Hollywood vs. Realität

Wir sitzen alle auf Bierbänken im Innenhof, die Glut im Grill geht langsam aus und die Sonne ist auch schon vor einiger Zeit untergegangen. Aber wir werden noch eine Weile weiter hier sitzen bleiben, die laue Sommernacht genießen. Die Stimmung ist locker und fröhlich, es wird viel gelacht und der ein oder andere hatte vielleicht auch schon ein Bier zu viel. Es will sich noch wer zu uns auf die Bank hocken, aber sie ist schon fast voll. Ich sitze ganz am Rand, neben dir, wenn ich noch ein bisschen rücken muss, sitze ich auf dem Boden. Als sich der eine dann doch noch am anderen Ende dazu quetscht, muss ich mich am Tisch festhalten, um nicht zu fallen. Als du das merkst, legst du ohne nachzudenken den Arm um mich, hältst mich fest, fest an deine Seite gedrückt. Ob alles okay sei.

Ich kann nicht antworten, gehe für einen kurzen Moment unter in dem Gefühl, so dicht neben dir zu sein. Mich überkommt die Angst, dass du mein Herz schlagen spüren kannst, so sehr pocht es in meiner Brust. Aber ich versuche es zu überspielen, lache nur und meine, dass alles gut sei, so lange du mich festhältst. Natürlich sag ich nicht ‚du‘. Denn wir sind nicht per du. Aber in dem Moment, in dem du meinen Blick hältst, ihn gefangen nimmst, ist das okay. Die Stimmen um mich herum werden leiser, verstummen in dem Rauschen in meinen Ohren und für einen kurzen Moment sind nur wir zwei da, gibt es nur dich und mich. Bis du wegschaust, mit wem anderen redest, mit wem anderen lachst. Aber dein Arm bleibt und hält mich fest. Es scheint das einzige zu sein, was mich noch an das Jetzt bindet, mich auf dem Boden der Realität hält. Alles in mir konzentriert sich auf die eine Stelle, an der ich durch mein Top hindurch deine Hand spüren kann, die Wärme fühle, die von ihr ausgeht.

Dann kommt die Realität wie ein Hammerschlag zu mir zurück, überrollt mich wie eine Sturmflut. Wir sitzen hier mit einem Dutzend anderer Menschen und du hast deine Hand auf meinem Rücken. Du bist mein Dozent und hast deine Hand auf meinem Rücken. Und ich bin dir hoffnungslos verfallen, deiner charmanten Art, deinem charismatischen Lächeln und deinen intelligenten Augen, die mich schon zu lange in meinen Träumen verfolgen.

Wäre dies ein Hollywoodfilm, dann wäre jetzt das Bier alle und ich würde in den Keller gehen, um einen neuen Kasten zu holen. Den leeren Kasten würde ich mitnehmen und du würdest mir helfen, mir die Türen aufhalten. Wäre dies eine 0-8-15 Schmunzette, würde ich den Kasten auf die anderen leeren Kästen stellen, während ich hinter mir die Tür zugehen höre. Wenn ich mich umdrehen, dann wärst du da, stündest ganz dicht hinter mir. Deine Augen würden die meinen suchen, meinen Blick wieder gefangen nehmen und mich stumm um Erlaubnis fragen. Ich würde noch einen Schritt auf dich zumachen, leicht lächelnd, während du mit den Fingerspitzen deiner Hand an der Seite meines Gesichts entlangfahren würdest. Deine andere Hand würdest du in meinen langen Haaren vergraben, um mich dann ganz nah an dich zu ziehen.

Wir würden den Herzschlag des anderen durch unsere dünne Kleidung spüren können, würden wissen, dass der andere gerade genauso aufgeregt ist. Wenn sich unsere Lippen berühren würden, stünde die Welt für einen Moment still – dann wäre es egal, dass du mein Dozent bist und ich deine Studentin, dann wärst du nur ein paar Jahre älterer Mann und ich nur eine junge Frau, zwei Menschen mit derselben Begierde, derselben Leidenschaft.

Aber das hier ist kein Hollywoodfilm, keine billige Schmunzette. Das ist das wahre Leben, die Realität, in der das Bier lange noch nicht alle ist, in dem plötzlich wieder mehr Platz auf der Bank ist und du wieder ein Stück von mir wegrückst, du die Hand von meinem Rücken nimmst. Und mir plötzlich so furchtbar kalt ist.

Du bist mein Dozent, ich deine Studentin – das sind klare Fakten, da sind klare Grenzen. Aber wenn du mich so anschaust, dann beginnen die Grenzen zu verschwimmen, die Realität wird so undeutlich und die Musik im Hintergrund wird plötzlich zum Soundtrack meines ganz eigenen Hollywoodstreifens.

Just swaying ist zwischen Uni und durchtanzten Nächten immer auf der Suche nach dem Sinn, der im Nachhinein zwar da ist, aber im Moment nie sinnvoll scheint. Taumelnd zwischen Tagträumen der oft viel zu grauen Realität und regelmäßig auf der Flucht vor dem nächsten Morgen. Stets dabei die Musik, mal traurig, mal Techno, aber immer laut.

Headerfoto: Naim Naim (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz!

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