Ich liebe mich

Es hat mich traurig gemacht, zu lesen, dass jemand einer schönen und offensichtlich intelligenten Frau noch niemals „Ich liebe dich“ gesagt hat. Genug Honig ums Maul geschmiert, Butter bei die Fische, denn: Ich hab‘s ernsthaft zu oft gehört.

Oh, jammern auf hohem Niveau oder was? Geht‘s mir zu gut?

Von wegen. Ich hatte in der Vergangenheit mehr als eine knappe Handvoll ernsthafter Beziehung, die es über die Zweijahresgrenze geschafft haben – plus kürzere Dinger, die ich nicht als Beziehung zähle, aber in dem Moment definitiv mehr als nur eine Affäre waren. Das hängt viel mit meiner Familiengeschichte zusammen, mit der Sehnsucht nach festen Strukturen und dem Bedürfnis nach Geborgenheit in einem erhöhten Maße. Das erste Mal sagte mir jemand „Ich liebe dich“ als ich 14 war. Wir lagen auf seinem Bett, Ende des Sommers, aus einer Affäre mit einem zehn Jahre älteren Mann war mehr geworden, als uns beiden (naja, eher ihm) lieb war. Meine Reaktion: „WIRKLICH?“ und erst dann ein „Ich dich auch!“. Rückblickend war mein damaliger Freund eine wichtige Stütze für mich, ein wichtiger Mensch in meinen jungen Teenagerjahren und ein treuer Freund. Aber war ich wirklich verliebt? Ich glaube schon. Wahrscheinlich ja.

Jahre später, diesmal in meinem Bett mit einem Typen, den ich gerade erst seit kurzem kannte, aber unheimlich gerne mochte.

Ich sage, ganz klischiert: „Fick mich.“

Er sagt: „Ich liebe dich auch.“

Jetzt stell dir mal mein Gesicht in dieser Situation vor…

Der Anfang einer weiteren wertvollen Beziehung in meinem Leben, mit einem Menschen, der mich geprägt und unterstützt und den ich wohl auch irgendwie geliebt habe. Aber romantisch ist das nicht. Diesem Anfang wohnte leider kein Zauber inne, aber er half mir zu leben.

Ich bin jetzt nicht stolz darauf, dass mir diese Liebesbeweise so in den Rachen geworfen wurden. Im Gegenteil: Sie verunsichern mich. Mein Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Sicherheit und das fehlende Selbstbewusstsein mein Leben auch ohne Boyfriend auf die Reihe zu kriegen, machten mich zu einer beziehungsaffinen, fast schon -süchtigen Person. Ein Beziehungsprofi, sozusagen – aber die Single-Skills fehlten mir vollkommen. Mit den Jahren kam mir die Frage: Liebe ich ihn denn auch wirklich? Wie fühlt sich das an? Was mache ich hier?

Nun bleiben mir von diesen Beziehungen vor allem die Trennungen in Erinnerung. Neben den schönen Momenten und den klar guten Zeiten habe ich diese Männer verlassen, weil sie ihre Aufgabe als Partner erfüllt hatten. Sie verhalfen mir zu mehr Selbstbewusstsein, kamen aber nicht mit dem Ergebnis ihrer Bemühungen klar und ich ließ sie hinter mir, im Glauben auch alleine klar zu kommen, nur um in die nächste Semi-Beziehungs-Affäre zu schliddern.

Dass ich liebens-wert, nimmt man das Wort ganz genau, bin, glaube ich durch die Erfahrungen in meiner Vergangenheit durchaus. Aber ein Zweifel überkam mich manchmal: Kann ich denn selbst lieben? Oder suhle ich mich nur in der Zuneigung der anderen, ohne wirklich zu wissen, wie es sich anfühlt, zu lieben?

Diese Zweifel habe ich beigelegt. Mittlerweile stellt sich mir diese Frage nicht mehr, weil ich verliebt war, weil ich gemerkt habe, wie es ist, wenn man mitten im Leben steht und jemand dir den Kopf wider willen verdreht. Die Liebe und ich, wir sind dicke Bros.

Vielleicht sind wir auch zu dicke. Mir blieb so manche heiße, „lockere“ Affäre versagt, weil Typen mir an den Kopf warfen, dass sie Gefühle für mich hätten und mich deswegen nicht ficken wollen (wtf!) oder ich sei zu – Zitat – „relationshippy“ (WTF!) und das würde ihnen Angst machen. Ich wollte aber gar keine Beziehung, sondern die und dann laufen sie weg und wir können nicht mal rumtollen und rumalbern. MITTELFINGER!

Und dann verstehe ich, warum Menschen in Beziehung sind, die sie gar nicht wollen, weil es ja so bequem ist und man sich ja irgendwie aneinander gewöhnt, materielle Verflechtungen unvermeidlich werden, man sich das Leben ohne einander nicht vorstellen kann, usw, usw. Und es macht mich traurig und es macht mich betroffen und ich denke mir: Sowas will ich nicht. Wenn ich schon jemandem in meinem Leben Raum gebe, dann weil wir das beide wollen und weil es mein Leben um den Ticken besser macht, obwohl ja alles schon gut ist. Eine Beziehung ist schlimmstenfalls Falle, aber sie ist bestenfalls auch keine Rettung.

Was ich damit sagen will: Nur weil man die magischen drei Wörter gehört hat, sie dir jemand an den Kopf wirft, macht das leider noch lange keine guten Gefühle in der Magengegend. Eher so Brechreiz aus Überforderung. Mehr noch: ich habe sie zu früh, zu oft gehört und durch die Wiederholung haben sie an Bedeutung verloren. Meine eigene Biographie spielt da jetzt rein, meine eigenen Issues prägen den ganzen Sachverhalt stark, aber obwohl das olle Kamellen sind, prägt mich der Zweifel von damals und manchmal frage ich: Kann ich überhaupt lieben? Bin ich gerade ehrlich zu mir selbst, oder einfach nur bequem? Und auch wenn ich übelst, Oberkante-Unterlippe verliebt bin, die Zweifel nagen manchmal auch dann an mir und ich sitze da, lausche in mich hinein und sage mir: Ich liebe mich selbst. Und das ist das wichtigste, größte Kompliment, dass mir jemand machen kann. Das ist die Grundlage. Alles andere ist, stimmt die Basis nicht, auf instabilem Grund gebaut und muss in sich zusammenbrechen. Nur wenn ich mich selbst annehme, mich selbst liebe, kann ich mich deiner Liebe aussetzen.

Ich liebe mich, und dann dich. Sonst wird das hier alles nix.

Headerbild: Christina von Aves

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