Hungrig nach Liebe II – die 8 größten Irrtümer rund um Essstörungen

Vorurteile sind schön einfach, denn sie helfen dabei, Dinge einzuordnen, Leute zu schubladisieren und die Welt zu „verstehen“. Leider sind Stereotypen diskriminierend für die davon Betroffenen – und meist schlichtweg falsch. Mit ein paar der gängigsten Irrtümer über Essstörungen räumt unsere Autorin hier auf. Denn dass nur gut situierte, junge, weiße Mädchen Essstörungen bekommen, ist genauso falsch wie die Behauptung, nur männliche Mittelschicht-Dreißigjährige würden unter Depressionen leiden. Außerdem gibt’s am Ende noch Beratungsstellen für alle, die auf der Suche nach Hilfe sind. Los geht’s.

1. Nur Frauen können Essstörungen entwickeln.

Ich bin eine Frau, okay. Allerdings gibt es auch Männer, die an Essstörungen leiden (oder Menschen abseits der binären Geschlechtereinteilung). Es ist ein kleinerer Prozentsatz, aber sie leiden natürlich nicht weniger. (Quellen s. unten)

2. Wenn Du nicht untergewichtig/abgemagert bist, hast Du keine Essstörung.

Die meisten Menschen gehen davon aus, man erkenne eine Essstörung anhand dessen, wie jemand aussieht.Wir erwarten, dass Menschen mit einer Essstörung auf eine ganz bestimmte Art und Weise aussehen. Wir erwarten einen Körpertyp – nämlich: dünn. Das führt weiterhin dazu, dass wir diejenigen, die diesem Klischee nicht entsprechen, als „nicht krank genug“ einschätzen gegenüber denen, die unserem gewohnten Bild von einer Essstörung entsprechen.

Aber das Gewicht ist nicht immer ausschlaggebend für den Leidensdruck, den die Person erlebt. Hier wird ein Doppelstandard angewendet, der wiederum genau dem entspricht, was gesellschaftlich als einer der vielen Gründe dazu führen kann, dass Menschen mit sich selbst hadern: dünn sein, mager sein – das zieht Aufmerksamkeit, Zuwendung an. „Dick“ (oder sogar normalgewichtig) sein, eher weniger.

Aber nicht zuletzt ist es eine psychische Krankheit. Oder sieht man etwa eine Depression? Es beginnt genauso im Kopf und es kann immer noch dort sein, wenn man wieder an Gewicht zunimmt. Man kann ebenso besessen sein, wenn der BMI nicht am Grenzwert zum Untergewicht kratzt. Im Mittelpunkt vor allem das körperliche Erscheinungsbild, sowohl von außen als auch für einen selber. Doch das ist nicht alles. Vielmehr ist das nur die Spitze des Eisberges. Darunter liegen böse, schwarze Gefühle.

Und übrigens, auch wenn man nicht untergewichtig ist, kann die Essstörung ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen. Man verweigert seinem Körper wichtige Nährstoffe, und dass wiederholtes Erbrechen schlecht für den Körper ist, steht außer Frage.

Ich habe mir selbst so lange verweigert, um Hilfe zu bitten. Ich habe mir selbst so oft gesagt: „Du bist nicht zu dünn.“

Ich habe mir selbst so lange verweigert, um Hilfe zu bitten. Ich habe mir selbst so oft gesagt: „Du bist nicht zu dünn, Du bist nicht untergewichtig, man sieht es Dir nicht an, also was ist Dein Problem?“ Man erlaubt sich selbst nicht, die Schwäche zuzugeben oder Aufmerksamkeit darauf zu lenken, weil man denkt, man verdiene es nicht, da niemand anderes sieht, wie sehr man leidet.

Man belügt sich die ganze Zeit über selbst, weil man zuerst das Gefühl der Kontrolle genießt. Dabei zwingt man sich, man versagt sich Glücksmomente, man wird verbissen und es kostet so unendlich viel Kraft, permanent gegen sich selbst zu kämpfen.

