Goethe schweigt und Mozart spricht – warum Suizid kein Tabu mehr sein darf

Prävention ist ein immer wichtiger werdendes Thema. Anlässlich des ‚Internationalen Tag der Suizidprävention‘ Anfang September wurde viel darüber diskutiert. Viele Kampagnen, die mit „Suizid ist vermeidbar“ werben, wurden hochgelobt sowie entsprechende Artikel in den sozialen Netzwerken fleißig geliked und geteilt. Gut so! Ein längst fälliger und öffentlicher Aufruf zur Prävention.

Eines fiel mir beim Lesen dieser Artikel jedoch auf: Es wurde jemand vergessen. Und zwar diejenigen, die bereits jemanden durch Suizid verloren hatten. Diejenigen, für die jegliche Präventionsmaßnahmen zu spät kamen. Mit dem Versuch, mich – insofern überhaupt irgendwie möglich – in die Rolle dieser Angehörigen hineinzuversetzen, studierte ich die Artikel und Kampagnen noch einmal. Was ich verspürte, waren vorrangig Schmerz, Scham und unbegründete Schuldgefühle.

Auch Angehörige von Selbsttötungsopfern haben mit Stigmatisierung und Distanzierung zu kämpfen. Prävention? Nicht mehr möglich. Enttabuisierung schon.

Ja, Prävention ist wichtig. In allen Bereichen, nicht nur in Bezug auf das Thema Suizid. Mindestens genauso wichtig ist aber die Enttabuisierung durch Öffentlichkeitsarbeit, wenn es bereits zu spät ist. Auch Angehörige von Selbsttötungsopfern haben mit Stigmatisierung und Distanzierung zu kämpfen. Prävention? Nicht mehr möglich. Enttabuisierung schon.

Über Suizidfälle wird in den öffentlichen Medien nicht berichtet – um Nachahmungen im Sinne des sogenannten Werther-Effekts zu vermeiden. Morde, Vergewaltigungen und andere Übergriffe finden sich in den Medien allerdings zu Hauf, selbst wenn Täter und Tatvorhergang bereits bekannt sind und die Öffentlichkeitswirksamkeit damit nicht mehr zu ermittlungstaktischen Gründen eingesetzt wird.

Nach Erscheinen von Goethes ‚Die Leiden des jungen Werther’ im Jahr 1774 wurde von einer auffälligen Freitodhäufung berichtet.

Warum soll hierdurch die Hemmschwelle für solche Taten nicht ebenso gesenkt werden wie bei Berichten von Suiziden? Papageno-Effekt vs. Werther-Effekt: in der Suizidprävention eine aktuelle und brisante Debatte. Nach Erscheinen von Goethes ‚Die Leiden des jungen Werther’ im Jahr 1774 wurde von einer auffälligen Freitodhäufung berichtet.

Das beschriebene psychologische Phänomen, das sich dahinter verbirgt, trägt den Namen des Hauptakteurs in diesem Roman. Wegen des drohenden Werther-Effekts soll bei Suiziden die mediale Präsenz vermieden werden. In den vergangenen Jahren wurde dieser psychologische Effekt häufiger hinterfragt und dem sogenannten Papageno-Effekt gegenübergestellt.

In Mozarts Zauberflöte wird der Vogelfänger Papageno von Außenstehenden davon abgehalten, sich das Leben zu nehmen und der Freitod als Problem der Gesellschaft und nicht nur des Einzelnen dargestellt.

Beim Thema Selbstmord wird nun jedoch noch immer strikt geschwiegen: Aber fördern wir nicht genau so die Stigmatisierung von Suizidopfern und deren Angehörigen?

Beim Thema Selbstmord wird nun jedoch noch immer strikt geschwiegen: Aber fördern wir nicht genau so die Stigmatisierung von Suizidopfern und deren Angehörigen? Wo bleibt die Enttabuisierung für jene, für es bereits zu spät ist? Allein in Deutschland sterben mehr als 10.000 Menschen pro Jahr durch Selbsttötung. Die Zahl der Opfer ist damit höher als die derjenigen von Verkehrsunfällen und Gewalttaten zusammen.

