Genf | Zwischen Hipstern und Teilchenbeschleuniger

Wir fliegen in die Schweiz. Wieso? Weil es da angeblich schöner ist als in Berlin. Glauben wir natürlich erst, wenn wir es mit eigenen Augen sehen. Irgendjemand muss sehr betrunken gewesen sein, als er uns zwei Tickets mit der Aufschrift Swiss Airlines „Business Class“ überreichte. So was kennen wir ja sonst nur aus Filmen. In der Business Class ist alles besser. Jeder trinkt Champagner. Sogar das eine Baby hinten rechts. Man hüllt sich in Nerze. Die Klischees sind erfüllt. Wo ist überhaupt meine Rolex? Alle fragen sich, wer uns hier rein gelassen hat. Unser Jogginghosen-Selfie ersparen wir euch lieber. Das Mittagessen auf dem 70-minütigen Flug ist mit Schinken gespickt. Der Stewart entschuldigt sich und bringt Jule, der ollen Vegetarierin, eine Banane und einen Joghurt aus dem Kühlschrank der Besatzung. Das möchte sie aber nicht, also schleppt er aus der Holzklasse (sagt man doch so?) ein Käsesandwich an. Das nimmt sie höflicherweise und packt es in Servietten ein. Für später. Vorher muss sie noch 10 Tafeln Schokolade essen. Na sichi. Ich gucke auf die Strecke im Flugzeug-Fernseher und schreie: „Ach, da ist die Schweiz? Shit. Ich dachte, das sei rechts von Österreich.” Die bessere Gesellschaft liebt uns jetzt schon. Klassiker.

Erster Stopp: Genf. Auch die „kleinste der großen Metropolen“ oder „Stadt des Friedens“ genannt. Die Straßen glitzern, echt jetzt, und die Stecker vom Laptop passen nur halb in die Steckdose. Die vom Handy gehen aber ganz rein. Puh, Glück gehabt. Richtig witzig: Hier spricht gar keiner Deutsch. Ich bekomme direkt Angstschweiß. In der Schule lernte ich einst Latein und Alt-Griechisch. Tote Sprachen, die einem höchstens bei einer richtig bekloppten „Wer wird Millionär?“-Frage weiterhelfen können. Verdammte Axt. Jule? Ah, ja, genau. Französisch im Abitur. Voulez-vous Bett und morgen früh aufstehen? Gebongt.

09:00h – Frühstück

Wir wohnen am Boulevard James-Fazy mitten in der Stadt. Frühstück gibt es im achten Stock. Bei der Aussicht ist einem direkt alles egal. Genf hat genau 1 Minute gebraucht, um uns komplett von sich zu überzeugen. Jetzt schon viel geiler als es Berlin jemals war.

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10:30h – CERN

Meine Mutter sagt immer: „When in Geneva, you have got‘s to go to CERN.“ Antimaterie-porn at its finest. Der Large Hadron – oder wie Jule zu sagen pflegt: Hard-on – Collider dürfte der bekannteste Teilchenbeschleuniger der Welt sein. Der größte und stärkste ist er allemal. Das Ding ist 26,7 Kilometer lang. Also ungefähr genau die Strecke, die Jule und ich niemals joggen werden.

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Zum Empfang gibt es in der großen Kugel einen fancy Film über den Big Bang, Materie, Partikel und schwarze Löcher. Werden wir herausfinden, warum Antimaterie und Materie sich gegenseitig nie komplett zerstört haben? Und was ist überhaupt mit dem Higgs-Teilchen los? Wurde im Juli 2012 in dem massiven Ring nachgewiesen. Geil, wollen wir sofort anfassen! Jeder, der auch nur einen klitzekleinen Teil Nerdism in sich trägt, sollte dringend die Tram 18 nach CERN nehmen und der Kernforschung eine Chance geben. Im besten Fall seid ihr sogar schlau genug, euch vier Wochen vorher für eine geführte Tour anzumelden. Da dürft ihr dann auch einen Helm tragen und Sheldon Cooper spielen. Versprochen.

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14:00h – Stadtbummel

Es bestätigt sich: Genf wird nicht hässlicher. Die Stadt bietet Hipster, Skater, Hunde, extrem gute Häuser, bunte Plakate, akkurat frisierte Omas und das allerschönste Panorama seit irgendjemand das Mont Blanc-Massiv erfunden hat. Außerdem ist hier alles sauber. Mit dem Alter lernt man so was ja zu schätzen. Wo wir früher noch mit billigem Wodka und einer schäbigen Disko zufrieden waren, nehmen wir heute eine aufgeräumte Straße mit Spiegel-Kunstwerken und höchst freundliche Menschen. Jule bekommt in einem Café versehentlich eine Veggie-Tarte mit Lachs serviert und die Café-Betreiberin entschuldigt sich so herzerwärmend, dass wir das Gefühl haben, sie hat MDMA gedippt. Es stellt sich aber raus: Diese Genfer sind einfach so. Unfassbar verkuschelt. Wir wollen direkt einwandern. Wer heiratet uns?

