Ich bin nicht verliebt – und liebe es

Verliebt zu sein, sei das schönste Gefühl der Welt, hört man so oft. Das stimmt vielleicht, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. Das habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren nicht einmal erlebt, dafür aber sehr oft die einseitige Verliebtheit.

Ich habe gewartet, bin hinterher gelaufen, um dann wieder zu warten. Habe Chatverläufe und Nummern gelöscht und Traurigkeit gespeichert. Habe gehofft, gewünscht, gesehnt. Und am Ende geweint.

Und dann kamst du. Ich fand dich von Anfang an attraktiv: groß, schöne Haare, tolle Augen. Als wir anfingen zu schreiben, war auch schnell klar, dass wir sehr gut und sehr viel zusammen lachen können. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, war ebenso schnell klar, dass wir auch miteinander reden können.

Stundenlang haben wir geredet und uns einfach durch die Stadt treiben lassen. Als du mir am Abend darauf noch eine Nachricht schriebst, hat mein Herz einen kleinen Hüpfer gemacht. Es war kein Sprung, die Welt stand nicht still und die Raupen, die waren immer noch Raupen.

Ich bin nicht in dich verliebt. Und das ist für mich gerade das schönste Gefühl der Welt.

Und das sind sie immer noch. Noch nicht mal verpuppt und erst recht keine Schmetterlinge. Ich bin nicht in dich verliebt. Und das ist für mich gerade das schönste Gefühl der Welt. Wir schreiben sehr viel und ich verbringe sehr gerne Zeit mit dir. Aber wenn du dich nicht meldest, warte ich nicht darauf.

Ich bin lieber einen Abend in Jogginghose allein, statt mir die Beine zu rasieren, um zu dir zu fahren. Es ist mir egal, dass du noch tinderst. Ich denke nicht darüber nach, mit wem du schreibst, nachdem wir gerade Sex hatten.

Dir geht es nicht anders als mir, das weiß ich, auch wenn wir nie darüber geredet haben. Und wir reden immer noch viel, aber sagen uns dabei recht wenig. Wir mögen uns, und sind vielleicht über ein Match verbunden, emotional aber kein Stück.

Es gibt dich und es gibt mich, aber es gibt kein “uns”.

Du lässt mich nicht an dich heran, das macht es mir leicht, mich dir ebenfalls nicht zu öffnen. Es gibt dich und es gibt mich, aber es gibt kein “uns”. Du wirst mich nicht verlassen, denn ich war nie bei dir. Auch nicht, als ich in deinem Bett lag. Du wirst irgendwann einfach nicht mehr da sein.

Ich werde nicht um dich kämpfen, denn ich bin damit beschäftigt, mich zu verteidigen. Wenn ich dich ab morgen nie wieder sehe, blicke ich trotzdem weiter nach vorne. Alleine, aber das bin ich mit dir auch. “Zusammen ist man weniger allein”, vielleicht ist es das, was uns gerade verbindet.

Ich weiß nicht, wie lang es so noch gehen wird. Vermutlich lernst du jemand neues kennen, vielleicht kennst du sie schon. Vielleicht sagst du es mir. Vielleicht auch nicht. Dann wird es sich einfach verlaufen, unsere Chatgespräche weniger werden und schließlich ganz aufhören, lange nachdem wir uns zuletzt gesehen haben.

Ich will mein Schutzschild noch eine Weile vor mir hertragen.

Vermutlich wird es so sein. Ich werde niemanden kennenlernen, denn sich kennen heißt, sich verwundbar zu machen. Das möchte ich gerade nicht, ich will mein Schutzschild noch eine Weile vor mir hertragen. So lange, bis es mir zu schwer wird und ich es ablegen muss.

Dann ist mein Sichtfeld wieder frei für Schmetterlinge, die nach und nach aus ihrem Kokon schlüpfen werden und auch meinen zerbrechen lassen. Dann bin ich frei. Genau wie mein Herz.

Auf diesen Moment freue ich mich. Und bis es soweit ist, genieße ich jeden Moment mit dir. Jeden Moment, in dem ich merke, dass es dich gibt und dass es mich gibt, und dass ich kein “uns” will.

Kristina hat nach fünf Jahren im ruhigen Beziehungsgewässer den Freizeitpark ihres Sex- und Gefühlslebens betreten. Meistens ist es eine Achterbahnfahrt, ab und zu der freie Fall und manchmal auch nur das Warten auf die Zuckerwatte. Und darüber schreibt sie jetzt.

Headerfoto: Pärchen auf Straße via Shutterstock.com! („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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