All diese Worte sollen nicht als Kontrahenten zur Prävention und Aufklärung stehen – im Gegenteil. Ich arbeite selbst in der Prävention. Sie ist unglaublich wichtig und kann vieles verhindern und schützen. Dennoch: Sie ist lückenhaft.

In den letzten Jahren sind glücklicherweise auch Präventionskampagnen zur Pädophilie häufiger zu finden.

In den letzten Jahren sind glücklicherweise auch Präventionskampagnen zur Pädophilie häufiger zu finden. Ja, pädophile Übergriffe sind vermeidbar. Auch daran lässt sich präventiv arbeiten. Allerdings bringen Aufrufe hierzu gar nichts, wenn das beschämende Problem, von pädophilen Neigungen betroffen zu sein, nicht enttabuisiert wird.

Würde man sich vermehrt darauf konzentrieren, diese als psychische Störung anzusehen, könnte man die gesellschaftliche Stigmatisierung hierzu möglicherweise lockern. Erst dann (und wirklich erst dann!) können Betroffene dazu aufgerufen werden, sich diese Veranlagung selbst einzugestehen, mit dem Wissen, dass dies therapierbar und das Ausleben solcher Bedürfnisse und daraus resultierenden Übergriffen somit vermeidbar ist.

Stigma-Reduktion ist möglich. Abgeschlossen ist dieser Prozess jedoch noch lange nicht.

Der Entstigmatisierungsprozess von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen ist erfreulicherweise in den letzten Jahren langsam aber sicher vorangeschritten. Dieser positive Aspekt soll hervorgehoben werden: Stigma-Reduktion ist möglich. Abgeschlossen ist dieser Prozess jedoch noch lange nicht.

Rückstände sind beispielsweise bei Schizophrenie-Betroffenen erkennbar. Der Grund: Für viele Nicht-Betroffene ist eine solche Störung schlicht und ergreifend sehr befremdlich. Das ist verständlich und in gewisser Weise nachvollziehbar.

Es liegt in der Natur des Menschen, leise Vorurteile zu haben – diese basieren schlichtweg auf Eigenerfahrungen, die im Laufe des eigenen Lebens gesammelt und Fremderfahrungen, die einem mitgegeben wurden. Entspricht etwas nicht der Norm, erscheint es uns befremdlich, weil wir in unserer Gesellschaft zu selten die Chance erhalten, tabufrei zu sprechen und ‚das Fremde‘ kennenzulernen. Das Fremde nicht nur zu akzeptieren, sondern zu integrieren.

Sprecht! Unsere Gesellschaft braucht mehr Mozart.

Zusätzlich zur allgemeinen Präventionsarbeit, die hoffentlich auch weiterhin in allen Bereichen gute Arbeit leistet und damit vielfach vermeidet, schützt und unterstützt, kann jede/r Einzelne positiv zu diesem Prozess beitragen: Sprecht! Unsere Gesellschaft braucht mehr Mozart.

Anm. d. Red.: Falls du selbst suizidal bist, wenn deine Seele so sehr schmerzt, dass nichts mehr geht, melde dich bitte umgehend bei einem Arzt oder informiere dich bei Freunde fürs Leben. Je früher du über deine Gefühle sprichst, desto besser kann geholfen werden. Du bist nicht allein.

KtjBmnn ist 28 Jahre alt, Masterstudentin der Gesundheitspsychologie und kennt aus eigener Erfahrung die Problematik der gesellschaftlicher Stigmatisierung, deren Ursprung meist nur in Unsicherheiten und Fremdereignissen liegen. Daher ihr Aufruf zum Sprechen.

Headerfoto: Sam Manns via Unsplash. („Gesellschaftsspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür!

1 Comment

  • Anke Neumann sagt:

    Danke für diesen wichtigen Text! Ich selbst habe meinen Vater dieses Jahr am 14.5. aufgrund von Depressionen durch Suizid verloren. Von Anfang an bin ich überall offen damit umgegangen und hab Gott sei Dank nur positive Erfahrungen gemacht. Was mir natürlich sehr geholfen hat. Es ist bedauerlich, dass es bei anderen auch durchaus anders aussehen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.