Im Fenster sind Flugzeuge

Ich schaute aus dem Fenster und dann. Lange nichts. Ich schaute auf meine Finger, auf den abgesplitterten Nagellack. Sie sahen älter aus, noch ein kleines bisschen traurig, sofern Finger traurig aussehen konnten, dann waren es meine.

Ich schaute aus dem Fenster und dann. Flog ein Flugzeug vorbei. Der Himmel, so klar, so blau, dass es schon ein bisschen weh tat, aber genau deswegen konnte ich das Flugzeug sehen. Vielleicht war es verrückt, hier zu sitzen, zu gucken, nichts zu tun, als Gedanken gleiten zu lassen, um sie dann nur schnell genug wieder einzufangen, und ihnen zu sagen, dass das so einfach nicht ging. Und dann flog ein weiteres Flugzeug vorbei, einfach so, und mein Herz wurde ein bisschen leichter, auch einfach so.

Irgendwie war vieles wieder an seinen alten Platz gerutscht. Es tat gut, sich jeden Tag um immer weniger kümmern zu müssen. Und wenn ich beschloss, Musik anzumachen, dann war das nicht, weil ich die Stille nicht aushielt, sondern weil ich von diesem Lied erwartete, dass es den Restschmerz heilen würde. Doch es tätschelte mir lediglich auf die Schulter und sagte, ja, das machst du ganz fein mit dem Selbstmitleid, i know you well, oh, i know you well.

Mir fiel auf, und dabei nickte mein Kopf ganz leicht, dass ich vor der Zeit, in der ich aus Fenstern schaute, immer in der Tür gestanden war. Jeden verdammten Tag hat sich mein Körper in den Türrahmen geschoben. Ich passte seltsam gut hinein, vielleicht bin ich deshalb so lange nicht über die Schwelle gegangen. Ich stand, ich redete, gestikulierte, weinte und gab mich zum großen Finale hysterischen Lachanfällen hin. Die Palette meiner Gefühle verlieh dem sonst so ausdruckslosen Gesicht ein bisschen Farbe. Stand mir gut, die rosigen Wangen, die ich durch die kalten Nächte trug. Ich brannte innerlich aus und stieg gleichzeitig wie der Phönix aus meiner eigenen Asche. Die volle Verwandlung und ich schwöre, ich habe sie nicht beim Herrn Samsa abgeguckt.

Als alles vorbei war, kam erst mal der Boden. Dann das Bett, beides horizontal, aber ich arbeitete mich nach oben, das ging im Liegen, das wusste ich jetzt. Mittlerweile konnte ich sitzen und rausschauen, den Blick wagen, was außerhalb meiner frisch gestrichenen Welt eventuell möglich war. Nur, um das mal im Hinterkopf zu behalten.

Ich biss mir auf die Unterlippe. Das machte ich immer, wenn ich nachdachte. Das hatte weder etwas mit Hunger zu tun, schon gar nicht aber mit dem Versuch, anrüchig zu wirken. Das konnte ich gar nicht und außerdem war ja auch keiner mehr da. Ich biss mir auf die Unterlippe, so lange, bis sie weh tat, und ich es merkte. Dann hörte ich auf und schaute wieder aus dem Fenster. Da flog ein drittes Flugzeug vorbei und ich fragte mich, ob das schon immer so war. Ob ich sie sonst einfach nicht sah. Weil ich nicht rausguckte. Weil der Himmel nicht so klar war sonst. Weil es so viele Gründe gab, etwas nicht zu tun. Und nicht zu sehen.

Ich wünschte, ich hätte den Blick viel früher gewagt. Ich hab’ das nicht gewusst, dass da so viel mehr war.

Anika schreibt aufgrund eines hauseigenen Überschusses an Gefühlen. Wenn sie nicht ihren Reiseblog pflegt und virtuell streichelt, dann veröffentlicht sie Prosa oder reist um den Globus. Sie wohnt in München, wo sie die Redaktion eines kleinen Online- und Printmagazins leitet. Ihren Debütroman hat sie diesen Sommer fertig geschrieben. 

Headerfoto: Porsche Brosseau via Creative Commons Lizenz!

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