Ich bin jetzt 30 – ist das die Apokalypse?

Ich bin vor ein paar Wochen 30 geworden. Die große 30. Die, die oft schon zu ersten Lebenskrisen führt, wegen der biologische Uhren wie Zeitbomben ticken, die einen selbst die einfachsten Dinge infrage stellen lässt.

Hals über Kopf wird man plötzlich auf die Bühne geworfen. Licht aus, Spot an. Der Saal ist stockdunkel. Es riecht leicht muffig. Vereinzeltes Husten. Aus den Lautsprechern dröhnt die JeopardyMusik. Und dann steht man da oben wie angewurzelt, schaut verunsichert ins Nichts und bekommt einfach keinen Ton heraus. Bis die Souffleuse leise flüstert: „Jetzt verbeugen Sie sich doch.“

 

Klinkenputzen war gestern

Ich hatte mir eigentlich nie groß Gedanken über meinen 30. Geburtstag gemacht, weder mit 26 noch mit 29. Es scheint jedoch für viele ein brisantes Thema zu sein. Denn je näher ich dem Tag kam, desto mehr Frauen (und vor allem diejenigen, die die Zahl schon knapp überschritten hatten) fragten mich immer wieder, mitleidig oder mit sichtlicher Genugtuung, wie ich mich damit denn fühlte. So als ob ich mit 30 einen nackten walk of shame à la Cersei Lannister hinlegen müsste. Als Alternative zum Klinkenputzen versteht sich.

Mit 25 wurde mir ja bereits geraten, alles gegen Falten und Co. zu tun, weil es da nämlich schon bergab ginge – das sei nicht nur wissenschaftlich bewiesen, sondern auch einfach gesunder Menschenverstand. Aber mit der alles verändernden Drei kamen plötzlich auch noch Lifestyle-Ratschläge und Überlebensfragen hinzu. Es sei jetzt nämlich wirklich allerhöchste Eisenbahn für:

  1. Eine gute Festanstellung („gut“ war dabei dieses Wort, das keiner definieren, jeder aber nickend bestätigen konnte)
  2. Familiengründung, und zwar nicht als herumirrende Nomadin, sondern als normaler Mensch mit stabilem Wohnsitz
  3. Verantwortung, oder besser V-E-R-A-N-T-W-O-R-T-U-N-G, in allen Lebenslagen, für mich selbst, für andere, für die von mir abhängige Wohnzimmerpflanze
  4. Eine abgeschlossene Rentenvorsorge

 

Haribo macht nur noch Kinder froh

Zugegeben, die Rentenversicherung habe ich tatsächlich schon eine Weile, weil ich befürchte, dass es mir mit 65 mal noch viel schlechter geht als schon jetzt der Generation unserer Eltern. Aber wenn man die oben aufgezählten Dinge in seinen Zwanzigern hört, dann kommt einem 30 nicht wie das nächste Jahrzehnt, sondern eher wie das überübernächste vor.

Man denkt, dass dann alles auf einmal so furchtbar seriös und konventionell werden muss, dass nichts mehr von dem alten, doch ganz schönen Leben übrig bleibt. Back to the roots, nämlich zur Tauschwirtschaft: Chucks gegen Still-BH, Flugticket gegen Zahnersatz, bunte Tüte gegen Bio-Bananen.

Im Grunde genommen denkt man, dass man mit 30 einfach wirklich schon sehr alt ist. Der einzige Trost: Für jeden erreichten Meilenstein näht einem die Gesellschaft ein Seepferdchen auf, und die muss man dann fleißig sammeln, bis man irgendwann im großen Becken schwimmen darf.

Bei so vielen apokalyptischen Ansichten und ungebetenen Meinungen erstaunt es mich selbst ein wenig, dass ich nicht in die 30-Krise geraten bin.