3. Magersucht und Bulimie sind die einzigen Essstörungen.

Bei mir begann es mit der Magersucht, ohne allerdings jemals den Punkt an der Grenze zum Untergewicht zu überschreiten, was ein erhebliches Diagnosekriterium darstellt. Aber ich litt trotzdem, schränkte meine Nahrungszufuhr ein, behandelte meinen Körper schlecht, bis ich 46 kg wog, bei einer Größe von 167 cm ( man sieht, ich könnte auch einfach ein schlankes Teeniegirl gewesen sein – niemandem ist etwas aufgefallen).

Selbst an diesem Punkt war ich nicht zufrieden – natürlich nicht. Später trieb ich exzessiv Sport, rutschte in die Bulimie und es pendelte ab diesem Punkt zwischen den verschiedenen Kompensationsmechanismen.Soll heißen: Es gibt uneindeutige Mischformen. Die Besessenheit vom eigenen Körperbild, das nicht gut genug ist, kann selbst dann bestehen, wenn das nicht immer oder permanent in Verhaltensweisen mündet.

Selbst wenn man „normal“ isst, sich nicht mehr übergibt oder anderweitig kompensiert, bleibt der innere Druck bestehen.

Und selbst wenn man „normal“ isst, sich nicht mehr übergibt oder anderweitig kompensiert, bleibt der innere Druck bestehen, man befolgt die selbst auferlegten Regeln weiterhin und hasst die Art und Weise, wie der eigene Körper aussieht. Man fühlt sich schwach, weil man sich weniger einschränkt, und behält sein gestörtes Verhältnis zum Essen.

Ich habe nicht verstanden, dass mein Körper Nahrung zum Überleben braucht und war wütend auf diese ungerechte Biologie, die mich tagtäglich immer wieder zu diesem Kampf zwang. Essen wird der Feind, dem man nicht entkommen kann. Und dieser Kampf ist so unendlich ermüdend.

4. Essstörungen sind ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

Zugegeben, in meiner Therapie habe ich erkannt, dass Aufmerksamkeit womöglich einen kleinen Teil ausmachte. Aber nur einen winzigen, denn: Wieso sollte man dann leugnen und den Umstand verbergen, dass man ein gestörtes Verhältnis zum Essen hat? Und das über Jahre und Jahrzehnte. Es geht um Kontrolle.

Wenigstens in einem Bereich seines Lebens Kontrolle zu behalten. Unerfüllte – oder scheinbar unerfüllbare – Bedürfnisse stellvertretend zu negieren. Es geht darum, sich wertvoller und liebenswert zu fühlen, etwas zu leisten, da man anderenfalls keine Zuneigung verdient. (Wohlgemerkt: Es geht nicht um sexuelle Attraktivität, sondern um den Wert, den man sich selbst als Mensch zuspricht.)

5. Wenn Du einmal wieder Gewicht zugenommen hast, bist Du geheilt.

Ich habe wieder zugenommen und soll, laut Ernährungsberatern, ein für meine Körpergröße ideales Gewicht haben. Letztlich habe ich gelernt – oder eher: mich gezwungen – normal zu essen, aber die Heilung ist weit entfernt. Man bleibt besessen von den Gedanken daran, was man essen darf und sollte und was nicht.

Man fragt sich, warum man nicht mehr fähig ist, sich seiner Bedürfnisse zu entziehen und sie zu verweigern und warum man solch eine willensschwache Person ist. Man überdenkt beinahe die ganze Zeit, was man isst und warum man so aussieht, wie man aussieht – fett, abstoßend, wie auch immer man das benennen mag. Man vergleicht sich mit anderen – unfähig, auf die natürliche Stimme des Körpers zu hören, die einem ihre Bedürfnisse mitteilt.

Man vergleicht sich mit anderen – unfähig, auf die natürliche Stimme des Körpers zu hören, die einem ihre Bedürfnisse mitteilt.

Mittlerweile habe ich mehr gute als schlechte Tage: Tage, an denen die Stimme, die mir leise zuflüstert, was ich heute schon alles gegessen habe und ob ich den Tag nicht doch nur mit Kaffee überbrücke, weit in den Hintergrund rückt. Ich sperre sie in eine Kiste und verstaue sie in der hintersten Ecke meines Bewusstseins. Manchmal hört man eben doch noch ein Klopfen oder sie schafft es, den Deckel ein Stück anzuheben.

6. Du kannst Dich dazu entscheiden, normal zu essen. Essstörungen sind eine Diät, eine Entscheidung. Die Leute können einfach damit Schluss machen.

