Ich bin verliebt. Und stehe nicht mehr zur Verfügung.

Wenn sich zwei Menschen treffen und verknallen, ist es das reinste Feuerwerk. Es blitzt und knallt, man will es festhalten, jede Sekunde auskosten. Da kann ich als deine beste Freundin nicht mithalten. Da werde ich versetzt für eine Person, die du gerade drei Tage kennst. Und das ist eine Wahrheit, die noch nicht mal weh tut.

Als meine beste Freundin die Frau ihrer Träume kennenlernte, schlug bei ihr der Liebesblitz ein. So stell ich es mir zumindest vor, denn wirklich darüber gesprochen hat sie nie. Ständig tippte sie ins Handy, grinste aufs Display, hatte die Herzchen in den Augen, sah genau aus wie dieser süße Smiley, den sie seit neustem in jede WhatsApp-Nachricht packte.

Anfangs war zwischen uns alles noch wie immer. Wir haben uns fast täglich gesehen, zusammen gekocht, Filme geguckt, uns durch unsere Lieblingscafés geschlemmt. Doch irgendwann wurde aus einem Filmabend nur noch eine Folge unserer Serie, aus dem Kaffee-Nachmittag ein Espresso und aus dem Kochen ein bisschen Dip mit Brot. Dip aus dem Supermarkt auf dem letzten einsamen und trockenen Baguette vom Bäcker.

Wenn sie dann nach Hause ging, erzählte sie mir beim nächsten Treffen, dass sie dann noch rein zufällig ihre „Ich bin sicher nicht verliebt“-Frau traf und mit ihr ganz aufregende Dinge erlebte. (Das Wort „aufregend“ stammt von mir – sie erzählte den Abend eher nüchtern.)

Sie gingen tanzen und im Morgengrauen nach Hause (vermutlich Händchen haltend, aber dieses Detail hat sie ausgelassen), knutschten im Regen, erklärten sich die Welt. Ein romantisches Klischee jagte das nächste.

„Jetzt bist du aber verliebt, oder?“
„Nein. Sie ist auch ziemlich eifersüchtig, das nervt jetzt schon …“

Okay. Also buchte ich das unter „Affäre und wir schauen mal …“. Easy, kennen wir alle, benötigt keine weitere Erklärung.

Für den nächsten Abend waren wir verabredet. Meine beste Freundin sagte kurz vorher ab, weil ihre Flamme „spontan“ (Wieder mal.) vorbeikam und sie gerne den Abend mit ihr verbringen würde (Na, geht doch!), weil sie sich jetzt länger nicht sehen sollten (Oh, ach so?). Versteh ich trotzdem, klar, auch der vorerst letzte Sex mit der „Affäre und wir schauen mal“, ist wichtig genug.

Aber dafür, so schlug meine Freundin vor, komme sie am nächsten Abend ganz sicher mit zum Geburtstag unseres Freundes. Sie würde mich abholen. Den ersten Teil ihrer Ankündigung hielt sie auch ein, erzählte mir aber gleich, dass die Affäre krank sei. Halsschmerzen. Und keine Stimme mehr.

Von Wort zu Wort wurde ich angespannter. Ich ahnte schon, was sie hier vorbereitete und worauf das Ganze hinauslaufen sollte. Bevor wir gemeinsam beim Geburtstag ankommen konnten, saß meine Freundin schon in der Bahn auf direktem Wege zur Notfallapotheke. Und diese Frau, die ich mittlerweile noch nicht mal mehr kennenlernen wollte, lag noch nicht mal zu Hause im Bett, nein, sie arbeitete noch.

So viel Aufwand für eine lockere Affäre, in der angeblich jedes Gefühl fehlt?

Wäre es in Ordnung gewesen, wenn sie offen gesagt hätte, dass sie verliebt ist? Natürlich! Denn das, die frische Liebe, die zwar erst so kurz ist, sich aber fast unendlich anfühlt, ist eine Erklärung für alles. Und dann wissen wir alle, dass es gar keine andere Option gibt, als genau jetzt am Bett des Patienten zu wachen, Suppe zu kochen und den Kopf zu streicheln.

