Ich und ich

Ich liebe flache Wortwitze, bin schnell zu erheitern, spontan, verständnisvoll und überhaupt nicht nachtragend. Ich kann gut zuhören und ebenso gut schlaue Ratschläge erteilen. Ich bin Travelbuddy, beste Zuhörerin, Hobbypsychologin, Trinkkumpanin und Freundin. Das alles bin ich. Zur Hälfte.

Meine andere Hälfte ist eine sentimentale Kuh. Sie ist ziemlich hinüber, selbstkritisch, unsicher, ängstlich und heult viel.

Du kennst meine zweite Hälfte nicht. Ich hab’ sie dir nie vorgestellt.

Manchmal denke ich, es ist nicht fair, dir nur mein halbes Ich vorgestellt zu haben. Von Zeit zu Zeit drängelt es sich jedoch nach vorne und will Beachtung. Von dir und von mir. Dann bin ich kurz davor, euch miteinander bekannt zu machen.

In meiner Vorstellung läuft das dann in etwa so ab: „Hey, das ist mein anderes Ich, von dem du nichts weißt. Schön, dass ihr euch endlich mal kennenlernt! Das ist diejenige, die wegen dir ständig so durch den Wind ist. Die wegen dir manchmal tagelang vergisst zu essen. Die bei traurigen Liedern jedes Mal in Tränen ertrinkt. Und die, die den ganzen Tag an nichts anderes als an dich denken kann. Immer, überall und ständig. Ich hoffe, ihr zwei werdet gute Freunde.“

Hm, schwierig.

Ich wische den Gedanken wieder weg und greife zum Handy. Bist du online? Hast du meine letzte Nachricht schon gelesen? Oder mir eine geschrieben? Ich will dich fragen, wann wir uns wiedersehen. Obwohl ich genau weiß, dass das meiner anderen Hälfte nur noch mehr sentimentales Futter geben würde. Hat was Masochistisches.

Vielleicht, ganz vielleicht, wenn ich mal so richtig mutig sein will, zeige ich dir ein klitzekleines Stück meiner anderen Hälfte. Mal sehen.

Diese ganze Selbstoffenbarungsscheiße ist nämlich nicht so einfach. Man muss über seinen Schatten springen und sich etwas trauen. Und man muss dem anderen vertrauen. Dass er irgendwie … nun ja … mitmacht. Und ich bin mir nicht sicher, ob du mitmachen würdest. Weil du oft ein großes Rätsel für mich bist. Du bist undurchschaubar und hast deine Geheimnisse. Einige kenne ich. Einige nicht. Persönliches muss man dir aus der Nase ziehen. Das weißt du auch und findest das gar nicht schlimm. Offensichtlich bist du gerne ein Rätsel. Aber das ist genau das, was mir Angst macht. Ich kann mir tausendmal ausmalen, wie ich dir davon erzähle, dass du der Grund dafür bist, dass ich so durcheinander bin. Und dann? Was passiert dann?

Diese Frage stelle ich mir so oft, dass sie mich mit der Zeit nervt. Weil sie unbeantwortet bleibt. So lange, bis ich den Mut finde, euch miteinander bekannt zu machen. Und bis es soweit ist, bin ich das, was ich immer bin: Travelbuddy, beste Zuhörerin, Hobbypsychologin, Trinkkumpanin und deine Freundin.

Lara lebt in Hamburg, macht beruflich irgendwas mit Medien und feiert die Tatsache, dass 30 sein nicht zwingend mit Falten, grauen Haaren und geistigem Verfall einhergeht. Eigentlich alles ganz geil gerade. Kopfkino gucken gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Da laufen schließlich die besten Schnulzen – straight outta real life!

Headerfoto: Yang Du (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

imgegenteil_lara
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