Holland

Mit jedem Abschied zerplatzen Illusionen. Sie zerplatzen wie jene Seifenblasen, denen wir als Kinder erst hinterhergerannt sind, um sie dann durch eine einzige Fingerspitzenberührung im Nichts zergehen zu sehen.

Gerade jetzt würde ich alles dafür geben, jemanden neben mir stehen zu haben, der nach jedem Atemzug die Seifenblasen nach oben pustet, damit ich mich daran erfreuen kann, wie schön sie in der Sonne schimmern. Damit ich aus lauter Glückseligkeit nicht merke, wie sie irgendwann in der Atmosphäre ihr Dasein urplötzlich beenden und für immer verschwinden. Wirklich für immer.

Mit jedem Abschied geht auch ein Stück von mir. Dieses Mal klebt Herzblut dort am Rande des eiskalten Klumpens, der von mir gefallen ist und nun auf dem Fußboden liegt, nachdem Du die Tür hinter Dir zugeschlagen hast. Ich könnte mich bücken, ihn mit meinen Armen umschlingen und ihn mein stolperndes Herz spüren lassen. Aber es geht nicht, denn Du bist für immer gegangen. Wirklich für immer.

Für Dich war es ein Tschüss, das so leicht von den Lippen geht,
aber für mich ist es ein Lebe wohl, das ich mich selten sagen höre.

Das mit Dir, das waren nicht nur Momente voller Geborgenheit des Jetzt – es waren auch Momente, die in meinem Kopf Bilder von morgen und überübermorgen malten. Ich sah uns zwei Arm in Arm irgendeine Küste Hollands im Sonnenuntergang runterlaufen, sah uns unsere Füße im Sand vergraben und nachts den Großen Wagen suchen, damit wir, knöcheltief im Meer stehend, unter ihm und im Scheine des Vollmondes mit der Stille der Nacht verschmelzen können.

Ich spüre jetzt noch Deinen Atem in meinem Nacken, spüre den süßen Duft, der so leicht in Deinen Locken hing, als wir gemeinsam in Deiner viel zu chaotischen Küche standen und der Dielenboden unter unseren Füßen knirschte, immer dann, wenn Du dich leicht zu mir hinunterbeugtest und ich mich ein wenig auf die Zehen stellte – nicht, weil ich musste, wohl aber, weil ich es wollte und es mir genauso gefiel.

Und dann berührten sich unsere Lippen und der Kopf war von einer Sekunde auf die andere ganz still, weil das Orchester im Bauch mit Pauken und Trompeten die Ouvertüre übersprang, um direkt zum explosiven Höhepunkt anzusetzen.

Du hast mein Kleid geöffnet,
ich habe es herunterfallen lassen.
Du hast meine Hand genommen,
ich habe sie Dir gereicht.
Du hast mich an Dich gezogen,
ich bin nicht zurückgewichen.
Du hast mich so gesehen,
denn ich wollte mich Dir so zeigen.

Vor Dir zu stehen, so völlig ohne einen Hauch von Schein, das ist keine Kunst. Die große Kunst beginnt erst, wenn die Kokons abertausender Schmetterlinge dem manchmal rabenschwarzen Ist der Realität weichen, wenn das Schweben auf Wolke Sieben endet und die Beine wieder auf dem Boden der Tatsachen ankommen. Erst hier wird die Kunst für die Ewigkeit geboren.

Das wäre dann der Moment gewesen, in dem ich Dir offenbart hätte, was sich ganz ängstlich und klein in der einsamsten Ecke meines Herzens versteckt und sich, aus Furcht verletzt zu werden, sei es durch lautes Gelächter oder doch leise Gedanken, die mindestens so schmerzhaft sind, in dieser dunkelsten Ecke verkriecht.

Aber diesen Augenblick wird es nicht geben. In die allergrößte Seifenblase gehüllt ist auch der Augenblick in jenem Moment geflohen, als Du über die Schwelle geschritten bist und die Tür für immer ins Schloss fiel. Wirklich für immer.

Montag denk ich an Dich,
Dienstag schreib‘ ich Dir, dass Du mich verletzt hast,
Mittwoch vergess‘ ich Dich –

bei Craig David klang der Wochenablauf damals irgendwie melodischer.

Aber ja, das hier ist kein seichter Popsong für Teenie-Ohren, sondern eher die bittersüße Symphonie meines wankenden Ichs.

Sandra, das letzte Jahr jung (29), arbeitet in einer Werbeagentur ohne weißen Schnee (klingt komisch, is‘ aber so), hat mal Werbung gemacht, die auf youporn geschaltet wurde, liebt die Juxtapositionierung von Buchstaben mit der gleichen Intensität, mit der sie frischen Koriander hasst, lebt seit 246 Tagen ohne Internetanschluss zuhause (darum wächst aber ihre Schallplattensammlung stetig), besitzt fast alle Haruki-Murakami-Bücher, hat aber noch nie einen Star-Wars-Film gesehen. Entwickelt tagsüber ganzheitliche Kampagnen und Konzepte, bevor sie zu den Abendstunden über Musik, Kunst, ihre Gefühle und die der Anderen schreiben kann.

sandra

Headerfoto: Still Thinking via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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