Bei so vielen apokalyptischen Ansichten und ungebetenen Meinungen erstaunt es mich selbst ein wenig, dass ich nicht in die 30-Krise geraten bin. Vielleicht liegt es daran, dass mir die ominöse To-Achieve-Liste irgendwann im Studium abhandengekommen ist und ich so gut wie nichts davon abhaken konnte. Vielleicht war ich zu sehr damit beschäftigt, unentschlossen zu sein, Möglichkeiten auszuprobieren und meinen Faden schweinchenrosa zu färben. Vielleicht habe ich mir immer wieder selbst wie ein Mantra eingeprägt: Ich muss wohl irgendwo bei 20 stehen geblieben sein.

Dabei denke ich jetzt, dass ich gar nicht weiß, wie man sich mit 30 fühlen muss, welche Kriterien es zu erfüllen gilt. Ich weiß nur, dass sich dieses neue Alter eigentlich ganz gut anfühlt, weil „Intro“ jetzt nicht mehr nur die Einleitung auf dem Lieblingsalbum ist, sondern sich in einem selbst abspielt. Und das kommt nicht über Nacht. Es schleicht sich vielmehr leise an und richtet den Fokus langsam nach innen.

Wer man ist, wer man sein will, was man von diesem einen Leben eigentlich erwartet. Und genau in dem Augenblick fällt die Erkenntnis vom Himmel und landet mit einem lauten Rumms vor den eigenen Füßen: Ups, es gibt ja tatsächlich nur ein Leben!

 

Ist man mit 30 nicht zu alt für …?

Der einzige Haken, den das Älterwerden und diese allgemein Respekt einflößende 30 da für mich hatten, war die von mir lange und fälschlicherweise gehegte Vorstellung, dass für manches der Zug einfach abgefahren sei. Vor allem für das, was eine gehörige Portion Mut erforderte, z.B. Träumen nachjagen oder aus der Gewohnheit ausbrechen, etwas ganz Neues ausprobieren, Risiken eingehen.

Ich habe lange Zeit die (falschen) Erfolgsgeschichten verglichen und dann meinen Schluss gezogen. Nämlich, dass ich die großen Abenteuer vor x Jahren hätte wagen sollen. Erst vor ein paar Monaten, also mit Ende 29, habe ich begriffen, dass das Kokolores ist. Denn für Veränderungen ist es nicht nur nie zu spät; manchmal erfordern sie auch einfach den richtigen Augenblick, eine bestimmte Sichtweise oder Ausgewogenheit, die sich erst durch gesammelte Erfahrungen, gute und natürlich auch schlechte, entwickelt.

Manche Dinge ergeben und fügen sich erst, wenn Zeit und Verstand tatsächlich reif sind, oder wenn man schon 50 Mal gescheitert ist.

Manche Dinge ergeben und fügen sich erst, wenn Zeit und Verstand tatsächlich reif sind, oder wenn man schon 50 Mal gescheitert ist. Dann wird es vielleicht nicht wie geplant, aber eben anders, und anders kann genauso gut sein.

Diese 30 ist also wenn überhaupt die Apokalypse des Müssens und Sollens. Zumindest verstehe ich jetzt viel besser, wer ich bin und wo ich hinmöchte, was ich brauche und was nicht. Und das macht es mir leichter, im wahrsten Sinne. Ich kann nämlich endlich einen Haufen unnötigen Ballast über Bord werfen, Dirty-Thirty-Detox und so, und die neu gewonnene Energie und Leichtigkeit in echte, glücklich machende Herzensangelegenheiten investieren.

Das sind eben meine Meilensteine und dafür nähe ich mir dann selbst meine eigenen Seepferdchen auf.

Headerfoto: Frau im Blütenmeer via Shutterstock.com! (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

CAROLIN(A) widmet sich nach einer Auszeit vom Müssen und Sollen endlich voll und ganz dem Schreiben. Und so nebenbei: Dingen, die glücklich machen. Das sind immer Bücher. Filme und Serien. Gedanken rund ums Leben. Weißwein, halbtrocken. Wasabi-Erdnüsse. Blubberndes Apfelmus. Mehr von ihr gibt es bei Instagram.

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