Herbstfarben

Ein Montagmorgen im September. Der Wecker klingelt und ich springe sofort aus dem Bett. Energiegeladen, fröhlich, motiviert, die Woche zu beginnen. Der blaue Himmel strahlt mir entgegen, ich frühstücke am Balkon und genieße die Sonnenstrahlen, die meine Nase kitzeln. Auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit fühle ich mich so lebendig wie lange nicht mehr. Trotz der Hitze, meines an mir klebenden T-Shirts, trotz der Massen an Touristen, trotz der stinkenden und stickigen Bahnen – mit jeder Faser spüre ich: Ich bin lebendig. Aber auch rastlos. Keine Minute habe ich Ruhe.

Ich will nichts verpassen, will jede Sekunde des Sommers aufsaugen. Jede Erfahrung mitnehmen, die sich mir bietet: Feierabendbier, See, Eis, Party, Cocktails, entspannen im Park, Kneipentour.  Nichts auslassen, bei allem dabei sein. Die Tage gehen in einem Wirbelwind an Bildern, Farben, Gerüchen und Menschen an mir vorbei.

Ein Montagmorgen im Oktober. Der Wecker klingelt und ich merke: Es ist was anders. Es ist kalt und als ich rausschaue, sehe ich eine graue Wolkendecke. Außerdem nieselt es leicht. Die Bäume vor meinem Fenster scheinen wie über Nacht ihr sattes sommerliches Grün verloren zu haben. Ich will mich am liebsten wieder unter der Bettdecke verkriechen, wünsche mir mein Frühstück in der Sonne zurück.

Aber sobald ich aus der Tür trete und mir der erste Windstoß durch die Haare fährt, merke ich eine Veränderung. Mich befällt eine seltsame Ruhe, während ich auf dem Weg zur Bahn durch den Nieselregen laufe. Ich atme tief ein und habe zum ersten Mal seit Wochen das Gefühl, richtig Luft zu bekommen. Die Luft ist klar und frisch. Es riecht nach Regen, Kälte und Blättern. Mit jedem Schritt und jedem Atemzug fühle ich mich freier.

Der Wind vertreibt die Rastlosigkeit und hinterlässt Gelassenheit und Gewissheit, dass jetzt die Zeit kommt, um innezuhalten und meinen eigenen Rhythmus wiederzufinden. Er wirbelt durch meine Gedanken, wirft sie durcheinander, dreht und wendet sie, lässt sie fliegen, wie die Blätter zu meinen Füßen. Ich merke, wie gut mir das tut. Mein Kopf fühlt sich leicht und kühl an. Wie ein frisch gemachtes Bett, in das man sich fallen lässt.

Meine von Sommersonne, Sonnencreme und Eis verklebten Gedanken und meine von der Sommerromanze angeschlagenen Gefühle ordnen sich neu. Ich spüre, dass sich etwas verändert. Ich lasse etwas hinter mir – oder eher: der Wind bläst aus meinem Kopf, was ich die letzten Wochen noch mit mir herumgetragen habe. Ich kann endlich wieder klar denken und Abstand zu bestimmten Dingen und Menschen nehmen. Denn eine neue Jahreszeit ist immer ein Neuanfang, so fühlt es sich zumindest an.

Deshalb liebe ich den Herbst. Jedes Jahr aufs Neue sind wir traurig und wünschen uns die lauen Abende, die kurzen Nächte, die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit des Sommers zurück, kämpfen solange es geht dagegen an, den Schal anzuziehen zu müssen. Wollen die Realität nicht hinnehmen.

Doch stattdessen sollten wir uns über jeden Windstoß, jeden Regenschauer, jedes bunte Blatt, jede Stunde, die es früher dunkel oder später hell wird freuen. Denn nicht nur die Natur verändert sich, wir verändern uns mit. Jeder Sommer bringt uns Neues – egal was. Und im Herbst ist die Zeit, aus all dem Neuen das Beste zu machen und es mit sich auf den Weg zu nehmen.

Auch wenn ich mich drüber ärgere, dass es jeden Morgen regnet, auch wenn ich den schroffen Wind nervig finde, auch wenn ich mich drüber beschwere, dass mir kalt ist – ganz insgeheim stimmt das nicht. Denn ich liebe den Herbst. Auch hier in Berlin.

Ich finde, das sollte auch mal jemand gesagt haben.

Chiara ist seit Kurzem Wahlberlinerin und momentan noch in einem Zustand zwischen Großstadtliebe und Kleinstadtsehnsucht – mit ziemlicher Tendenz zu Ersterem. In der Freizeit geht alles, von Sport über Musik, Reisen und die Nähe oder die Ferne, durchtanzte Nächte bis hin zu Lesen und gemütlichen Gesprächen. Oh, und ohne Kaffee funktioniert gar nichts.

Headerfoto: Anne Marthe Widvey via Creative Commons Lizenz 2.0 (Gedankenspiel imprint added)!

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