In meinem Gedankenkarussell: Nachts um 3 haben wir noch eine Zukunft

Ich denke nach über Dich, über mich und vor allem über uns, wie wir sein könnten, wenn wir dieses Mädchen und dieser Junge wären, über die Lieder gesungen und Filme gedreht werden. Ich denke darüber nach, dass wir es einmal waren und was sein könnte, wenn wir es noch immer wären.

Wenn das Lied noch nicht verstummt und der Abspann des Filmes noch nicht abgelaufen wäre. Und wenn jetzt noch etwas anderes da wäre, außer dem schwarzen Fernseher oder den rauschenden Lautsprechern in meinem Kopf. Unser Film ist vorbei – und ich sitze immer noch da und denke über alternative Enden nach.

Deshalb fahre ich jetzt Karussell. Gedankenkarussell. Es ist nach Mitternacht, da denkt es sich am leichtesten.

Einmal sehe ich mich vor Deiner Tür stehen. Meine Haare sind zerzaust, aber nicht auf die sexy Art, sondern so wie Haare eben aussehen, wenn es einem egal ist, wie sie aussehen. Du öffnest sie verwirrt, die Tür, und ich schlage Dir hastig vor, abzuhauen und uns auszuprobieren ohne diesen beschissenen Druck.

Du öffnest sie verwirrt, die Tür, und ich schlage Dir hastig vor, abzuhauen und uns auszuprobieren ohne diesen beschissenen Druck.

Ich sehe Dein verwirrtes, überfordertes Gesicht und suche ein Lächeln. Ich suche in Deinen Augen irgendwas Sanftes, Geduldiges, vielleicht ein bisschen Hoffnung, sehe aber nur, dass auch Du wenig geschlafen hast in der letzten Zeit. Ich beschreibe Dir, dass wir uns Die Kosten teilen würden und wenn wir pleite gingen, dann wenigstens gemeinsam und irgendwas würde uns schon einfallen.

Ich rede schnell, als würde uns jede weitere Sekunde, die ich mit Reden verbrauche, verloren gehen. Wir könnten Deine Musik hören auf der Fahrt, schlage ich vor. Die ganze Zeit und ich würde beginnen, sie zu mögen. Wir würden Gin trinken und unter den Sternen einschlafen, der Boden wäre steinig und wir würden uns ständig gegenseitig aufwecken, weil wir so unruhig hin -und herrollen würden. Immer wieder in unsere Arme.

Wir würden uns streiten und anschreien und in den Arm nehmen und küssen und weiterfahren. Manchmal würde ich von früher erzählen und Du würdest mir sagen, wer Du warst und wer Du bist. Wir würden uns das Wasser zum Zähneputzen gegenseitig aus einer Plastikflasche über die Zahnbürsten kippen und drei Minuten, manchmal auch länger, die Zähne putzen und uns vor die Füße spucken.

Wir würden ekliges Essen in Raststätten und Tankstellen kaufen und ich würde mich ekeln. Und Du würdest lachen. Ich würde mich übergeben und anstatt Dich zu ekeln, wäre es Dir egal. Du würdest sagen, ich solle zum Arzt gehen, aber stattdessen würden wir ans Meer fahren oder im Wald spazieren gehen.

Du würdest mich festhalten und ich würde lachen und mich umdrehen und Dich küssen.

Du würdest Stöcke sammeln und ich würde Dich dafür auslachen und Du würdest mir hinterherlaufen und mich festhalten und ich würde lachen und mich umdrehen und Dich küssen.

Ein anderes Ende zeigt mir Dich, wie du mir die Tür öffnest und mich siehst, wie ich Dich frage, ob Du bei mir sein kannst. Du stößt die Tür weiter auf, lässt mich an Dir vorbei gehen und kommst nach einigen Sekunden, die Du ins Leere starrst, hinter mir her, unsicher, aber auch ein bisschen entschlossen, legst dich neben mich auf Dein Bett.

