In den Flow kommt man nicht auf der Titanic: Liebeserklärung an einen Lebenswandel

Mit 18 war mein großes Ziel, Griechisch zu lernen, damit ich mir irgendwann garantiert ohne Schreibfehler πάντα ῥεῖ – panta rhei (zu Deutsch: „alles fließt“) auf den Arm tätowieren lassen könnte. „Im Flow sein“, das wollte ich. Hatte aber keine Vorstellung davon, was das bedeutet.

Hätte, hätte, Ankerkette

Deshalb habe ich auch zuerst mal gelernt, wie man nicht in den Flow kommt. Man kommt beispielsweise nicht in den Flow, wenn man Bequemlichkeit mit Gefühlen verwechselt und Pflichtbewusstsein mit Freundschaft. Nicht, indem man sich für Bauchentscheidungen verflucht und dafür, dass damals der Punkt “aufgestellte Polohemdenkrägen” auf der Pro- und Contraliste Jura vs. Kulturwissenschaft schon irgendwie gezählt hat. Auch super: aus Angst vorm Alleinsein das Flugticket nach Brasilien stornieren, dann aber jahrelang den Ärger über die verpasste Gelegenheit mit sich rumschleppen.

Am Ende vom Lied mit dem Titel “Could have, would have, should have” steht dann die Erkenntnis, dass man sich so mit ein paar fetten Ankern im Boden des ganz persönlichen Flusses festgekettet hat.

Mind the Schlauchboot

Um diese Dinger abzuschütteln, findet jeder seinen eigenen Weg. Meiner war eine Mischung aus hartem Verliebtsein und Herzschmerz, Berufseinstiegslebensumkrempelung, Reisen und nicht zuletzt: Flow (aha!) Yoga. Dabei habe ich nicht nur Kopfstand gelernt, sondern auch: Jeder einzelne Atemzug zählt, nicht der dreifach verdrehte Körper. Wenn du nicht mehr kontrolliert atmen kannst, geh einen Schritt zurück, auch abseits der Matte. Egal ob Yogi oder nicht: Du kannst kein Kreuzfahrtschiff auf deinem Fluss lenken, wenn du nicht mal das Schlauchboot im Griff hast.

Hab von mir aus große Ziele, aber vergiss dabei den Moment nicht. Auch wenn der vielleicht nicht direkt was mit Geldsegen, Karriere oder der ultimativen Beziehung zu tun hat. Das macht übrigens auch mehr Spaß.

Die besseren Geschichten

Im Flow sein ist nämlich schon, bei Vollmond auf der Parkbank eine Schüssel Erdbeeren zu verspeisen und sich nicht blamiert zu fühlen, wenn man beim Sex versehentlich dumme Fragen stellt. Im Flow sein ist, auf der Straße einer Fremden für ihr Kleid ein Kompliment zu machen und ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt zu kriegen, die sie als dessen Designerin ausweist.

Im Flow sein ist, wenn dir jemand nach einer fünfminütigen Interaktion spontan einen Job anbietet. Wenn die Sitzkissen ganz genauso breit sind wie der Balkon und wenn das Abendessen darauf sich in eine Übernachtungsparty mit anschließendem herrgottsfrühen Freibadbesuch und Frühstück unter blitzblauem Himmel verwandelt. Im Flow sein ist, wenn man sich auf Anweisung einer Freundin für “den Weg der besseren Geschichte” entscheidet und dabei zufällig alte Freunde aus Schulzeiten wieder trifft.

Lerne schwimmen

Und in den Flow kommt man nicht durch systematisches Lebenslauf-Pimping oder indem man es allen recht macht, sondern wenn man ruhig atmet, auch wenn einen die Welt immer irgendwie verunsichert. Weil: Das ist echt ihre Lieblingsbeschäftigung. Einen paradiesischen Dauerzustand der totalen Sicherheit – den gibt es einfach nicht.

Ich habe übrigens bis heute kein Griechisch gelernt und weiß echt nicht, wie man die Titanic steuert. Auf meinem Körper sind auch keine Schriftzeichen eingraviert, aber immerhin ein Seepferdchen. Das ist nicht nur ein sehr emanzipiertes Tier, sondern auch ein echter Profi im Schwimmen. Wieso sonst würde man es sich schon mit sechs als Flow-Pate an die Badehose nähen?

Der Bruder von Ulrikes Mutter ist mit der Schwester ihres Vaters verheiratet. Wahrscheinlich glaubt sie deshalb nicht an Zufälle, liebt es aber umso mehr, wenn das Universum mal wieder mit dem Zaunpfahl winkt. Darüber schreibt sie gerne Geschichten (ganz wichtig: ohne Tippfehler). Meistens auf daysofyoga.de, zusammen mit ihrer Schicksalsgefährtin und Lieblingsyogalehrerin Dana.

Headerfoto: Amir Kuckovic via Creative Commons Lizenz 2.0 (Gedankenspiel imprint added)!

imgegenteil_Ulrike

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