Ja, ich will. Und jetzt darf ich auch.

In den USA ist seit gestern in allen 50 Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Ehe legal. Ein großer Schritt für die Menschheit genauso wie für die Menschlichkeit. Jetzt ist Deutschland an der Reihe.

Bevor ich das erste Mal in die USA reiste, war es mir leicht gefallen, mich dem spätestens seit George W. Bush salonfähigen Anti-Amerikanismus hinzugeben. Das Gras war nicht nur nicht grüner auf der anderen Seite, es war vertrocknet, verfault, verseucht: die USA setzten sich zusammen aus tief verwurzeltem Rassismus, dem zunehmenden Erstarken einer religiösen Rechten, der Entrechtung der Armen, high end Konsum und grenzenlosem Kapitalismus, katastrophalen Waffengesetzen, miesem Fernsehen, fettigem Essen und adipösen Menschen.

Selbstverständlich relativierte sich so manches davon nach meiner ersten Reise. Was mir jetzt wie eine Binsenweisheit vorkommt, das überraschte mich tatsächlich: Es gab und gibt auch liberale, reflektierte Menschen in den USA.

Genauso selbstverständlich gibt es etliche der oben beschriebenen Probleme immer noch, gerade der Rassismus ist wohl so stark wie nie zuvor: Im Herbst letzten Jahres Ferguson, letzte Woche Charleston. Es ist erschreckend, dass die bloße Erwähnung der Ortsnamen ausreicht.

Geschichte, für die es sicht lohnt, Zeitzeuge zu sein

Umso erfreulicher ist, dass der Oberste Gerichtshof gestern in allen fünfzig Bundesstaaten die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnete. Wenn man von einem humanistischen Standpunkt aus argumentiert, kommt man nicht drum herum festzustellen, dass diese Entscheidung lange überfällig war. Dass das ausgerechnet aber in diesen USA geschieht, einem Land, in dem Präsidentschaftskandidaten genauso wie die Westboro Baptist Church Homosexualität eine Sünde nennen, ist ein beachtenswerter Schritt. Beachtenswerter Schritt, my ass: wir sind dabei, Geschichte zu schreiben. Eine, für die es sich lohnt, Zeitzeuge zu sein.

Umso trauriger ist, dass Deutschland es bisher nicht geschafft hat, ein derartiges Gesetz zu verabschieden. Freund A. fasste es heute Mittag bei Facebook ganz treffend zusammen: „Das muss man erstmal schaffen, in Sachen Humanismus und Toleranz hinter Texas zu stehen.“

Doch bis nach Texas muss man gar nicht gehen: Auch das katholische Irland hat sich vor ziemlich genau einem Monat mittels Volksabstimmung für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare ausgesprochen. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) verstieg sich der Saarbrücker Zeitung gegenüber zu der Äußerung: „Wir haben in der Bundesrepublik bisher eine klare Definition der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau. Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen, etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.“

Eine Entscheidung der Menschlichkeit

Nach schwerer, auch partei-interner Kritik und einer Anzeige einer Berliner Anwältin gegen Kramp-Karrenbauer wegen Volksverhetzung, ebbte die Empörung um ihre Äußerungen genauso ab wie die Lebendigkeit der Debatte. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschlands Regierung unter Kanzlerin Merkel nach den Ereignissen des gestrigen Tages nun wieder unter Zugzwang gerät. Bis dahin gibt es nach wie vor nur die sogenannten „eingetragenen Lebenspartnerschaften“, aber keine Gleichstellung in der Ehe.

Wenngleich das Fehlen eines solchen Gesetzes in Deutschland Anlass zur Trauer gibt, so war es doch eine Freude, die letzten anderthalb Tage bei Facebook zu verbringen. Ich unterstelle, dass nicht nur meine Timeline voll war von Begeisterung, regenbogengefärbten Profilbildern, von Sympathie, von Menschlichkeit. Der britische Autor und Schauspieler Stephen Fry sagte 2013 im ersten Teil seiner zweiteiligen Dokumentation Out There, bei der er sowohl homophobe als auch homosexuelle Menschen trifft: „Homophobia impacts on all of us. It diminishes our humanity.“

In diesem Sinne ist die gestrige Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, homosexuelle Paare vor dem Gesetz in den ganzen USA gleichzustellen, zuallererst eine Entscheidung der Menschlichkeit.

Und um mit dem australischen Comedian Jim Jefferies zu schließen: „If you don’t believe in gay marriage you’re a dickhead, because it’s got nothing to fucking do with you. Doesn’t matter who loves who or who wants to be with who. It’s none of your fucking business. If you hate gay marriage, you know what you should do? Don’t marry a gay person.“

 Martin Spieß macht unter dem Namen Vorband deutschsprachigen Indierock und schreibt belletristische Bücher. Sein Geld trägt er nach New York, zum Tätowierer oder in Motto- und Bandshirts am Leib – get over it. Im Herbst 2014 erschien das dritte Buch, sein erster Roman, und im September 2015 erscheint das zweite Vorband-Album „Haschemitenfürst“. Mehr dazu unter martinspiess.com und vorbandmusik.de.

Headerfoto: Robyn Ramsay via Creative Commons Lizenz!

Martin Spieß Autorenfoto

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