Und dann hätte ich wahrscheinlich mitgelitten. Oder zumindest hätte ich beim Suchen der Notfall-Apotheke mitgeholfen. Oder sogar in meinem Inventar gesucht, ob etwas für sie dabei sein könnte. Aber stattdessen ging ich alleine zum Geburtstag. Und war sauer.

Obwohl sie nachkam, war der Abend für mich gelaufen. Sie schien wie auf heißen Kohlen, packte nach zwei Drinks ihre Sachen zusammen und verabschiedete sich. Wir hatten dieselbe Richtung, also wollte ich sie begleiten, aber sie fuhr zu ihr, mit dem Taxi, leider die andere Richtung. Tschüss!

So. Da stand ich nun. Fühlte mich vor den Kopf gestoßen von meiner besten Freundin, die all das angeblich nur für ein Mädchen tat, für das sie noch nicht mal viel übrig hatte. Außer ein offizielles: „Wir verstehen uns schon gut, aber sie ist leider auch sehr eifersüchtig.“ Und ich frage mich: Wieso das alles?

Nehmen wir den Selbstschutz als mögliche Erklärung. Ganz nach dem Prinzip: Bin ich offen mit meinen Gefühlen, bin ich auch offener für die Liebe und eben auch für die Verletzung. Bin ich ehrlich und sage, dass es mich komplett erwischt hat, kann ich es nicht mehr runterspielen, falls es nicht klappen sollte. Der Selbstschutz macht das schon.

Aber ich frage dich: Wofür bin ich denn da? Habe ich nicht mehr als die offizielle Version verdient?

Oder nehmen wir die Angst davor, mich zu verletzen oder mich gar zu versetzen. Letzteres machst du eh, nur eben offenbar ohne triftigen Grund. Und ohne diesen zu nennen, verletzt mich das natürlich. Also machst du beides. Wenn du deine jetzige Traumfrau nicht bereits gefunden hättest, würde ich sie dir backen, wenn ich könnte.

Natürlich mit dem Wissen, dass ihr mehr Serien guckt, als wir es tun werden. Natürlich mit dem Wissen, dass du ihr anfangs mehr Zeit schenken wirst, als mir. Und natürlich – und das ist die größte Selbstverständlichkeit – mit dem Wissen, dass du glücklich bist. Und ich weiß und vertrage das in dem Glauben, deine freundschaftliche Nummer 1 zu sein. Das macht uns doch aus, oder nicht?

Ich möchte die Freude teilen, die sie dir macht. Ich möchte hören, wie sexy sie Russisch sprechen kann. Vielleicht kannst du es mittlerweile nachmachen? Ich möchte wissen, worüber ihr redet, wie das erste Mal Händchenhalten war, ob sie deine Hand zuerst genommen hat oder du ihre, welches Lieblingsessen es war, das du für sie nachts um 3 Uhr gekocht hast. Welche Filme ihr guckt und was sie an sich hat, dass dich so verzaubert.

Ich möchte hören, dass sie gerade deine romantische Nummer 1 ist, weil du eben diese kleinen Herzchen in den Augen hast. Und erst dann, wenn ich all das weiß, kann ich auch mit dir durch den Abgrund gehen, der vielleicht wartet, wenn es nicht klappt. Wir können sie dann gemeinsam hassen. Den abgelegten Selbstschutz kann ich doch ersetzen.

Aber das kann ich nur, wenn du mir sagst, dass sie dir was bedeutet. Denn auf die eigentlich so umwerfende Wahrheit musste ich alleine kommen.

Toni hat gerade frisch ihren Job beim Fernsehen gekündigt und ist jetzt bereit für das wahre Leben. Bereit für draußen, bereit, alles schriftlich festzuhalten. Sie liebt vor allem Menschen und deren Geschichten, Filme liebt sie nur, wenn sie sie ratlos zurück lassen. Außerdem hat sie eine ziemliche Schwäche für Oldies. Und: Wenn die wahre Liebe ein Film wäre, dann sicherlich ihr absoluter Lieblingsfilm.

Headerfoto: Daniela Brown via Creative Commons Lizenz 2.0. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

imgegenteil_Toni
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