Ghana – von Regenwäldern, Müllhalden und echter Demut

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Die Idee war wohl zu mächtig, zu gut, vielleicht auch zu naiv … Ich hatte nicht mal Zeit, mich von ihr zu verabschieden. Aber was soll’s. Ich singe mit John Lennon „Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen“. Ich hatte eigentlich viel vor in Ghana – doch kurzfristig kam alles anders. Und so stehe ich nun am Gate 8 und schaue auf den Flieger, der mich dorthin bringen soll. Und alles, was mir von den hübschen Flausen und Ideen gerade bleibt, ist das Flugticket. Die nächsten drei Wochen sind unvorbereitet, improvisiert und frei von Ahnung. Auf den letzten Drücker hatte ich mir noch schnell einen Reiseführer gekauft – zur Orientierung.

Kurz packt mich der Gedanke, warum ich nicht einfach umgebucht habe und irgendwohin fliege, wo ich definitiv weiß, dass es schön wird – Südafrika, Namibia, Tansania … Bin ich das? Ich will nicht sehen, was ich so oft schon auf Bildern gesehen habe, will nicht erleben, was schon tausend Leute vor mir erlebt haben, ich will nichts von dem, was mir schon erzählt wurde. Nicht jetzt. Ich will das, was ich noch nie hatte.

Accra

Hitze! Stelle ich die Klimaanlage aus, ist es zu warm. Stelle ich sie an, ist sie zu laut. In der ersten Nacht habe ich die Wahl zwischen zwei Übeln. Ich starre an die Decke, die Bilder meiner Einreise hier in Ghana ziehen noch mal an mir vorbei …

Was ich hier wolle, hat mich der Beamte in seiner tannengrünen Uniform hinter der Glasscheibe am Immigration-Desk gefragt. „Just traveling“, hatte ich geantwortet und ein kopfschüttelndes „pfff“ geerntet. Scheint wohl doch irgendwie ungewöhnlich zu sein hier. Also „traveling“. Einfach ist es nicht. Da waren zunächst diverse Impfungen, die der tannengrüne Mann prüft. Dann war da das Visum, das ich nur unter Angabe zweier Adressen in Ghana sowie einer persönlichen, schriftlichen Einladung, wohlformuliert, mit Nennung eines inhaltlichen Rahmens, bekam.

Meine Kontoauszüge der letzten drei Monate musste ich für die Beantragung des Visums ebenfalls beifügen. Einen weiteren Antrag sollte ich dann im Flieger erneut ausfüllen, außerdem eine Zolldeklaration. Nun stehe ich hier und werde geprüft. Nach diversen Stempeln, einer weiteren Fotoaufnahme sowie dem kompletten Scan aller Finger und Daumen gibt mir Mr. Tannengrün lächelnd meinen Pass zurück und ruft „Next one!“

Ich bin drin – in Ghana. Die feucht-warme Nachtluft klatscht mir um einundzwanzig Uhr Ortszeit ins Gesicht. Ich mag es immer gern – die Gerüche an Flughäfen, wenn man ein fernes Land das erste Mal betritt. Ghana riecht nach Benzin, Staub und irgendwas Süßlichem. Es riecht nach Leben. Nicht unangenehm.

In den kommenden Tagen taste ich mich an Ghana heran. Ich beobachte die Menschen, fotografiere sie und versuche zu verstehen, welchen Abläufen und Regeln das Leben hier folgt. Und um ehrlich zu sein: Es will mir nicht so recht gelingen. Den Ghanaer zu beschreiben gleicht dem Versuch, einen Aal in einem breitmaschigen Netz zu transportieren. Tausende Augen starren mich jeden Tag an. Und ich versuche, sie zu sortieren.

Ghana zu bereisen ist aufregend und entspannend zugleich, aber eines keinesfalls: langweilig. Das Land hat einen spröden, morbiden Charme, ist farbenprächtig, mitunter sehr laut und staubig. Man findet hier durchaus reizvolle Natur, entlegene Regenwälder und wundervolle Strände. Diese werden allerdings oft als Müllhalde und Bedürfnisanstalt genutzt. Die Temperaturen sind ganzjährig auf hohem Niveau – es wechseln lediglich Trocken- und Regenzeit.

Ghana ist für Backpacker und kleine Abenteurer sicher interessant, von einem Familienurlaub würde ich allerdings abraten. Man sollte etwas „handfester“ unterwegs sein und hinnehmen können, dass man auch mal auf die üblichen Hygienestandards verzichte muss. Nicht überall fließt Wasser aus den Hähnen, Strom kann über Stunden ausfallen. Auch beim Essen darf man nicht pingelig sein.

Ghana zwingt dich durchaus in die Defensive und drückt dir seine Maßstäbe, Werte und Abläufe auf. Diese Erfahrung tat mir gut und ich möchte sie nicht missen. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.“ Nichts würde ich mehr unterschreiben als das. Ghana hat mich ordentlich durchgerüttelt und mir das Gefühl echter Demut zurückgegeben. Meine Hochachtung den Menschen gegenüber, die dort täglich in brütender Hitze um ein paar Cents kämpfen, um sich und ihre Familie zu versorgen, kennt keine Grenzen.

Es gibt einige Bilder, die mir wohl immer in meinem Kopf bleiben werden. Ich erinnere mich an diesen einbeinigen Typen, der sich im Nirgendwo, weitab von irgendeiner Siedlung, in der Mittagshitze auf Krücken diese endlose Straße entlang schleppte. Wie viele Kilometer er bereits hinter sich und wie viele er noch vor sich hat, mochte ich mir gar nicht vorstellen.

Da war die Frau, die an dieser lauten und viel befahrenen Kreuzung Brot trug. Sie hatte, sichtbar für alle, gerade ihre Notdurft am Straßengraben verrichtet. Das Tablett mit Brot hatte sie dabei nicht mal vom Kopf abgesetzt und mir schossen Begriffe wie „Würde“ und „Stolz“ durch den Kopf.

Auch die drei jungen Mädchen, die ihre riesigen Wasserkrüge kilometerweit durch die Savanne trugen, bleiben in meiner Erinnerung. Ihre nackten Füße waren zerschunden und die Gesichter schon in jungen Jahren vom schweren Alltag gezeichnet.

Wie soll ich den drei Mädchen in der Savanne erklären, warum wir uns in Deutschland mit Trinkwasser duschen? Werde ich mein Töchterchen jemals wieder unvoreingenommen ansehen können, wenn sie beim Wandern „Ich kann nicht mehr“ sagt? Ich muss seit meiner Ghana-Reise immer wieder darüber nachdenken, wie lächerlich die deutsche Redewendung „den inneren Schweinehund überwinden“ klingt. Wie sehr doch das Leben den Willen formt.

Ja, unsere Erde ist ungerecht aufgeteilt. Das zu Wissen, ist etwas anderes, als es selbst zu erleben.

Noch mehr Fotografien und Geschichten hat Steffen in seinem LOGBUCH GHANA festgehalten.

DER FOTOGRAF: Steffen Böttcher (Lüneburger Heide), ehemaliger Grafikdesigner, wohnt im Grünen und ist leidenschaftlicher Portrait-, Hochzeits- und Reisefotograf. In seinem kleinen, wahrgewordenen Traum, dem heimeligen Heidestudio, bietet er außerdem Workshops und Coachings an. Seine Reisen sind sehr intensiv, ehrlich und immer nah am Leben der Einheimischen. Diese bewusste Art zu Reisen hält er in seinen Logbüchern fest. Blog | Facebook | Instagram

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