Generation der Möglichkeiten

Ich wache morgens auf und greife sofort zu meinem Telefon, um sämtliche sozialen Netzwerke nach Neuigkeiten zu prüfen. Habe ich neue Likes bekommen? Wie viele Freundschaftsanfragen und Nachrichten sind eingegangen? Was machen meine ganzen „Blogger-Freunde“ und welche tollen Outfits haben die heute wieder geschenkt bekommen? All das kontrolliere ich direkt in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen und es hat mir bisher nicht geschadet. Dabei denke ich immer an diesen einen Artikel, den ich diesbezüglich gelesen habe, der unserer Smartphone-Generation rät, dies auf gar keinen Fall gleich am Morgen zu tun. Worte wie „Handysucht“ poppen in meinen Gedanken auf.

In den letzten Monaten schwirrten viele interessante und gute Texte zum Thema „Generation Y – Generation im Überfluss – Generation beziehungsunfähig“ etc. im Netz und in Zeitschriften umher. Auch ich habe dieses „zerrissene“ Gefühl unserer Generation beschrieben und empfunden. Es wurde hinreichend erläutert, wie uns die ganzen Möglichkeiten und das Streben nach Perfektion zu schaffen machen, wie Tinder und Co. unser Leben verändern und uns austauschbarer erscheinen lassen, wir gar beziehungsunfähig sind und die Selbstverwirklichung der eigenen Person im Job und/oder in der Freizeit einen riesigen Platz einnimmt und unser Leben von purem Egoismus und Egozentrik geprägt ist, wir mit gesenktem Kopf auf unser iPhone starren und das Leben verpassen.

All das wurde wieder und wieder beschrieben und sehr viele, sowie auch ich selbst, können sich in den Worten wieder finden. Aber die Phase, unsere „schlechte vom Überfluss geprägte junge Generation“ erkannt zu haben, können wir doch jetzt endlich mal hinter uns lassen, denn: Es ist so wie es ist! Deal with it!

Ich denke mittlerweile vielmehr, wie toll das ist, so viele Möglichkeiten zu haben und dass ich mich so ausführlich mit mir selbst beschäftigen kann. Die Wahl, darüber zu entscheiden, was ich kaufe, wie ich aussehe, was und wer ich bin oder sein will, wohin ich gehe, mit wem ich zusammen sein will, ob ich monogam lebe, welchen Instagram-Filter ich nutze, wo ich arbeite, ob ich arbeite, wann ich was mache und warum. All das wieder schätzen zu wissen, fühlt sich gut an. Sich nicht über unsere egoistische Konsumgesellschaft zu beklagen, sondern – und jetzt kommt das Wichtigste – sie im eigenen Rahmen, so gut es geht, zu genießen.

Ich habe oft Gespräche geführt mit dem Ziel, eine Lösung für unser „Generationsproblem“ zu finden. Es gibt aber schlichtweg keine, denn jeder muss für sich selbst entscheiden, was er aus seinem Leben macht, wie er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzt und wie er sich vor allem gegenüber anderen verhält.

Ich klicke mich immer gern durch Kommentare von diesen „Generationstexten“ und denke meistens, Mensch, die wissen ja eigentlich alle, was zu tun ist. Jeder für sich individuell schreibt doch mit seiner Meinung nieder, wie er in dieser Welt der endlosen Möglichkeiten für sich klar kommen und was er erreichen möchte. Jeder erkennt den eigenen Egoismus und ich frage mich, wenn alle schon wissen, wie es besser geht, warum machen wir es nicht besser?

Wir müssen mal aufhören zu jammern und die Fakten akzeptieren. Keiner von uns – also, ich denke zumindest die meisten – möchte in der Vergangenheit leben, ohne Handys und Internet, ohne Meinungsfreiheit und mit vordiktiertem Lebensweg: Mann/Frau, Heirat, Kinder, Haus, fertig!

Wir bekommen eben später Kinder. Alles verändert sich nun mal. Auch unsere Gewohnheiten. Wir sind nicht beziehungsunfähig! Der Mensch strebt seit jeher nach Beziehungen, wir nehmen uns nur jeweils die Freiheit heraus, diese individuell zu modifizieren und an uns anzupassen. Warum auch nicht? Bei so vielen Menschen ist bestimmt auch einer dabei, der dieselben Ansichten hat oder bereit für einen Kompromiss ist. Wir brauchen eben heutzutage länger, einen gescheiten Partner zu finden. Aber man lernt doch irgendwie immer einen Deppen kennen, der zu einem passt – und den finden tatsächlich auch viele über eine Online-Plattform.

