ratschläge von wohlmeinenden Freunden als Frechheit empfunden.

Weißt du, was ich auch in puncto Liebeskummer ganz interessant finde, ist die Tatsache, dass einem die anderen immer erbärmlicher vorkommen als man selbst. Ich fühlte mich beim Lesen deines Buches ertappt. Wolltest du das erreichen?

Das ist natürlich immer die Hoffnung, dass der Leser sich in der Geschichte wiedererkennt. Dass die Geschichte größer ist als nur Jessica und Tom. Dass sich dadurch, im besten Fall, vielleicht auch etwas über Beziehungen heute erzählen lässt. Über die Unverbindlichkeit, die heute sozusagen offiziell erlaubt ist, die jemanden, der sich nach Verlässlichkeit sehnt, aber hin und wieder in große Nöte stürzt.

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Haben wir eine unstillbare Sehnsucht nach Liebe?

Sehnsucht denke ich, ja. Unstillbar, vielleicht. Ich bin wirklich keine Expertin in Sachen Liebe, ich bin da, wie wir alle, nur Amateur. Ich würde aber zum Beispiel vermuten, dass es besser wäre, nicht immer so viele Erwartungen an jemanden zu stellen. Der Partner soll irgendwie immer alles sein. Der beste Freund, gleichzeitig der umwerfendste Liebhaber usw. Das ist alles zusammen genommen ein bisschen viel.

Warum wolltest du die Geschichte von Tom und Jessica erzählen?

Ich schreibe immer über Sachen, die ich besser verstehen will. Ich selbst habe solche Liebesgeschichten schon erlebt, ich kenne andere, die genau darunter leider – ich wollte ergründen, wie es dazu kommen kann. Ich hoffe, es ist mir gelungen, Tom faszinierend genug darzustellen, wenigstens eingangs, dass man nachvollziehen kann, warum sich Jessica so Hals über Kopf in ihn verliebt. Und vielleicht können wir noch sagen, dass die Geschichte gut ausgeht. Sie hat ein glückliches Ende, auch wenn es nicht das aus den Märchen ist.

Nur mal so:

Johanna ist übrigens eine begnadete Journalistin, die unglaublich lesenswerte Artikel für die FAZ schreibt. Außerdem hat sie noch ein anderes schönes Buch geschrieben, das ebenfalls gesichtet werden sollte. It’s called: Eine exklusive Liebe. Richtig gutes Ding!

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Johanna Adorján Geteiltes Vergnügen, erschienen bei Hanser Berlin für 19,90 Euro.
Vielen Dank auch an die Bar Vögelchen in Kreuzberg.

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