Heartbreaker

Januar 2015. Ich kann nur eins tun gerade: Warten. Warten, dass du endlich in deinen Briefkasten schaust und meinen gesammelten Mut und meine gesammelte Kreativität in deinen Händen hältst.

Ich liebe es, wie sich deine Locken perfekt um die wunderschönen Segelohren legen. Wie deine vollen Lippen meinen Namen rufen. Wie du damals nicht wusstest, ob du mir die Hand geben sollst und ich dich einfach umarmte. Und ich liebe es, dass du mich beim nächsten Mal fast zerdrücktest. Ich liebe es, wie du mein kaltes Herz wieder zum Hüpfen bringst. Wie ich morgens aufwache und an dich denke.

Aber ich hasse es, wie du mich zum Verzweifeln bringst, weil ich immer an dich denke. Wie ich wieder ein kleines Mädchen bin, das einen großen Jungen toll findet. Ich hasse es, dass ich deinetwegen manchmal zittere und traurig bin. Ich hasse es, dass du weg bist und ich hier bleiben muss.

Weißt du, ich liebe dich.

Und während ich an der Ungewissheit fast zu Grunde gehe und warte, dass du die Offenbarung meiner Gefühle erhältst, durchforste ich meinen Computer und finde Texte, die fast zwei Jahre alt sind. Einiges habe ich vergessen, vieles ist heute anders, aber alles fühlt sich genau so an.

Juni 2013. Jetzt bist du für eine Woche weg. Sieben Tage. Es ist Tag zwei und ich bin so betrunken, dass ich dir einfach nur schreiben will. Aber das kann ich nicht schon wieder tun, zumal ich nicht mal einen guten Grund dazu habe. Und deswegen schreibe ich meinen Freunden. Ich schreibe dreizehn Freunde bei Facebook an und frage sie, was ich tun soll. Weil ich doch so verliebt bin und du bald weg. Und sie antworten mir. Sie schreiben mir Monologe. Philosophieren über die Liebe, über Freundschaft und erinnern mich daran, dass ich noch DVDs von ihnen habe. Und ich sitze da, trinke noch einen Schluck Weißwein und weine. Ich weine, ich weine und bade mich in Selbstmitleid. Und erst da wird mir klar: Du bist anders als die anderen. Es tut so weh, weil du perfekt bist. Und dann lache ich unter Tränen, weil diese Gedanken so unglaublich lächerlich sind, weil du mich wahrscheinlich nicht mal in deinen Träumen mit der ersten Person Plural in Verbindung bringst, sondern einfach nur als eine unter vielen …

Oktober 2013 … Ansonsten waren wir auch ziemlich cool zusammen. Wir waren hübsch und klug und so. Aber wir hatten zu wenig Zeit, um das zu erkennen. Naja, eigentlich warst du es, der es einfach nicht kapiert hat. Aber jetzt bist du eh weg. Und lässt mich über den Winter alleine, um mich im Frühling wiederzubeleben. Ich habe dich belagert. Stand stundenlang vor deiner Haustür im Dunkeln, war viel zu oft in dem Cafe, wo deine Cousine immer arbeitet. Nur um rauszufinden, wie sie so ist – deine Familie. Habe dir eine SMS geschrieben, noch eine und noch eine. Bis eine Antwort kam. Habe 15.200 Google Ergebnisse zu deinem Namen durchforstet.

Ich will immer alles mitnehmen, will fühlen und will leben. Aber gerade will ich einfach nur, dass es aufhört. Dass Frühling ist und du nicht vergessen hast, dass ich hier auf dich gewartet habe.

Und dann im Dezember 2014 bei dir im Ausland, als du mir Kaffee an dein Bett brachtest und wir beide als Freunde so da saßen mit dem Tagebuch in der Hand und ich in meins schrieb:

„Draußen scheint die Sonne und ich bin an dem Ort, an dem ich am Liebsten gerade bin, obwohl es wehtut. Es tut so weh, dich aus vollem Herzen zu lieben und so wenig zurück zu bekommen. Es tut mir weh, wenn ich neben dir sitze, dich spüre und jede Pore meines Körpers sich nach dir verzehrt und ich mich zwingen muss, nichts zu tun. Ich will von dir in den Arm genommen werden, ich will mich an deine Brust schmiegen, will sie streicheln, dich fühlen, dich lieben. Ich verzehre mich so nach dir, dass mir manchmal ein Kloß im Hals sitzt, wenn ich dich anschaue, weil ich weiß, dass ich bald nicht mehr hier bin.