Wir liegen nebeneinander und schweigen. Dann nimmst Du mich in den Arm. Wir sagen beide lange nichts, bis ich irgendwann leise zugebe, dass mir alles so leid tut. Du sagst, dass Du das wüsstest und Dir täte es auch leid und wir sollten uns nie wieder so leicht aufgeben.

Dann hältst Du mich lange fest und ich weine und Du auch, aber zum ersten Mal seit Wochen, weil wir es endlich geschafft haben und nicht, weil wir uns aufgeben müssen.

Dann hältst Du mich lange fest und ich weine und Du auch, aber zum ersten Mal seit Wochen, weil wir es endlich geschafft haben und nicht, weil wir uns aufgeben müssen.

All das sehe ich, denke ich und dann fällt mir ein, in welcher Verfassung ich bin, und ich denke daran, dass wahrscheinlich nicht mal ich selbst mir die Tür öffnen würde, mit den Tränen, den dunklen Schatten unter den Augen und den ungewaschenen Haaren. Immer noch so ambivalent und unsicher.

Ich überlege mir, dass es eine Möglichkeit wäre, dass ich glücklich werde und zufrieden damit, dass wir getrennte Wege gehen. Glücklich über die Trennung, die direkt in unterschiedliche Richtungen geführt hat, ohne den schmerzlichen Nachgang, bei dem sich einer wieder meldet und alle Wunden schonungslos aufkratzt, obwohl sie gerade fast dabei waren mit der Heilung zu beginnen.

Ich könnte dann immer wieder erstaunt darüber sein, dass diese Trennung weniger meinen Stolz verletzte, weniger an meiner Person kratzte als die letzte. Obwohl ich so viel mehr liebte als vorher. Wie das sein kann, könnte ich mich immer wieder fragen. Dass wir so gut auseinander gingen.

In einem anderen Karussell, denn meine Gedanken können nicht nur selbst Karussell fahren, sondern auch noch zwischen mehreren wechseln – was für ein Glück sie haben! Dann wird es nämlich nie, nie langweilig – habe ich Angst davor, dass Möglichkeit drei nicht aufgehen wird.

Neben meinem Sitz sehe ich dann endlich einen Sicherheitshinweis: „Achtung: Stufen der Illusion nehmen zu. Verwechseln Sie sie nicht mit der Realität.“ So sehr ich mir Möglichkeit eins und zwei wünschte, weiß ich, dass ich nicht vor Deiner Tür stehen werde, weil die verpönte Realität kein Film mit Ryan Gosling ist und ich nicht Emma Stone bin.

So sehr ich es mir wünschte, weiß ich, dass ich nicht vor Deiner Tür stehen werde, weil die verpönte Realität kein Film mit Ryan Gosling ist und ich nicht Emma Stone bin.

Dann weiß ich auch, dass mein letzter Film nicht aufgehen wird. Ich werde nie glücklich über die Trennung sein. Das ist sogar noch unwahrscheinlicher, als dass ich einen auf Emma Stone mache, die mit Tränen und Regenwasser auf ihrem Körper immer noch so grandios vor der Tür aussieht.

Das Karussell dreht sich weiter und weiter, schneller, dann wieder langsamer und wenn mir dann schon kotzübel von der Vorstellung ist, warte ich eigentlich nur, dass und wie sie wahr werden wird ­– die Realität. Wie ich oder Du unsere Wunden mal wütend, mal liebevoll wieder aufreißen. Dann weine ich und bin mir sicher, dass Du mir die Tränen wegwischen würdest, wenn Du da wärst. 

Debbie denkt oft an blöde Floskeln übers Glücklichsein und kommt zu dem Entschluss, dass die meisten kompletter Bullshit sind. Sie ist 20 und fängt bald an, zu studieren. Irgendwas mit Medien oder Kommunikation oder Philosophie oder so.

Headerfoto: Carlos Domínguez via Unsplash. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

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