Ich und Er und Sie

Es geht doch nichts über verbotenen Sex. Ja, er ist der Freund deiner besten Freundin. Es steht schon in der Bibel: Du sollst nicht begehren, deines nächsten Weib. (Oder eben Mann.) Aber wen denn sonst, verdammt? Wen kennt man denn besser als den? Wie oft hat man es sich angehört, wenn sie über ihn gejammert oder von ihm geschwärmt hat? Wie oft hat man ihn in Schutz genommen, oder ihr zugestimmt, wenn er mal wieder nicht zurückgerufen hat/zu spät kam/ihren Geburtstag vergessen hat? Wie oft hat man sie beneidet um diesen gutaussehenden Typen, der so verliebt in sie war? Wie oft war man froh, nicht mit ihm zusammen sein zu müssen, weil man all seine Defizite kannte?

Und wie traurig war ich, als er sie am Bahnhof abgeholt hat, als wir nach zwei Wochen Rucksacktour aus Kroatien zurückkamen und ich allein in mein Zimmer musste und die beiden nach nebenan verschwanden, um ihr Wiedersehen zu feiern?

Auf mich hatte niemand gewartet und auf dem Anrufbeantworter war nur die Stimme meiner Mutter zu hören.

Ich hatte ja keinen Freund damals, als alle meine Freundinnen in festen Händen waren. Ich bekam das nie hin. Entweder waren die Männer nicht verliebt genug, oder ich nicht.

An diesem Abend saßen sie alle nebenan in ihrem Zimmer, wie so oft, immer saßen alle bei ihr.

Sie haben geraucht und getrunken und Musik gehört, ich war schon ins Bett gegangen.

Ich konnte nicht schlafen, wegen der Musik und weil ich mich drüben gelangweilt hatte. Sie führten Gespräche über Politik und anderes geistloses Zeug und der Interessanteste, das war er, aber er gehörte ja ihr und sie hatte sich in seine Arme gekuschelt.

Also hatte ich entschieden, hier allein zu liegen, im Mondlicht, das durch das geöffnete Fenster fiel.

Ich war deprimiert, weil ich diese Nacht verpasste, weil ich so unfähig war, Spaß zu haben, weil ich mit den anderen nichts anfangen konnte, weil ich überhaupt und sowieso alles falsch machte und deswegen zu Recht keinen Freund hatte.

Ella, die mit ihm und den anderen nebenan gesessen hatte, erzählte mir später, er sei plötzlich aufgestanden und hätte sich schon dort im Zimmer vor allen anderen das T- Shirt über den Kopf gezogen.

Seine Freundin, also meine Freundin, sagte nichts, vielleicht hatte sie es auch nicht bemerkt, oder war schon zu betrunken, ich weiß es nicht, ich habe sie auch nie danach gefragt.

Ich glaube, er hat noch nicht mal geklopft. Er kam einfach in mein Zimmer, nur in Jeans, das Mondlicht schien auf seinen nackten Oberkörper, er war schön und es wäre absurd gewesen, ihn abzuweisen.

Es ergab plötzlich einen Sinn, dass ich schon im Bett lag und es war richtig, dass diese Sommernacht und das Mondlicht und ich nun doch nicht vergeudet wurden.

Wir haben noch nicht mal Kondome benutzt und ein in dieser Nacht gezeugtes Kind, an dem wäre nichts falsch gewesen, zum Glück ist aber nichts passiert.

Am nächsten Tag hat er ihr alles gesagt und sie kam mir mit verweinten Augen auf dem Flur entgegen. Ich fühlte kein Mitleid, ich hatte nicht das Gefühl, ihr etwas weggenommen zu haben, sondern dass ich etwas bekommen hatte, was mir aufgrund meiner Jugend und der Mondnacht zustand.

Ich wollte ihn ihr nicht wegnehmen, ich wusste ja, wie schwierig es mit ihm war, ich fand gut, dass er mich gut fand und mehr nicht.

Wir haben nie darüber gesprochen.

Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Was in dieser Nacht geschah, hatte nichts mit ihr zu tun.

Aber wie hätte sie das trösten können?

Das ist das Schlimme am Betrug, dass es nichts mit einem zu tun hat.

Dass der Geliebte fähig ist, einen so vollkommen auszublenden, dass man ein paar Minuten, halbe Stunden, Stunden, für den anderen nicht mehr existiert.

Ich habe das Ganze in einer Kurzgeschichte verarbeitet, die nicht sehr gut geworden ist, trotzdem wurde ich damit an der Filmhochschule angenommen und so kam es, dass ich nichts Ordentliches studiert habe.

Headerfoto: Juan Pablo Colasso via Creative Commons Lizenz!

RUTH HERZBERG ist Autorin aus Berlin. Manchmal zeichnet sie auch. Webseite: frauruth.de und Facebook-Fanpage: www.facebook.com/FrauRueth. // Autorinnenfoto: Hannah Herzberg.

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