Und nichts ist passiert.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich weiß, dass das keine Phase ist, denn es kommt immer wieder hoch. Jetzt bald schon seit zwei Jahren. Ich denke, dass du der eine sein könntest, aber du zehrst dich wohl nicht nach mir und das tut so weh. Ich flüchte mich in andere Männer, aber ich glaube am Ende sind die Gefühle für dich.
Es dir sagen? Unsere mittlerweile so enge Freundschaft riskieren? Es andeuten? Risiko ist nicht mein Ding, aber vielleicht muss ich es bald eingehen.“

Der Jahresvorsatz 2015 wird im Januar eingehalten. Das Risiko bekommt seine Chance und die Deutsche Post einen weiteren Auftrag ins Ausland. Ich habe dir geschrieben. Per Post. Es dauert über eine Woche. Selbstgeißelung als Vorsatz wäre passender gewesen.

Dann plötzlich bist du bei mir. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass du deinen Kaffee stark magst und schwarz. Aber Herzbrechen ist am Ende immer noch Gewalt. Und so streiche ich die Zuckerkrümel vom Holztisch und hoffe, ein Splitter möge sich dazu gesellen. Doch ich spüre nichts. Ich trinke noch einen Schluck Kaffee, lauwarm mit viel Milch. Eine Träne verheddert sich in meinen Wimpern und ich überschlage die Zeit, bis sie lautlos auf den Tisch tropfen wird. „Wir, du, ich, das ist so sensationell“, sagst du und schaust mich an. „Freundschaftlich. Ich fühle nicht wie du.“ Die Träne klatscht auf den Tisch. Zwei weitere folgen.

Als ich dich das erste Mal sah, warst du mir egal. Du saßt gegenüber. Perfekt wie immer. Als ich dich das zweite Mal sah, hast du nur genervt. Hast dich zwischen mich und ihn gedrängt und Bier ausgegeben. Und das dritte Mal, das dritte Mal schon liebte ich dich. Denn ich sah dich an und dein Hemd war zerzaust, deine Haut aufgekratzt und deine Brille dreckig. Die Erwachsenenwelt hatte deine Augenringe verdunkeln lassen und im Ernst des Lebens wurden deine Lippen rissig. Als wir uns das dritte Mal sahen und ich begann dich zu lieben, wechselten wir kein Wort. Wir saßen in der Bar. Zwei unter vielen. Der Tisch voller Flaschen, abgebissener Zitronenscheiben und du schliefst. Jemand rüttelte an deiner Schulter, doch du wolltest nicht gehen. Irgendwann ging ich und verstand: Es ist die Hässlichkeit, die ich an dir liebe.

Heute will ich ohne dich weiter gehen können. Und du schaust mich an, nimmst schuldbewusst einen Schluck schwarzen Kaffee und wischst mit der Zunge den letzten dunklen Tropfen vom weißen Porzellanrand. Du bist so schön, dass ich dich anschreien möchte.

„Freundschaftlich …“ wiederhole ich und wische mir die Augen mit dem Ärmel trocken, doch die nächsten Tränen rollen schon wieder über meine Wangen.

Ich möchte diese Worte nicht hören, probiere Zuckerkrümel zu zählen, da seufzt du auf und ich ahne es. Ich merke, dass ich verstehen muss, dass du das wirklich so meinst, wie du es gesagt hast. Ich komme einfach nicht los von dir. Aber im Gegensatz zu vorher tut es nicht mehr so weh, sondern es ist mehr ein tiefes Gefühl, eine Art Beständigkeit, ein Warten. Worauf warte ich? Auf dass du mich eines Tages doch sieht und erkennst? Nein, ich warte auf die Kraft, dich gehen lassen zu können.

Elif Kalpsiz ist 25 Jahre alt und landet definitiv zu oft auf all diesen Hochzeitsfotoblogs und wird immer trauriger, weil noch ein schöner Mann und eine schöne Frau a) weg vom Markt sind und sich b) so lieben und sicher sind und für immer zusammen sein wollen und perfekt sind und wahrscheinlich auch noch perfekte Kinder bekommen werden und hippe Jobs haben und nie Geldprobleme und außerdem haben sie dann noch so viele wunderschöne, leckere Süßigkeiten auf ihrer Hochzeit ganz locker auf den Vintage-Schrank gelegt, direkt neben den Strauß von Pfingstrosen und das ist für Elif der Punkt, an dem sie den Laptop zuklappt, sich über ihren monoperspektivischen Zugang zum Thema ärgert und auf ihr eigenes Großstadtleben und „Geisteswissenschaftsstudium“ konzentriert, in der Bar betrunken, wild gestikulierend und Weißwein verschüttend die Sache jetzt bitte noch ausdiskutieren will und resigniert feststellt, dass nachts schon wieder niemand zum Kuscheln da ist.

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_Elif

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