Für S.

Das Schütteln, mit dem Pierre mich aus dem Tunnel meiner Neujahrs-Nachrichten zog, um dich, die er kurz zuvor kennengelernt hatte, mir vorzustellen, fühlte sich an wie der Zusammenstoß mit einem Güterzug. Mein Gott, wie unecht das war, dich zu sehen. Wenngleich ich lächelte, fühlte ich mein Herz, wie durch einen scharfen Schnitt abgetrennt, in meine Hose fallen.

Ja, wir hatten einander schon mal getroffen. Vielmehr als das, hatten wir uns kennengelernt, ein Bett geteilt, zusammen gewohnt, gelacht, gestritten und am Schluss geschwiegen und entzweit.

Aber in dem Moment, als du die Arme geöffnet und um mich gelegt hast, der einst vertraute Geruch deines CK IN2U sanft um uns wehte, da war es kurz so, als hätte es die Jahre seit unserer Trennung nicht gegeben. Genauso wenig wie den Krach und Schmutz, mit dem es zugrunde ging.

Und dann standen wir uns gegenüber und konnten es kaum glauben. Erzählten uns, was wir in der Zeit erlebt hatten, wo wir waren und zwar so, als wären wir in entgegensetzte Richtungen um die Erde gereist. Als du beim Lachen den Kopf in den Nacken warfst und deine Hand auf meiner Brust ruhte, da wurde mir bewusst, warum der Gin Tonic, den wir tranken, mehr nach Melancholie, denn nach Hochgefühl schmeckte.

Wir tanzten mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie damals. Als Apparat mit Fractales aus den Lautsprecher knallte, unsere Blicke einander trafen, kamst du in der stockenden Zeitlupe des Stroboskop-Lichts direkt auf mich zu. Mir rann die Schwere wie Beton in die Schuhe. Eine Sekunde später warst du bei mir, um deine Arme um meinen Körper zu legen, der von Bass und Herzschlag vibrierte. Der kleine Kuss war eine Reise um Jahre zurück. Mein Gesicht in der Kuhle zwischen deiner Schulter und deinem Hals. Dein Atem auf meiner Haut und deine Finger in mein Haar gekrallt.

Du wolltest dich nur noch bei deinen Freunden verabschieden. Wir treffen uns an der Garderobe, sagtest du. Während ich dort stand und auf dich wartete, da legte sich der Endorphinrausch und ich spürte, wie du mir schon nach wenigen Sekunden wieder fehlst. Aber die Sehnsucht nach dir war immer mehr Verlustangst als Freude gewesen.

Ich werde nie erfahren, was du gedacht oder wie lange du mich gesucht hast. Aber ich saß da schon in der Linie 3 Richtung Liststraße. Ich rannte, entwirrte hastig den Kabelsalat meiner Kopfhörer. Und in dem schützenden Klang Brian Enos The Big Ship explodierten die Bilder der vergangenen Jahre wie Flakfeuer in meinen Kopf. Nach uns fiel ich lange und tief.

Wenn ich all die One-Night-Stands denke, von denen ich mir eine Heilung versprach. Laut stöhnende blonde Frauen. Leise auf die Lippen beißende Brünette. Kurze Haare. Lange Haare. Haar, das aussah wie ein Fluss aus Karamell. Kleine Brüste. Hängende Brüste. Weiche und straffe. Tätowierte Haut. Zarte blasse, wie Porzellan. All die Drinks. Die durchgemachten Nächte. Die Zigaretten. Die Kopfschmerzen. Die E-Mails, auf die du nie reagiert hast. Die Exzesse. Die Depression. Die gute Miene zum bösen Spiel. Wie oft hatte ich mir eingeredet, es würde gehen. Aber das war nur Show, wie die neben mir am Nachthimmel in eindrucksvollen Farben verbrennenden Geldscheine.

Ich wünschte, ich hätte dich tatsächlich am heutigen Abend kennengelernt. Vielleicht wäre da wirklich eine Zukunft für uns gewesen. Doch die grellgelbe Tram, sie holpert mit mir über die Carolabrücke meinem Leben entgegen. Ich schaue auf die Altstadt. Irgendwo dort wirst du stehen und dich umsehen. Vielleicht wirst du mit dem Kopf schütteln. Vielleicht wirst du lächeln, so wie ich gerade. Über den albernen Gedanken, einer gemeinsamen Neujahrsnacht. Vielleicht wird es dir auch etwas hinter den Augen drücken, wie mir gerade. Wegen der Erinnerung an etwas, das viel länger schmerzhaft war, als schön. Und viel länger schon Geschichte ist, als je existent.

Headerfoto: Margot Gabel via Creative Commons Lizenz!

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.