Minusgefühle. Mein Leben zwischen Hell und Dunkel

Bock auf Lesen | Jana Seelig „Minusgefühle“

Wenn Menschen sagen, dieses Ich, das du gerade bist, das seist nicht du, meinen sie eigentlich, dass du nicht ihren Erwartungen entsprichst.

Auf den Punkt gebracht:

Jana Seelig ist Bloggerin, voll hübsch, voll intelligent, jung, eben das ganze Paket und trotzdem leidet sie unter einer schweren Krankheit, die man von außen nicht sieht: Depressionen. Darüber wie es ist, damit zu leben, hat sie in ihrem Buch „Minusgefühle“ geschrieben. Ein richtiger Schocker, der einem seitenweise ins Mark geht.

Wer soll es lesen:

Menschen mit Depressionen, Menschen ohne Depressionen, die, die vom Dorf kommen, Twitter-Privilegierte, Blue October Fans, die mit bekloppten Eltern, Raucher, Tee-Trinker und solche, die nicht abwarten können

Ist geil, weil:

Seelenschmerz 2.0

Irgendwann reicht es einer jungen Frau, die seit zehn Jahren unter Depressionen leidet und sie setzt einen Tweet auf, der nicht nur ihr Leben, sondern auch das tausend anderer Menschen auf den Kopf stellt. Unter dem Pseudonym Jenna Shotgun ärgert sie sich über einen anderen User und schlägt zurück: „Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.“ Das Wir und Uns sind entscheidend. Ein paar Tage später setzt Mali_2 den Hashtag #NotJustSad darunter, eine Plattform entsteht und mit ihr ein Ventil für viele mit ähnlichen Seelenschmerzen. Depression ist eine Schlampe, man darf mich zitieren, aber die Zeiten, in denen Depression als Zeichen kompletter Lebensunfähigkeit stigmatisiert wurde, sind nun endlich vorbei. Etwa ein Jahr nach dem Tweet erscheint „Minusgefühle“, jenes Buch, in dem die 28-Jährige ihr Leiden in all seinen schwarzen Facetten öffentlich macht. Nicht als Jenna Shotgun, sondern als Jana Seelig, ihrem richtigen Namen. Jana Seelig wird gewollt ungewollt zum neuen Gesicht der Depression. Eine Rolle, wie sie schwerer nicht sein könnte, aber wichtiger denn je ist. Tieftraurig und leidenschaftlich erzählt sie vom Riss in ihrer Seele, dem Nichts, aber auch der Hoffnung und Möglichkeit, die Krankheit Depression zu bekämpfen. Eine außergewöhnliche Frau, die noch lange nachdem das Buch gelesen ist, im Gedächtnis bleibt. Eine Frau, mit der ich vor allem eines gut konnte, nämlich lachen.

Nur mal so:

Wenn ihr noch mehr zu dem Thema Depressionen und der Geschichte von Jana Seelig wissen wollt, dann einfach mal hier vorbeischauen. Generell bietet das Internet viele Informationen, aber am besten man spricht mit einem Arzt, wenn gar nichts mehr geht.

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Was ist so das Dämlichste, was man jemandem mit Depression sagen kann?

Generell bekommt man einiges gesagt von Leuten, die das nicht als Krankheit akzeptieren wollen. Nr. 1 – Jeder ist mal traurig. Nr. 2 – Leidvergleich: Denk mal an die armen Kinder in Afrika, die haben nichts zu essen. Nr. 3 – Stell dich nicht so an. Anderen geht es auch schlecht oder viel schlechter als dir … Tja, und was soll ich damit anfangen? Davon geht’s einem auch nicht besser.

Du hast auf Twitter deine Depression öffentlich gemacht. Mit dem Hashstag #NotJustSad, begannen viele über ihre Erfahrungen mit Depression zu twittern und haben vor allem mit solchen Vorurteilen aufgeräumt.