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15:00h – Foound Store

Irgendeiner muss die Wirtschaft ja ankurbeln, deswegen gucken wir uns lieber noch mal den ultimativen Shopping-Hotspot Foound in der Rue Jean-Guttenberg 16 an. Den haben uns unsere coolen Freunde empfohlen. Also die, die tatsächlich Ahnung von Mode, Accessoires, Frisuren und Kunst haben. Was wir vorfinden ist ein wahnsinnig origineller Laden für alle, die hochwertige, meist handgemachte Produkte und Dienstleistungen lieben. Es gibt eine Snack-Bar, Friseure, Tattoo-Künstler, Künstlerwerkstätten, Yoga und Selbstverteidigung, Ausstellungen, Nachtmärkte, Weinproben, Ernährungsberater, einen Osteopath, den örtlich ansässigen Astrologen und allerlei anderen fancy shizzle. Falls ihr Bock habt ein geiles Bike, schöne Bilder und handgeblasene Marmelade zu kaufen, dabei einen Top-Haarschnitt verpasst zu bekommen und im Anschluss zum Yoga zu gehen, seid ihr hier auf jeden Fall an der richtigen Adresse. May the Hipster be with you!

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16:00h – Snack Attack

Käsefondue? Schokolade? Ey, Genf kann so viel mehr! Wer Süßes will, geht zu Ladurée – kennt der Kosmopolit ja aus Paris – in der Cours de Rive 7 und kauft die weltbesten Macarons, um sich den äußerst kurzen Weg zum Genfer See zu versüßen. Die Achter-Box kostet um die 20 Euro. Ganz ehrlich: fair enough. Wirklich noch nie so perfekte Köstlichkeiten schnabuliert. Kann man die eigentlich auch in der Hunderter-Box kaufen und in so was nach Deutschland transportieren? Ich brauch ‘nen Staubsauger. Jetzt!

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17:00h – Bootfahren

Wenn man es die 500 Meter bis zur Bootsanlegestelle in der Quai Gustave-Ador geschafft hat, kann man mit seiner Geneva Transport Card über den Genfer See schippern. Für umme, is klar. Kleine gelbe Wassertaxis? Kein Stau? New York kann einpacken. Ehrlich.

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Genf wäre nicht Genf, wenn es nicht mitten auf dem größten See Europas eine recht rustikale, aber wahnsinnig authentische Saunalandschaft zu bieten hätte. Da Jule ungefähr alles lieber tut als in der Öffentlichkeit zu schwitzen, besuche ich das Bains des Pâquis am Abend alleine. Geiles Hamam, irre finnische Sauna mit großen Fenstern und Blick über den See und die nächtlich leuchtende Stadt, einen rutschfesten Einstieg in den See zum Abkühlen – yes, I did it, 3 Grad my ass – und ganz nebenbei das krasseste Käsefondue des Landes. Und wir reden von Käsefondue mit Crémant – nix hier mit läppischem Wein. Ganz wichtig: reservieren. Ohne Anruf kein Käse. Merkt euch das bitte. Wer nur schnell mal was snacken will, kann das im Holy Cow! am Place de Cornavin 22. Dort erwartet euch eine hübsche Burgerkette, die ausschließlich lokale Produkte verwendet. Veggies welcome und für das Franken-Land sogar äußerst bezahlbar. Yay!

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22:00h – alte Frauen müssen schlafen

Da wir am nächsten Tag wieder einige der leckersten Schweizer Singles porträtieren, gehen wir zeitig ins Bettchen. Wir haben gelernt, dass das Zimmer nach Pommes stinkt, wenn man alte Pommes neben dem Bett stehen lässt, und dass wir im Sommer noch mal wiederkommen müssen. Müssen? Ich hasse dieses Wort, weil da so viel Zwang hinter steckt, aber an dieser Stelle gibt es einfach nichts passenderes. Im Sommer gehen wir dann auch feiern, saufen und unsere Glitzerkostüme spazieren führen. Und wir verraten euch dann selbstverständlich, wo ihr die Hotspots des gepflegten Raves findet. Bis dahin könnt ihr Genf noch mal bei Nacht abfeiern – sigh:

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Mehr Infos zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, den günstigsten Parkhäusern, der 140 Meter hohen Fontäne auf dem Genfer See, die anscheinend extra wegen uns abgestellt wurde (moh!) und den besten Uhrenmachern findet ihr hier. Ansonsten fragt einfach eure Freunde, die wissen im Zweifel eh alles besser, diese ollen Schlawinerchen! ♥

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