Ich bin nicht Sie

Ich bringe dich zur Tür, während du dir deine Jacke zurechtrückst, beobachte ich dich. Ich liebe es, wie du dich zurechtmachst, und den Duft deines Parfüms, den du hinter dir herziehst. Ich liebe es, wie du jedes Mal am Türrahmen stehen bleibst und mir noch etwas erzählst, aber alles so eilig, da du mal wieder verspätet bist. Ich liebe so viele Dinge an dir, besonders dein Lächeln.

Du hast nicht oft gelächelt.

Ich wünschte, du hättest es mir gesagt, eine kleine Anmerkung wenigstens. Irgendein Hinweis, der mich darauf vorbereitet hätte, dass dieser Abschied, diese kleine Umarmung, dieser flüchtige Kuss die letzten sein würden. Das wünschte ich, denn du wusstest an diesen Tag wahrscheinlich genau, dass sich alles, was wir bisher hatten, nicht wiederholen würde.

Ständig habe ich mich auf deine Nachrichten gefreut und im Nachhinein, wenn ich die ganze Situation nüchtern betrachte, waren sie doch nichts Besonderes – eine Ansammlung von bedeutungslosen Sätzen, in die ich mehr hineininterpretiert habe, als es eigentlich war.

Die Aufregung vor jedem Treffen und die Vorfreude, nur um vor dir dann doch zu versuchen „uninteressiert“ zu wirken. Du durftest schließlich nicht bemerken, wie verfallen ich dir bereits war, auch wenn ich es nie lange ausgehalten habe, so zu sein und du es insgeheim bereits wusstest.

Wieso tut man überhaupt uninteressiert? Du warst oft so. So unnahbar, während ich mich dir geöffnet habe. Und ich wollte nicht wieder die Art von Frau sein, die sich hingibt. Ich wollte ignorant sein, ich wollte, dass du derjenige bist, der kämpft. Dass du derjenige bist, der mich sehen will, und nicht nur, weil du zufällig nichts vorhast. Ich habe mein Bestes getan, mir ein Schutzschild aufzubauen. Ehrlich. War es vielleicht das? War ich doch zu kalt? Oder war ich unbemerkt doch zu anhänglich? Und wieder einmal suche ich den Fehler bei mir.

Aber vielleicht warst du einfach der Fehler.

Vielleicht warst du derjenige, der nicht zu mir gepasst hat und nicht andersrum. Ich mach mir nur was vor. Jetzt sitze ich hier und starre meinen Bildschirm an. Klicke einmal zu oft auf dein WhatsApp-Profil, um mich davon zu überzeugen, dass du online bist, aber nicht einen Gedanken an mich verlierst. Was für eine Zeitverschwendung.

Heutzutage sollte man sich nicht verlieben.

Ständig versuche ich mir das zu sagen, nur um mich vor genau solchen Situationen zu bewahren. Um mich einfach nicht darum zu kümmern, ob du oder jemand anderes sich noch bei mir meldet oder nicht.

Am Ende war ich mal wieder einfach nur eine nette Ablenkung und während ich gehofft habe, ich sei was Besonders für dich, hast du einfach gerade nichts Besseres gefunden. Und schon wieder rede ich mir ein, dass ich der Fehler bin. Fehler, Fehler, Fehler …

Was mache ich falsch?
Wieso reichte es nicht für mehr?
Wieso bin ich nicht genug?
Wieso war ich keinen richtigen Abschied wert?
Wenn ich dich nach Wochen der Funkstille fragen würde, wieso nichts mehr von dir kommt, würdest du eh nur eine Ausrede haben.

Aber die Wahrheit ist, ich bin nicht Sie.

Sie, die Person in die du dich einfach verliebt hast. Die Person, die das Funkeln in deinen Augen beobachten kann. Die Person, die dir ein Lächeln ins Gesicht zaubert, ohne dass sie sich anstrengen muss.

Manchmal muss man nicht alles falsch gemacht haben, damit es nicht klappt. Manchmal kann man auch alles richtig machen. Vielleicht kann ich nichts dafür. So wie du nichts dafür konntest, dass ich mich in dich verliebt habe.

Hätte ich also gewusst, dass dieser kurze Abschied an der Haustür nach unserem gemeinsamen Abend der letzte sein würde, dann hätte ich dich wahrscheinlich länger umarmt. Ich hätte dich wahrscheinlich länger geküsst und ich hätte dir wahrscheinlich etwas länger in die Augen geschaut, weil unsere Zeit nichtsdestotrotz schön war.

Aber ich bin nicht Sie, die Frau, in die du dich verliebt hast.

Kleinstadtblümchen, das seit zwei Jahren versucht, in Berlin eine Großstadtrose zu werden. Steht immer für ein Abenteuer in den Startlöchern bereit und hasst es, alleine zu sein, da sie ihrer Meinung nach dann zu viel über die Tragik der Liebe nachdenkt. Wartet darauf, dass ihr Prinz endlich mal die Zeit findet, bei ihr anzuklopfen.

Headerfoto: Ryan Longton via Creative Commons Lizenz!

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2 Comments

  • Mia sagt:

    Ich habe den Text vor wenigen Minuten zum ersten Mal gelesen – sicherlich aber nicht zum letzten Mal. Und jetzt sitz ich hier mit Gänsehaut, zittrigen Händen und leicht beschleunigtem Puls. Wie kann jemand mir Fremdes meine derzeitige Gefühlswelt so auf den Punkt bringen? Ich hätte es jedenfalls nicht treffender formulieren können – Danke dafür!

  • MarLa sagt:

    Hach… ich finde kaum die richtigen Worte, um zu beschreiben wie sehr mich der Text berührt. Selbst mit den identischen Gedanken und Gefühlen konfrontiert gewesen, musste auch ich einfach lernen zu akzeptieren, dass man machtlos ist im Bezug auf die Gefühle, die man bei einem Anderen weckt. Man könnte sich auf den Kopf stellen und verbiegen bis zum Gehtnichtmehr – man wird nie „sie“ werden. Aber das wollen wir ja zum Glück sowieso nicht. Der richtige Mensch für uns liebt uns so, wie wir sind. Beim richtigen Menschen können wir nichts falsch machen – und beim falschen nichts richtig

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