In dem Moment, als ich das geschrieben habe, habe ich mich einfach super aufgeregt über eine Diskussion, die ich schon etliche Male geführt hatte. Es ist schwer, diese Situation zu beschreiben. Es ist tatsächlich einfach passiert, aber ich habe gar kein richtiges Gefühl oder Erinnerungen mehr daran. Das hat sich so ergeben, weil ich ganz viel rausschleudern wollte. Bevor ich meine Diagnose bekam, habe ich selbst diese Vorurteile übrigens auch gehabt.

Fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland erfüllen aktuell die Kriterien einer depressiven Störung, das entspricht ca. vier Millionen Menschen. Zehn Prozent der Bundesbürger erkranken einmal oder mehrmals in ihrem Leben an einer schweren depressiven Episode. (Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

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So wie ich das Buch gelesen habe, ist es aber auch sehr schwer, eine Definition zu finden. Ein Gehirntumor, schreibst du an einer Stelle, wäre dir schon fast lieber gewesen, weil das was Greifbares gewesen wäre. Ist das vielleicht ein Grund, warum die Leute sich so schwer damit tun?

Ich glaube schon. Man kann es auch auf viele andere psychische Krankheiten beziehen. Hinzu kommt, dass es unglaublich schwierig ist, jemand anderem diese Gefühle zu erklären. Man beschreibt durchaus etwas, dass viele kennen, aber in der Depression nehmen diese Emotionen dann ein ganz andres Ausmaß an. Hält das mehr als zwei Wochen an, spricht man schon von einer Depression. Wahrscheinlich hat das schon jeder mal erlebt, nur dass es bei den meisten dann vorübergeht und bei mir eben nicht.

Vieles, das ich in dem Buch gelesen habe, war recht heftig, ich will die Details hier nicht ausschlachten, aber kannst du trotzdem ein bisschen beschreiben, wie so eine depressive Phase bei dir aussieht?

Es ist total schwer in Phasen, in denen es einem gut geht, sich wieder in diesen Zustand zurückzuversetzen. Für mich ist es auch nicht nachvollziehbar, warum ich in diesen Momenten nichts gefühlt habe.

Scheinbar ist das Nichts-fühlen ein Merkmal davon.

Ja, einem ist alles egal, es ist nichts mehr da. Gar nichts mehr. Nach außen betrachtet merkt man das daran, dass ich nicht mehr rede. Ich liege den ganzen Tag nur im Bett, esse und trinke nichts mehr. Worte kommen gar nicht bei mir an. Die Welt ist scheiße zu mir und man hat das Gefühl, dass das auch nicht mehr aufhört. Du denkst, du stirbst, aber du stirbst nicht. Das Leben ist zu Ende, aber man muss trotzdem irgendwie weiteratmen.

Fast 90% der jährlich ca. 9000 Suizide und 150.000 Suizidversuche in Deutschland erfolgen vor dem Hintergrund einer oft nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung, hiermit mit Abstand am häufigsten depressive Erkrankungen. (Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

Was sind denn typische körperliche Symptome?

Auch das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Bei mir war es Gewichtsverlust. Migräneähnliche Kopfschmerzen und unglaubliche Rückenschmerzen. Mit den Tabletten sind die Symptome dann tatsächlich verschwunden. Man glaubt immer gar nicht, wie sehr Körper und Geist miteinander zusammenhängen. Als Kind litt ich an Neurodermitis. Das ging weg, kam dann aber mit den Depressionen wieder. Klingt absurd, aber es hängt miteinander zusammen.

Körperliche Folgen: Es gibt psychische Belastungen wie Stress, die einhergehen mit bestimmten körperlichen Begleiterscheinungen wie Schlaflosigkeit, beschleunigter Herzschlag oder Bluthochdruck und Migräne. Es gibt psychische Probleme, die nicht über Emotionen wahrgenommen werden, sondern nur durch eine Schmerzentwicklung an die Oberfläche geraten. (Diplom-Psych., Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert)

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Und wie geht man damit im Alltag um?