Es heißt nicht umsonst Magersucht. Es handelt sich um eine Sucht und somit um nichts, was eine rationale Entscheidung wäre: Man ist besessen von einem Körperbild, von dem Wunsch zu essen und von dem Kick, es sich zu verbieten. Niemand würde das freiwillig wählen oder würde sich dazu entscheiden, sich so miserabel zu fühlen.

Es ist eine Infragestellung der eigenen Natur. Oft liegen die Motive viel tiefer als der bloße Wunsch, dünn zu sein. Da geht es um Selbstwert und um den Wunsch, liebenswert zu sein, endlich genug zu sein und dabei trotzdem nicht zu viel. Man verleugnet das Bedürfnis nach Nahrung symbolisch für all die anderen Bedürfnisse.

7. Essstörungen basieren auf Eitelkeit. Die Leute bekommen sie einfach nur, um attraktiver für andere zu werden.

Hier gibt es einen kleinen Haken: Tief drin in diesem Sumpf hat man irgendwann keinen Sex mehr, da geht es nicht darum, besonders anziehend auszusehen. Der Körper arbeitet nicht normal und man beschäftigt sich nur noch mit einem Thema: Essen. Zwar weniger zu essen, aber aber man denkt pausenlos darüber nach. Und man verbringt seine Zeit damit, seinen Körper abgrundtief zu hassen.

Man würde sich anderen am liebsten niemals zeigen, egal, wie wenig man tatsächlich wiegt. Aber vor allem, weil man sich tief drinnen für nicht liebenswert hält.

Abseits der sexuellen Anziehung – nun ja. Wenn man sich anhand dessen, was uns abseits der Äußerlichkeiten als Mensch ausmacht, für nicht wertvoll, nicht geliebt oder nicht einmal liebenswert hält, dann ist man versessen darauf, wenigstens auf diese Art und Weise Zuneigung zu verdienen. Leider genießt das Aussehen in unserer Gesellschaft eben auch einen hohen Stellenwert – und das in einem Ausmaß, in dem es insbesondere junge Menschen sehr schädigen kann.

8. Nur gut situierte, junge, weiße Mädchen bekommen Essstörungen. 

Das ist schlicht und ergreifend nicht wahr. Jedes Alter (insbesondere auch Kinder), Geschlecht (Essstörungen bei jungen Männern sind ein besonderes Problem, da oft unterrepräsentiert und unterschätzt bspw. in der Forschung), jede Gesellschaftsschicht und Menschen jeder Hautfarbe sind betroffen oder können unter einer Essstörung leiden. Oder bekommen etwa nur männliche Mittelschicht-Dreißigjährige eine Depression?
Ihr seht, worauf ich hinaus will …

Inspiration für diesen und den vorausgehenden Artikel zum Thema Essstörungen lieferte eine Umfrage der Künstlerin Christie Begnell, die ihre Essstörung mit Hilfe ihrer Comics verarbeitet.

Du erkennst dich wieder, fühlst dich alleine und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Hier sind ein paar erste Anlaufstellen:

Der Bundesverband Essstörungen hilft dabei, Angebote und ggfs auch freie Therapieplätze zu finden. Das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen bietet ein vielfältiges Angebot, unter anderem auch Email- und Einzel-Chat-Beratung. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hilft, Beratungsangebote in der Nähe zu finden.

Adressen von Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen findet man auch hier. Telefon- und Onlineberatung gibt’s auch hier. Dies ist eine Anlaufstelle in Berlin. Und hier gibt es ein Beratungszentrum in Leipzig.

Paula Charlotte lebt und studiert seit 2012 in Leipzig. Seit circa neun Jahren schreibt und fotografiert sie, wobei ihre Fotografie sich vorrangig auf die Menschen in ihrer Umgebung konzentriert und Lichtharmonien einfängt. Ihre Texte beschäftigen sich mit bzw. fußen auf Emotionen, Selbstwahrnehmung und Körperliebe, Feminismus und (elektronischer) Musik. Lesen kann man von ihr außerdem auf frohfroh und *innenAnsicht. Mehr von ihr gibt es auf ihrer Webseite.

Headerfoto: via paulacharlotte.de(„Wahrheit-oder-Licht„-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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