Fortschritt ist unaufhaltsam. Er zeigt uns entweder, dass das Gewohnte doch nicht so schlecht ist, oder aber, dass wir dringend eine Veränderung brauchen. Es gibt für alles Vor- und Nachteile. Also warum permanent zurück schauen und unsere Generation mit denen von damals vergleichen? Wir leben jetzt und müssen nur einen Weg finden, der für uns angenehm scheint. Lassen wir die Vergangenheit endlich ruhen.

Wir wissen im Prinzip wie es läuft. Schüttelt euch doch mal alle gegenseitig. Unsere Generation ist sehr gut vergleichbar mit Liebeskummer. Wir trauern etwas hinterher und alles scheint zum aktuellen Zeitpunkt beschissen. Wir zweifeln, hinterfragen, was soll man bloß tun? Doch tief im Inneren wissen wir genau, dass diese Phase vorbei geht und es am Ende immer einen Sinn hatte, dass die Dinge so waren, wie sie waren. Wir lernen dazu, gehen gestärkt aus der Situation hervor, brechen auf zu neuen Ufern und kommen unserem Ziel ein Stück näher. Vermutlich wird es auch so sein, nachdem der letzte Text zum Thema „Endzwanziger Krise“, „Thirties whatever“ oder „Generation Y“ geschrieben wurde. Das ist für jeden ein individueller Prozess und er wird meistens durch ein bestimmtes Ereignis angestoßen.

Man muss im Übrigen auch aufpassen, dass die glücklichen Leute nicht ins Unglücklichsein verfallen. Kann ja sein, dass es vielen total super geht, aber diese ganzen Texte über die „beziehungsunfähige“ Generation XYZ dazu führen, dass genau die dann denken, „nee, also wenn alle das sagen, dann muss ich auch unzufrieden und beziehungsunfähig sein“, und dann schaffen die sich überhaupt erst ein Problem. Wir haben aber an sich kein Problem. Denn Egoismus war schon immer da. Unbegrenzte Möglichkeiten nicht! Wir haben wunderbare Chancen, unser Leben selbst zu bestimmen. Mit dem Mix aus Vernunft, Wagnis und einer positiven Einstellung zum Leben klappt das auch. Alle können, niemand muss!

#lifeisgood #dontworrybehappy #wearetheworld #thereisnoproblematall

Annelie ist ein C-Bereich Mädchen, das es in den Berliner AB-Bereich geschafft hat.  Das Leben hat ihr schon reichlich dramatische Liebeserfahrungen beschert, daher predigt sie manchmal die freie Liebe, möchte aber im Grunde das, wonach alle streben: Glücklich sein! Mehr von der fabelhaften Annelie gibt es auf ihrem Blog.

Headerfoto: MaloMalverde via Creative Commons Lizenz!

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6 Comments

  • Meral sagt:

    Also ich bin total beeindruckt.Annelie spricht mir AUCH aus der Seele…vorallem der erste Satz…

  • Judith sagt:

    Dieser Text ist einfach nur genial. Er spricht mir so dermaßen aus der Seele, dass ich quasi sprachlos bin.

  • Mary sagt:

    Hallo,

    weißt Du, wie die sog. Y-Generation auf mich, etwas älter, wirkt..?!

    Nee, ne. Woher auch…? Ich sag’s Dir:

    Recht oberflächlich, egomanisch, wenig diszipliniert, kann Unangenehmes nicht lange aushalten, kann nicht beißen, sehr materialistisch, leicht beeinflussbar uvm.

    Wenig Gutes bisher, nicht wahr?

    Deine Betrachtung zeigt mir, dass Du ebenso pauschal *wir* sagst. Nein, in Eurer Generation kann sich nicht jeder aussuchen, was er arbeitet, wie und wo er lebt – in keiner anderen Generation gibt es so viel verschiedene Schichten mit Möglichkeiten von sehr viele bis sehr wenige.

    Um weiter allgemein zu bleiben; Ihr habt kaum Ideale, die Ihr hochhaltet und für die Ihr einsteht. Ihr scheint mir so käuflich.

  • Jule sagt:

    ich schließe mich mal an: schöner Text! Gleichwohl empfinde ich manche Entwicklungen unserer Generation schon als bedenklich! Wenn wir das nur hinnehmen, wird sich nichts ändern. Wenn wir uns damit abfinden, dass viele Menschen egoistisch sind und andere verletzen, finden wir uns damit ab, schlecht behandelt zu werden. Sollte die Autorin zu den „vorbildlichen“ Menschen meiner/unserer Generation gehören, dann gern: genieße die positiven Aspekte, die uns geboten werden 🙂

  • LillyPutaner sagt:

    Alles ist gut so wie es ist und jeder wie er mag.
    Schöner Text.
    positive thinking un so..

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