Ich bin ganz gut therapiert und mit Medikamenten behandelt. Es ist nicht mehr so schlimm. Früher gab es allerdings keinen Alltag. Ich habe einfach vor mich hinvegetiert. Zu meinen schlimmsten Zeiten gehörte, dass ich mir nicht mal eine Club Mate beim Späti kaufen konnte. Ich rauche viel und hatte nicht mal dafür die Kraft. Du musst erst mal jemanden finden, der sich dieser Krankheit annimmt und dir zeigt, besser zu leben. In der Verhaltenstherapie lernst du damit umzugehen, bestimmten Stresssituationen aus dem Weg zu gehen. Klar musst du arbeiten, Geld verdienen, dich um Dinge kümmern, aber am Ende musst du nur auf dich selbst hören. Dinge tun, die dir gut tun. Sobald man damit anfängt, geht es auch wieder nach oben.

Und wie ist das im Umgang mit anderen Menschen?

Das Problem ist, denen klarzumachen, dass das Abschotten nichts mit ihnen persönlich zu tun hat, sondern mit mir. Ähnlich wie bei schlechter Laune will man anderen Leuten nicht auf den Sack gehen und zieht sich vom Rest der Welt weg.

Ist es als Angehöriger klüger dich zu lassen oder dich zu motivieren?

Bei mir ist es so, dass man mich eher lässt. Eine Woche und dann ist es ein Herantasten. Einfach vor der Tür stehen und „komm wir unternehmen jetzt was“ geht bei mir gar nicht. Da dreh ich dann nur noch mehr durch. Ein vorsichtiges Anfragen ist okay, Hilfe anbieten auch, aber aufzwingen ist superschwierig. Ich kann da allerdings nur für mich sprechen. Das ist ein ganz individuelles Ding, was man in der Therapie für sich herausfinden muss.

Wann kam der Moment, als es nicht mehr ohne fremde Hilfe ging?

Das war kurz nach der Diagnose. Ich wusste nicht, was los war und was Depressionen überhaupt sind. In den Medien werden immer arme einsame Menschen ohne Freunde und Job gezeigt. Das war bei mir aber nicht so. Ich habe zu dieser Zeit noch für meinen eigenen Blog geschrieben, war relativ viel mit Leuten unterwegs. Das Klischee sah in meinem Kopf anders aus. Ich habe eine Weile gebraucht, die Diagnose zu akzeptieren. Trotzdem war irgendwann der Punkt erreicht, wo mir klar wurde, dass mein Leben langsam aber sicher vergammelt. Und dann habe ich eine Therapie begonnen, angefangen, Antidepressiva zu nehmen. Drei Monate später war mein Leben wieder normal.

War die Entscheidung Antidepressiva zu nehmen eine leichte?

Ja, ich hätte alles gemacht. In dem Moment war mir alles recht gewesen. Hätten die gesagt, wir müssen dir die Hand abnehmen, dann wäre das auch in Ordnung gewesen. Ich spreche hier von einem immensen Leidensdruck, auch wenn ich das Wort Leid nicht mag. Es war so schlimm, ich hätte alles über mich ergehen lassen. Alles, alles.

Bei der Vergabe von Medikamenten hängt es vom Schweregrad der Depression ab, aber generell kann man davon ausgehen, dass manchmal die Kombination von Medikamenten und Psychotherapie am effektivsten sein kann. Allerdings ist langfristig eine Therapie wirksamer als Medikamente. Es gibt viele Berichte von Menschen, die dermaßen unter Depressionsdruck standen, verzweifelte Zustände hatten, die sehr überzeugend erzählen, dass das Medikament es war, das ihnen wieder Hoffnung gegeben hat. (Diplom-Psych., Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert)

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Und dann der Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen. Auf einmal bist du in den Leitmedien. Welchen Einfluss hatte das auf deine Krankheit?

Das war total gruselig! Am Anfang habe ich mir gar nichts dabei gedacht. Ich habe mich mit einigen Leuten aus meinem Umkreis darüber ausgetauscht, die meinten, ich solle die Rolle doch annehmen. Einfluss hat es mit Sicherheit auf die Krankheit genommen. Allein durch die permanente Konfrontation damit, was im Alltag eigentlich so gar nicht stattfand. Plötzlich wurde es zu meinem Thema, ständig muss ich darüber reden und erklären. Es gibt eben eine Menge Gesprächsbedarf und viele sind dran interessiert. Es ist schon schwierig damit umzugehen, vor allem weil einen die Angst begleitet, dass es wieder ausbrechen könnte. Und das wäre das Allerschlimmste.

