Herzlichen Glückwunsch

Es ist Sonntagnacht, kurz nach 12 Uhr. Ich liege in meinem Bett und genau in diesem Moment will der Stream des Films, den ich gerade gucke, nicht mehr laden. „Auch gut“, denke ich mir. Drück ich eben kurz auf Pause und lasse ihn laden. Nutzen wir die Zeit doch und gucken mal, ob es was Neues gibt. So schaue ich also auf mein Handy und mir fällt auf, dass heute der Tag ist. Dein Tag. Dein Geburtstag.

Vor einer Woche noch habe ich dran gedacht, habe mir überlegt, wie es denn sein wird? Ob ich dir schreiben soll oder nicht? Im Grunde ist ja nichts dabei, jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, oder? Doch ich habe es ganz schnell wieder verdrängt, ich habe dich verdrängt – sofern das überhaupt geht. In der Hoffnung, dass ich den Tag wieder vergesse.

Zugegeben, ganz geschafft habe ich es nicht. In jener Nacht, als die Sternschnuppen vom Himmel fielen, habe ich an dich gedacht. Wir redeten oft über Sternschnuppen und haben uns gegenseitig etwas gewünscht, wenn wir welche sahen. Diesmal aber habe ich mir etwas gewünscht – und an dich gedacht. Seit jeher muss ich immer an dich denken, wenn ich welche sehe.

Manchmal glaube ich wirklich, dass es das Schicksal gibt. Oder warum sollte genau jetzt, kurz nach Mitternacht, der Stream nicht mehr laden und mich damit zum Nachdenken zu bringen? Wäre der Film doch einfach weiter gelaufen bis zum Ende. Ich hätte mich beruhigt schlafen gelegt, wäre aufgewacht und hätte mich in den normalen Alltagstrott begeben. Dort, wo ich sowieso keine Zeit habe, über irgendetwas nachzudenken. Verficktes Schicksal.

Seit vier Monaten habe ich nichts mehr von dir gehört und es ist meine Schuld. Ich habe den Kontakt abgebrochen, ich habe es nicht mehr ausgehalten. Du wärst nicht fähig, mir die Aufmerksamkeit zu geben, die ich verdient hätte, sagtest du. Du hast es leider oft genug bewiesen, mir oft genug weh getan, so wie ich dir auch weh getan habe.

Es war kein leichter Schritt für mich, diesen Schlussstrich zu ziehen. Schließlich kennen wir uns seit acht Jahren. Acht Jahre voller Emotionen – von Freude über Wut und Enttäuschung über Traurigkeit bis hin zur Liebe. Acht Jahre voller Höhen und Tiefen. Von ständigen Kontaktabbrüchen bis hin zu Zeiten, in denen wir uns jeden Tag geschrieben haben. Ich musste es einfach tun, ich wäre kaputt gegangen daran – kaputt gegangen an dir.

Jetzt, als mir klar geworden ist, dass du die Person bist, bei der ich immer sein will, hast du aufgegeben. Aus Angst vor dem, was kommt, vor dem, was vielleicht passieren könnte. Weil dein Kopf über deinem Herzen steht. Dir war das schon immer klar, ich war schon immer deine Person. Du warst für mich immer „nur“ der beste Freund. Du warst für mich der, dem ich alles erzählen wollte, mit dem ich immer etwas unternehmen wollte, dem ich alles anvertraut habe und bei dem ich Schutz und Trost in schweren Zeiten gefunden habe. Du warst so viel mehr als „nur“ ein Freund und ich habe es nicht sehen wollen. Es tut mir leid, wirklich.

Es kostet mich unglaublich viel Kraft, nicht zum Handy zu greifen und dir zu schreiben, dich anzurufen oder wieder bei Facebook Kontakt zu dir aufzunehmen. Es ist alles nur einen Klick entfernt. Nur ein Klick und alles würde wieder von vorne losgehen. Wir würden uns beide entschuldigen, wieder öfter schreiben, vielleicht sogar mal treffen auf einen Latte Macchiato. Natürlich in unserem Café – dort, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Wir würden uns wieder Hoffnungen machen, die am Ende wieder zerschlagen würden. Ein ewiger Teufelskreis.

Du kennst meine Nummer nicht mehr, aber ich habe deine noch. Deine Nummer zu löschen habe ich damals nicht übers Herz gebracht, aus Facebook habe ich dich aber gelöscht, wütend wie ich war – auf dich und die Situation.

Ich sehe in WhatsApp, dass du online bist. Die Möglichkeit habe ich mir offen gelassen – dumm eigentlich. Ich quäle mich im Grunde nur selbst damit. Einen endgültigen Schlussstrich habe ich dann doch nicht zusammen gebracht und das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen. Mal sehen, wie lange ich es aushalte, mich nicht zu melden. Wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und vielleicht erinnerst du dich ja einmal wieder an das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aus dem Buch, das wir beide so gern mögen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Jedes Jahr habe ich dir persönlich gratuliert – seit acht Jahren. Dieses Mal ist es anders. Alles Gute, mein Lieber!

Denise hat gerade ihr Wirtschaftsrechtstudium beendet und ist nun auf der Suche nach einem Job, bei dem sie sich verwirklichen kann. Sie steckt ihre eigenen Bedürfnisse sehr oft (zu oft) hinter die der anderen. Schreiben hilft ihr, über aktuelle schwierige Situationen hinweg zu kommen oder zumindest den Frust abzulassen, genauso wirksam findet sie aber auch die Musik. Auto fahren, laute Musik hören und dazu singen – das non plus ultra! Übertroffen werden kann das nur von einem Konzert. Freunde sind ihr unglaublich wichtig! Mit denen geht sie jedes Wochenende weg, trinkt, tanzt und genießt das Wochenende! Na dann prost.

Headerfoto: Sun via Creative Commons Lizenz 2.0! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

imgegenteil_Denise
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5 Comments

  • Ich weiß genau wie sich das anfühlt. Einen Klick entfernt… Doch man weiß, dass es nichts bringen wird. Danke für diesen Text ♡

  • Es ist verrückt, mir geht es genauso! Übermorgen hat er Geburtstag und morgen wolle ich abhauen, ohne ein Wort, weil ich es nicht mehr aushalte. Bei uns bin ich der traurige Part…

  • … alles gleich… nur dass es andersrum war, dieses Jahr… 13 Jahre lang hat er gratuliert. Egal, wie weh er mir getan hat. Wie oft ich alles abgebrochen hab, ihn angefleht hab, sich nicht mehr zu melden. Ihn angefleht hab, sich doch bitte zu melden… wie er mich auch. Alle Stadien durch. Und auch hier sind Sternschnuppen ein Teil von uns… ich nenn ihn so… Sternschnuppe… wunderschön und vergänglich, nicht von Dauer. Dieses Jahr hatten wir es eigentlich als Freunde versucht. Doch auch das kann er nicht, schafft er wohl einfach nicht. Mal gucken, was zu seinem Geburtstag passiert. Den hab ich schon häufiger absichtlich vergessen. Aber nie war es dauerhaft. 13 Jahre lang. Ich schreib jetzt das Buch über ihn und mich… hoffentlich schaff ich das.

    Danke für das Teilen der Geschichte! Das ist noch mal ein Zeichen mehr dafür, dass ich das alles aufschreiben muss…! Danke <3

    Ach, und Herzlichen Glückwunsch Dir <3

  • Ohne Witz: bis auf eine Zahl ist in meinen letzten vier Monaten genau das gleiche passiert. Und nächste Woche hat er Geburtstag…

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