Jil – Leben und Lieben mit Downsyndrom

Jil ist schon da. Sie sitzt im Café Rosenduft am S-Bahnhof Lichterfelde Ost, wo wir verabredet sind. Allerdings erst in zehn Minuten. „Ich war schon viel früher da“, sagt Jil, „ich war voll aufgeregt.“ Zum Glück bin ich auch so früh dran – und auch ein bisschen aufgeregt.

Jil ist 25 Jahre und hat Downsyndrom. Wir sind verabredet, damit sie mir erzählen kann, wie das so ist: mit Downsyndrom in Berlin zu leben. Und über Liebe wollen wir reden, dazu hat Jil nämlich einiges zu sagen. Im Café Rosenduft, wo wir uns treffen, ist Jil ein alter Hase, sie hat hier mal gearbeitet und das sieht man. „Thomas!“, ruft sie, als wir draußen auf die Bedienung warten, „komm doch mal raus!“ Sie bestellt einen Cappuccino, „aber ohne Sahne“, ist ja klar.

Jil wohnt in einer betreuten Vierer-WG in Lichterfelde. Die WG gehört der Lebenshilfe Berlin, einem Selbsthilfeverein, der Menschen mit geistigen Behinderungen unterstützt und begleitet. Jils Mitbewohner*innen sind ebenfalls geistig behindert oder haben Lernschwierigkeiten, genauso wie die Bewohner*innen der anderen WG in ihrem Haus. Die zwei WGs – insgesamt sind sie zu acht – unternehmen viel miteinander, kochen, machen Ausflüge, gehen zu Konzerten. Trotzdem führen alle ein eigenständiges Leben, sie gehen zur Arbeit, haben Termine und Verabredungen.

Das Ziel ist, dass wir selbstständig einkaufen können. Ich kann das zum Beispiel ziemlich gut, ich könnte schon fast wieder alleine wohnen.

Bei manchem brauchen Jil und ihre Mitbewohner*innen aber Unterstützung. Dazu gibt es Betreuer*innen in der WG, die mit den Bewohnern*innen individuelle Hilfspläne erstellen. „Ich kann mich selbstständig anziehen, andere können das nicht“, erklärt Jil, „oder manche müssen aufpassen, dass sie nicht zu viel essen, das muss ich auch nicht.“ Dafür braucht Jil Hilfe bei der Nagelpflege, manchmal muss man sie ans Duschen erinnern. Außerdem helfen die Betreuer*innen beim Einkaufen. „Das Ziel ist, dass wir selbstständig einkaufen können. Ich kann das zum Beispiel ziemlich gut, ich könnte schon fast wieder alleine wohnen“, sagt Jil und lacht.

Dabei ist es erst ein Jahr her, dass Jil von zu Hause in die WG gezogen ist. Vorher hatte sie einen Wohnvorbereitungskurs besucht. Ausziehen war trotzdem richtig schwer, zumindest am Anfang, erinnert sie sich. Für sie und für ihre Familie. „Manchmal wollen die für mich da sein wie für ein kleines Kind.“ Gehen und gehen lassen. Beides ist nicht einfach, das klingt immer wieder durch, während Jil erzählt. Zu Hause, das ist inzwischen die WG. Und sie liebt es, hier in Lichterfelde zu leben, es ist ihr Lebensmittelpunkt: Sie geht ins Café oder Eis essen, gerne auch shoppen in dem Einkaufszentrum am S-Bahnhof. Viele Leute kennen sie hier, das findet sie gut.

Nur zur Arbeit muss sie weit fahren: Jil arbeitet in einer Küche am Paul-Lincke-Ufer, zwei Mal umsteigen, bis man am Kotti ist. Dass das weit ist, finde aber nur ich, „das geht doch voll“, meint Jil. Es stört sie nicht, dass ihre Schicht schon morgens um sieben anfängt. In der Küche macht sie größere und kleinere Arbeiten – Nudeln aufwärmen, Eier pellen, Hamburger belegen (die gibt es da zum Frühstück!). Seit Neuestem steht sie manchmal an der Kasse beim Getränkeverkauf. Sie strahlt, wenn sie davon spricht: „Getränkeverkauf, das ist super!“

Ich bin zwar geistig behindert. Aber ich sehe nicht ein, dass andere mich deswegen weniger schätzen.

