Hungrig nach Liebe – wie sich leben mit einer Essstörung anfühlt

Wie fühlt es sich an, an einer Essstörung zu leiden? Wie fühlt es sich an, nicht in das Muster der Diagnostik zu passen – nicht dünn genug zu sein – und trotzdem zu leiden? Wie fühlt es sich an, sich selber keine Hilfe zuzugestehen, da man nicht den zahlreichen Stereotypen entspricht, mit denen man konfrontiert wird? Und wenn man doch um das Problem weiß, wieso bleibt man dann bei den schädigenden Verhaltensweisen?

Man muss bei sich selbst beginnen: Den Weg, den ich beschlossen habe zu gehen, wäre ich vielleicht nicht angetreten – oder erst viel später – hätte ich nicht das fachliche Wissen und die Einsicht, welche ich durch mein Psychologiestudium nach und nach bekam. Nicht umsonst ist Psychoedukation ein wirksames Therapiemittel: Krankheitseinsicht und Erkenntnis über Zusammenhänge bilden das Fundament vieler Therapieformen.

Krankheitseinsicht und Erkenntnis über Zusammenhänge bilden das Fundament vieler Therapieformen.

Am Anfang dieses Weges, der mich zurück zu einem anderen Umgang mit mir und einem anderen Blick auf mich selbst führen sollte, war es schwer, das Wissen über bestimmte Störungsbilder abzustellen und sich auf die Patientenperspektive einzulassen.Und auch wenn man nicht „vom Fach“ ist, erfordert es ein hohes Maß an Beobachtungsfähigkeit, um zu begreifen, wie man sich tagtäglich fühlt und wie man sich geißelt. Aber man kann sich dazu bringen loszulassen und von vorn zu beginnen: bei sich selbst.

Behandle dich selbst wie deinen besten Freund: Psychische Ticks und Störungen sind oft reaktiv und kommen nicht von „Innen“. Sprich: Man reagiert auf verschiedene äußere Faktoren auf eine gewisse Art und Weise. Zum Beispiel, weil wir uns selbst zu wenig kennen, unsere Bedürfnisse nicht anerkennen, Schwächen nicht zulassen, Stärken ungenutzt lassen.

Je mehr Einsicht wir in unsere Handlungsmuster und Bedürfnisse erlangen, desto besser geht es uns. Und dazu gehört Akzeptanz. Behandle dich selbst wie deinen besten Freund. Erkenne Muster, unter denen du leidest, und verstehe, warum automatische Gedankenprozesse ablaufen. Denn erst wenn man sie versteht, kann man die eigenen Probleme überwinden.

Ich wünsche mir mehr Offenheit und Sensibilität für das Thema. Dazu gehört für mich: darüber zu sprechen!

Ich wünsche mir mehr Offenheit und Sensibilität für das Thema: Zu dieser Akzeptanz, die ein Meilenstein auf dem Weg der Genesung ist, gehört auch, so offen damit umzugehen, wie es einem selbst eben nützt. Dazu gehörte für mich ab einem Punkt, an dem ich es alleine nicht mehr bewältigen konnte: darüber zu sprechen. Mit meiner besten Freundin, mit meinen Eltern, mit meinem Therapeuten und letztlich mit jedem, der mir irgendwie nähersteht.

Und dazu gehört der Mut, mit den klassischen Stereotypen aufzuräumen. Dafür muss man sich jedoch zu allererst eingestehen, dass man Hilfe braucht und sich vor allem erlauben, diese auch einzufordern. Wer auch immer das nun liest, möge vor allem meinen Beweggrund für diesen Artikel verstehen: Sensibilität für das Thema zu wecken und Berührungsängste abzubauen.

Essstörungen – Ein Schrei nach Aufmerksamkeit?: Es fühlt sich verdammt beschissen an, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass man leidet. Warum man leidet, auch wenn man vielleicht nicht danach aussieht.  oder warum man diese zerstörerischen Mechanismen nicht abstellen kann, wenn man sie doch schon erkannt hat.

Manchmal frage ich mich, ob man einem Arzt auch vorschlägt, sich selber zu behandeln, wenn er eine schwere Krankheit hat. Eine Krankheit, die ihn schwächt, deren Ergebnis ungewiss ist und der er sich womöglich nicht einmal bewusst ist.

Leider unterliegen psychische Störungen eben noch viel zu oft Stigmatisierungen.

Nur leider unterliegen psychische Störungen eben noch viel zu oft Stigmatisierungen. Wer eine Depression hat, solle sich „einfach mal nicht so haben und halt mal raus in die Sonne gehen“. Wer Angst hat, solle sich ihr einfach stellen. Wer eine Essstörung hat, schreie doch nur nach Aufmerksamkeit.