Hattest du Angst, dich auf romantische Beziehungen einzulassen?

Die Angst ist vor allem, dass ich die andere Person überfordern könnte. Ich kann jeden verstehen, der mit jemandem Schluss macht, weil er Depressionen hat. Ich war auch mal mit einem Mann zusammen, der unter Depressionen litt. Unsere Phasen haben sich abgewechselt und ich konnte es irgendwann gar nicht mehr ertragen. Im Moment bin ich auch in einer Beziehung, und da es mir gerade gut geht, ist es eigentlich kein Thema zwischen uns.

Bist du in Kontakt mit anderen, die selbiges Leid kennen?

Ja, ich bin mit einigen, die ich über #NotJustSad kennengelernt habe, im Austausch per E-Mail und treffe hin und wieder auch wen. Außerdem hab ich depressive Freunde, mit denen ich abhänge.

Welchen Tipp würdest du Betroffenen geben?

Immer zuerst zum Hausarzt, wenn der Verdacht besteht. Eine Depression kann auch körperliche Ursachen haben. Man muss selbst für sich rausfinden, was einem gut tut. Es gibt Leute, die reden viel, andere wenig. Man braucht da ein bisschen Bauchgefühl.

Was liegt denn jetzt vor dir?

Ich will auf jeden Fall noch ein Buch schreiben. Ich will machen, was ich liebe und das ist eben schreiben. Das ist etwas, was mich absolut glücklich macht.

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Jana Seelig Minusgefühle. Mein Leben zwischen Hell und Dunkel, erschienen im Piper Verlag für 14,99 Euro (auch als E-Book erhältlich für 11,90 Euro).

Wenn deine Seele so sehr schmerzt, dass nichts mehr geht, melde dich bitte umgehend bei einem Arzt oder informiere dich bei Freunde fürs Leben hier. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein. Wir haben dich lieb! 

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2 Comments

  • Super Beitrag!
    Ich finde es toll, dass so offen über das Thema gesprochen wird und diese Powerfrau ein Buch über Ihre Gefühle geschrieben hat.
    Ich selbst leide auch unter Depressionen und kenne die beschriebenen Gefühle sehr gut. Ich selbst habe auch festgestellt, dass mir das Schreiben sehr hilft. Einfach um loszulassen und mehr zu reflektieren. Das schwierige ist nur überhaupt mit dem Schreiben anzufangen wenn man in einem Tief steckt…
    Das Buch werde ich mir auf jeden Fall zulegen. Es ist immer schön im Austausch mit Menschen zu stehen, welche diese Gefühle kennen.
    Ich selbst nehme auch Medikamente und mache eine Gesprächtherapie.
    Damals bin ich sogar selbst zum Hausarzt gegangen und habe ihn um eine Überweisung zu einem Therapeuthen gebeten. Ich konnte einfach nicht mehr und wollte nicht weiter mein Umfeld mit meinem Zustand belasten.
    Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Nachdem nur die Gespräche mir nicht mehr geholfen haben bin ich dann auch auf Medikamente eingestellt worden.
    Zu Beginnn fiel es mir sehr schwer, weil ich es eigentlich aus eigenem Antrieb schaffen wollte.
    Aber im Nachhinein hat mich genau das aus meinem ach so tiefen Loch geholt.
    Noch schwieriger war in diesem Zusammenhang eher, dass mein Umfeld eher negativ darauf reagiert hat als ich gesagt habe, dass ich Medikamente nehme.
    Darum finde ich es super, dass durch dieses Buch jedem nahe gebracht wird was diese Krankheit bedeutet und dass auch die Behandlung, ob verbal oder medikamentös, etwas positives bedeutet.

    Lange Rede kurzer Sinn:
    Ich freue mich total über diesen Bericht und wünsche der lieben Jana alles gute und alles Glück der Welt.
    Ganz liebe Grüße

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