Aber nicht immer läuft alles so super in Jils Leben, das wird auch klar, wenn man ihr zuhört. In der Oberschule wurde sie gehänselt, sie sieht eben anders aus. Manchmal spricht Jil etwas undeutlich, Menschen mit Downsyndrom haben eine dickere Zunge. Und sie braucht mit manchen Dingen länger als andere. „Es ist mir schon passiert, dass Leute sagen: Du bist viel zu langsam! Beeil dich doch mal! Dann muss ich sagen: Ich kann aber nicht schneller!“, erzählt Jil. Das ärgert sie, sie wünscht sich mehr Verständnis von anderen Leuten: „Ich bin zwar geistig behindert. Aber ich sehe nicht ein, dass andere mich deswegen weniger schätzen.“

Trotzdem ist das eine ganz klare Sache: Das Downsyndrom gehört zu Jil dazu, genau wie ihre Berliner Schnauze und ihr ansteckendes Lachen. Ohne Downsyndrom würde sie nicht in der WG leben, die sie so liebt, sie hätte ihre Freund*innen nie getroffen und vor allen Dingen hätte sie Malte nicht kennengelernt. Und das mag sie sich kaum vorstellen. Malte ist Jils Freund, seit acht Monaten sind sie zusammen. Wenn sie von Malte spricht, gerät Jil sofort ins Schwärmen. Süß und charmant sei er, und er habe eine tolle Ausstrahlung. Und Jil und Malte können absolut offen miteinander reden, das schätzt Jil sehr.

Ich habe mich heimlich in Malte verliebt. So etwas habe ich noch nie gehabt!

Die beiden kennen sich aus einem Tanzkurs, das ist aber schon eine Weile her. Schon damals hatte Jil das Gefühl, dass Malte sich für sie interessiert: „Er hat probiert, vor mir cool dazustehen. Mich zu necken. Mich zu beeindrucken. Und dann habe ich mich heimlich in ihn verliebt.“ Bis da was lief, verging noch einige Zeit, Jil stieg nämlich aus dem Tanzkurs aus, da war dann erstmal lange Pause. Bis Jil in die WG gezogen ist. Und wer war wohl ihr neuer Mitbewohner? Ganz genau – Malte! Bis die beiden sich zusammen gefunden hatten, vergingen noch ein paar Monate. Doch als es so weit war, haben sie sich so richtig, richtig verliebt. Mit Schmetterlingen und Kribbeln und allem, was dazu gehört. Malte ist nicht Jils erster Freund, aber mit ihm ist alles ganz anders: „So etwas habe ich noch nie gehabt!“ Jil grinst über das ganze Gesicht.

Jetzt wohnen die beiden Verliebten also zusammen in der WG. Jil und Malte gelten als Traumpaar, klare Sache. Nur Jils anderer Mitbewohner fand das Ganze anfangs nicht so lustig, der ist nämlich ihr Ex. Inzwischen haben sich alle mit der Situation arrangiert, nur manchmal ist Eifersucht ein Thema. „Da gibt es immer Drama“, sagt Jil und verdreht die Augen. Ihr ist es wichtig, zwischen Liebe und Freundschaft zu unterscheiden. Und das erwartet sie auch von den beiden WG-Männern.

Liebe, das ist für mich Nähe und Geborgenheit und Zuneigung und Leidenschaft. Das brauche ich.

Liebe, das hat Jil schon immer interessiert. Über die Lebenshilfe hat sie vor einigen Jahren an einem Kurs zu Liebe und sexueller Aufklärung teilgenommen. Dort hat sie gelernt, sich genau über ihre Gefühle klar zu werden, und wie man richtig verhütet. Bis heute haben die Bücher, die sie liest, eigentlich immer mit Liebe zu tun. „Liebe, das ist für mich Nähe und Geborgenheit und Zuneigung und Leidenschaft. Das brauche ich“, erklärt Jil mit einer Überzeugung, die mich beeindruckt. Jil weiß genau, was sie will. Über Jahre hat sie sich nach einem Freund gesehnt und in dieser Zeit einige Beziehungserfahrungen gesammelt. Doch das war einfach alles nichts, nicht so wie mit Malte. Der ist der Richtige, da ist sie sich sicher.

Obwohl die beiden zusammen wohnen, sehen sich Jil und Malte nicht täglich. Malte ist  viel beschäftigt – er arbeitet als Kellner in Kreuzberg, trifft häufig seine Mutter („Ein echtes Muttersöhnchen“, stellt Jil fest, fügt aber hinzu: „Kann ich auch verstehen!“) und besucht einen Englischkurs. Wenn sie Zeit zusammen haben, gehen die beiden Eis essen oder ins Kino – was man halt so macht. Heute Abend sehen sie sich, sie sind jetzt nämlich auf den Tag genau acht Monate zusammen. Ich bringe Jil noch nach Hause, weil ich dort mit ihrem Betreuer sprechen will. Auf dem Weg kauft Jil einen Magneten („Wo Liebe den Tisch deckt, schmeckt das Essen“) und eine Postkarte („Schön, dass es dich gibt!“) für Malte. „Hoffentlich hat der auch was für mich“, sagt sie zu mir. Als wir in die WG kommen, stehen Kuchen und eine kleine Kerze für Jil auf dem Tisch. Na dann: Auf die nächsten acht Monate – oder Jahre!

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