Aber entwickelt man eine Essstörung der Aufmerksamkeit wegen? Das mag ein kleines Stück des Puzzles sein, aber ein sehr kleines. Ein Hilferuf ist es hingegen sicherlich, damit nach außen zu treten – aber ab einem gewissen Punkt gehört das eben zum Akzeptieren des eigenen Problems: Das ist ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem gesünderen Umgang damit.

Den Kompensationsmechanismus zu erkennen und das Leid, welches man sich selbst dadurch schafft, zu hinterfragen. Dazu gehört auch, es im Alltag immer und immer wieder zu thematisieren und zu enttabuisieren – angefangen bei dem eigenen Umfeld.

Das selbst auferlegte Stigma: Man bekommt es mit der Angst zu tun vor dem sich selbst auferlegten Stigma. man sagt sich häufiger  ‚Du bist nicht krankhaft dünn, was erlaubst du dir, um Hilfe zu bitten und dich in die Opferrolle zu bringen?‘ It’s all about Leidensdruck.

Essstörungen haben jedoch so viele unterschiedliche Erscheinungsformen, Ursachen, Kompensationsmaßnahmen und ihre Bewältigung ist so individuell wie die Betroffenen. Aber vor allem eines haben sie gemeinsam: Man leidet so sehr darunter wie unter jeder anderen (psychischen) Krankheit auch. Und es macht den Kampf gegen die inneren Dämonen nicht leichter, sich tagtäglich mit Stigmata konfrontiert zu sehen.

Nicht immer sieht man jemandem eine Essstörung zwangsläufig an – es ist vor allem eine psychische Störung.

Sätze wie „Ach echt? Hätte ich nicht gedacht. Sieht man dir nicht an.“, entmutigen in einem Kampf, der doch ohnehin schon so viel Kraft kostet. Und so ganz nebenbei: Nicht immer sieht man jemandem eine Essstörung zwangsläufig an – es ist vor allem eine psychische Störung. Auch wenn sie so eng mit Körperlichkeit und dem Körperbild zusammenhängt und zudem meist mit Abmagerung assoziiert ist.

Man fragt sich einfach immer wieder: ‚Hab ich eigentlich Hilfe nötig, bin ich wirklich krank?‘ Oder: ‚Bin ich nur zu schwach, um abzunehmen?‘ Wenn ich jemandem davon erzähle, werden die das gleiche denken: „Warum nimmt sie nicht einfach ab, wenn es sie so stört? Andere schaffen es doch auch.“

Man kann sich schnell verlieren in dieser Spirale. Doch selbst wenn man sich ein Ziel auf der Waage setzt: Wenn man es erreicht, gibt es längst ein neues – eines, das darunter liegt. Es ist vergleichbar mit der Jagd nach dem Ende des Regenbogens. Man kommt eigentlich nie an.

Im Endeffekt geht es nämlich gar nicht um das Gewicht. Der eigene Körper, die Perfektion, wird zur Metapher für verneinte, verdrängte Gefühle und nicht erfüllte Bedürfnisse.

Im Endeffekt geht es nämlich gar nicht um das Gewicht. Der eigene Körper, die Perfektion, wird zur Metapher für verneinte, verdrängte Gefühle und nicht erfüllte Bedürfnisse. Dünn sein wird ein Surrogat für glücklich sein. „Wenn ich dann irgendwann dünner bin, dann…“Das Negieren und Bezwingen des Hungergefühls gibt einem selbst das Gefühl, stark zu sein und erhaben über niedere Bedürfnisse. Und so verpasst man sein Leben zugunsten eines Idealbildes, dem man nachrennt und das sich stets nach unten korrigiert.

Wir brauchen in dem Bereich so viel mehr Aufklärung: So viel Leid und Selbstzweifel könnten erspart bleiben. Wieso ist eine Depression salonfähiger als eine Essstörung? Und wieso löst Bulimie Ekel, Magersucht aber Mitleid aus? In beiden Fällen liegt Selbsthass und eine Infragestellung des eigenen Wertes zugrunde.

Das fühlt sich bitterschmerzhaft an und wird außerdem immer wieder getriggert durch Werbung und Oberflächlichkeiten, durch Schönheitsideale und Diätenwahnsinn. Wieso redet man ständig darüber, wer wie wann aussah, wieso neiden so viele Menschen anderen den knackigen Arsch? Wieso kann man sich gegenseitig nicht einfach wertschätzen, statt den immer unerreichbareren Idealbildern hinterher zu hungern?

Was man sich bewusstmachen muss, ist folgendes: Vollständige Rehabilitation gibt es hier fast nie. Immer wieder – in schwachen Momenten, bei Misserfolgen, durch ganz individuelle Faktoren – können der Selbsthass und die Selbstabwertung hochkommen.

Doch man kann sich wappnen: Man muss sich arrangieren und den Berg hinaufklettern – egal, wie schwer es einem fällt. Es wäre so verlockend einfach umzudrehen, zurückzufallen alte Muster. Aber dann geht die Abwärtsspirale weiter. Wenn man sich nicht selbst annehmen kann, kann man nie glücklich werden, egal, wie dünn man wird.

Denn darum geht es letztlich nicht. Es geht um das Gefühl, niemals gut genug zu sein. Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein und das Gefühl, man müsse etwas leisten, um angenommen zu werden. Wie soll man dieses Gefühl beschreiben? Sich selber so abstoßend zu finden, dass man aufgrund dessen in ein bodenloses Loch stürzt.

Wie soll man dieses Gefühl beschreiben? Sich selber so abstoßend zu finden, dass man aufgrund dessen in ein bodenloses Loch stürzt.

Und jeder kleine Sieg, das heißt jeder Tag ohne Essen oder jede weitere Stunde Sport, ist letztendlich ein weiterer Rausch, der das Suchtpotenzial erhöht. Man wird süchtig nach der Kontrolle, da man denkt, seine Bedürfnisse kontrollieren zu können. Das Bedürfnis nach Nahrung wird stellvertretend bekämpft für all die anderen menschlichen Bedürfnisse.

Man fühlt sich stark, wenn man unabhängig von ihnen agieren kann – nur um dann zusammenzubrechen und umgerannt zu werden von der rückläufigen Machtlosigkeit, wenn der Körper sich holt, was er braucht. Wenn man dann erkennt, dass man sich selber so sehr verleugnet.

… Zum Abschluss möchte ich noch zwei Dinge loswerden.

Zum einen möchte ich denjenigen, die Menschen mit Essstörungen verurteilen und diskriminieren und die deren Leid nicht anerkennen, eins sagen: Das Gefühl, niemals genug zu sein – nicht dünn genug, nicht fit genug, nicht liebenswert genug – ist furchtbar. Und zwar egal bei welchem BMI.

Das Gefühl, an sich selbst zu zweifeln und sich selbst zu hassen. Ich fürchte mich beispielsweise mehr davor, dass andere Menschen mich so sehen könnten, wie ich mich selbst sehe – abstoßend, fett, unzureichend, unförmig, zu viel – als ich mich davor fürchte, überfallen zu werden.

Mit diesem Gefühl so allein zu sein, weil man sich selbst nicht erlaubt, Hilfe zu holen, drängt einen noch weiter in die Arme der Selbstzweifel und der Restriktion. Durch die Konfrontation mit Stereotypen rutscht man immer mehr in diesen Strudel, wo die Kontrolle einem Schutz vorgaukelt.

Das Wichtigste ist, wieder zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören.

An diejenigen, die selber an einer Essstörung leiden, gelitten haben oder ähnliche Selbstzweifel hegen: Das Wichtigste ist, wieder zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Er ist dein Freund – das eine Zuhause, in dem du dein Leben lang lebst und womit du leben musst.Man muss neu lernen, auf die Bedürfnisse zu hören und sie ihm zu erfüllen.

Man muss Frieden schließen mit sich selbst. Ich weiß, das sagt sich leicht und es ist ein langer Weg und ein harter Kampf. Aber es lohnt sich, wenn man morgens in den Spiegel schaut und nicht dieses abstoßende, nicht ausreichende, nicht schön genug aussehende Wesen sieht.Sondern man sieht sich selbst im Gesamten – mit all den Makeln, aber eben auch all den Stärken, all den Fähigkeiten und liebenswerten Zügen.

Das erlaubt einem sich glücklicher zu fühlen, als man es je erwartet hätte. Man muss die eigenen Stärken erkennen, indem man darauf achtet, was einem guttut. Und man muss es wagen, die Erfahrung zu machen, dass man genau so geliebt wird, wie man ist. Das klingt platt, aber manchmal muss man sich auf solch plakative Lebensweisheiten zurückbesinnen und sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Man muss den vom Essen und Nicht-Essen besessenen Gedanken Raum und Atem rauben, indem man ihnen Positives entgegenhält. Man muss gegen jahrelang angelegte Regeln ankämpfen und intuitives Essen völlig neu lernen. Aber man kommt sich selbst näher und das ist das Beste, was einem passieren kann.

Denn mit sich selbst muss man schließlich sein ganzes Leben verbringen.

Paula Charlotte lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit circa neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei ihre Fotografie sich vorrangig auf die Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit bzw. fußen auf Emotionen, Selbstwahrnehmung und Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik. Lesen kann man von ihr außerdem auf frohfroh und *innenAnsicht. Mehr von ihr gibt es auf ihrer Webseite.

Headerfoto: via paulacharlotte.de! („Wahrheit-oder-Licht„-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .