Für 23 Minuten einsam

Kreuzberg, Samstag, 15:53 Uhr. Vor dem Fenster meiner Single-Wohnung schließen sich die Wolken zu einer dunkelgrauen Übermacht zusammen, die jedes Blau vertreibt und das Tageslicht innerhalb weniger Minuten zur Kuschelatmosphäre degradiert. Ist halt gerade keiner da zum Kuscheln. Und so sind die ersten Regentropfen die Vorboten einer Einsamkeit, die dann schauerartig über mich hereinbricht. Ich will jetzt das Fenster aufreißen und mich nackt unter das Bettlaken kuscheln und rausschauen und Blitze bewundern und dem Donner lauschen und das macht keinen Spaß allein oder mit irgendeiner, die für einen nur irgendeine und für die man nur irgendeiner ist. Gewitter ist was für Pärchen. Für wir beide gegen den Rest der Welt, du bist alles, was ich brauche, ein Herz und eine Seele und nach uns die Sintflut. Gewitter ist was für Liebe.

Dabei habe ich gestern Nacht noch stolz der halben Schlange vorm Club erzählt, dass ich neuerdings über den Zwang zur Liebe hinweg wäre. Dass ich darüber hinweg wäre, einen anderen Menschen zu brauchen, um glücklich zu sein. Als spiritueller Großstädter genüge ich mir ab sofort selbst. Habe ich so beschlossen. Ich überschütte mich mit Eigenliebe und wenn man so sehr bei sich ist wie ich, dann kennt man so etwas Kleingeistiges wie Einsamkeit überhaupt nicht mehr. Und darum habe ich aufgehört, irgendwen im Club abzuschleppen, und ich habe Tinder gelöscht und happn auch, weil das ja alles nur Ersatzbefriedigungen sind und ich dort jahrelang eigentlich nicht einen anderen Menschen gesucht habe, sondern nur mich selbst und da ich mich nun gefunden habe, brauche ich niemanden mehr. So oder so ähnlich habe ich das jedenfalls dem Indianermädchen heute Morgen bei Sonnenaufgang im Kater Blau erklärt und ich bin nicht ganz sicher, ob sie so große Augen gemacht hat wegen meiner unfassbaren Weisheit oder … warum auch immer. Spielt auch keine Rolle, denn ich bin allein nach Hause gefahren, weil ich als Indianer verkleidete Mädchen nämlich nicht mehr abschleppe – das bisschen küssen gestern zählt nicht. Aber jetzt ist Gewitter. Und das ist scheiße, denn ich bin einsam, da kann ich noch so viel meditieren und Nietzsche lesen und meinem Spiegelbild sagen, dass ich gut so bin wie ich bin und mich selbst liebe. Blabla. Ich will jetzt kuscheln, verdammt! Und jemanden lieben und geliebt werden und gemeinsam Gewitter gucken.

Kreuzberg, Samstag, 16:16 Uhr. Vor dem Fenster meiner Single-Wohnung scheint wieder die Sonne. Ich wische mir die Regentropfen aus dem Gesicht und bin mega froh, dass jetzt niemand neben mir liegt und blöd rumkuscheln will, während draußen doch das Wetter so schön ist. „Ach Tobi!“, denke ich mir.

Tobi hat die letzten zwei seiner achtundzwanzig Jahre in Berlin verbracht. Für eine Weile war er mal Macho und anschließend wieder Frauenversteher. Tagsüber läuft er barfuß durch den Wald und umarmt Bäume und nachts kämpft er sich durch den Berliner Clubdschungel und umarmt fremde Menschen. Er hat sich erst an die Werbung verkauft, um es dann als freier Künstler zu probieren. Meistens ist er glücklicher Single, aber im Herzen absoluter Beziehungstyp. Wahrscheinlich ist er einfach auf der Suche nach der Mitte und in Berlin will da halt keiner hin. Von der Mitte zur Titte zum Sack, zack zack, wa?

Headerfoto: Uppy Chatterjee via Creative Commons Lizenz!

imgegenteil_tobi

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26 Comments

  • Ich habe mich anfangs in Tobi´s Text „Wir sind die Unverbindlichen“ verliebt. Weil ich mich darin sofort selbst gefunden habe. Ich war und bin immer noch immens fasziniert. Habe mir den Text sofort ausgedruckt und werde ihn aufhängen *oldschool*. Fühle mich wieder wie 13. Aber das macht nichts, weil seine anderen Texte ebenso fabelhaft und direkt ins Herz gehen. Ebenfalls ausgedruckt! Ja, ich gestehe, ich habe mich in deine literarischen Ergüsse verliebt. Wollte einmal dick Danke sagen, fühl dich gedrückt, ganz unverbindlich, natürlich, und ich freue mich so sehr auf weitere Artikel!

  • Ganz einfach absolut und schmerzhaft genau meine Gefühle an jedem verregneten ich-will-nicht-aufstehen-ich-bleibe lieber-den-ganzen-Tag-alleine-im-Bett-Sonntag 🙂

  • Treffer ins Herz dieser Artikel! Gerade auch in Studentenstädten bei unglaublich vielen jungen Menschen und Möglichkeiten ist man doch manchmal am einsamsten. Dieses Gefühl jemand neben sich haben zu wollen, diese physische Nähe kann man nicht wegreden, ganz egal wie sehr man bei sich selber ist! Danke für deine sehr passenden Worte, Tobi!

  • Hach, ich schmelz dahin.
    Unglaublich zauberschöner Text mit Passagen, die nur kontinuierliches Kopfnicken und Verstehen zulassen!
    Ich glaube fast, dass die ‚Ich bin mir genug und ich liebe mich selbst‘- Einstellung die kurzen Phasen von ‚ich brauch jetzt zwei starke Arme um mich‘ einfach nur enorm intensivieren und zu einem kurzen Gewitter-Panikmoment werden lassen… bis dann wieder die Sonne scheint.

  • …ging mir beim letzten Gewitter genauso… wäre ich bei dir gewesen, hätt ich zu dir gesagt „komm, lass uns raus gehen!“

  • Toller Text. Du willst und willst nicht, suchst und suchst nicht, schaust auf und dann ganz schnell wieder weg, denn die meisten heute sind ja nur noch irgendeine/r. Aber letztendlich wollen wir doch alle für jemanden ein jemand sein, ein fuck yes! und du und ich gegen den Rest der Welt sein. Wieso trauen sich das so wenige zu sagen? Für das nächste Gewitter zum kuscheln und den nächsten Sonnenschein zum Abenteuer anstellen sollte es mal einen Ort geben, an dem alle auch sagen was sie denken und fühlen und problemlos sie selbst zu zweit sein dürfen.

    • Und das für mich wichtigste im Text: Und das ist scheiße, denn ich bin einsam..
      Mehr ist auch zu viel. Lass dieses Gefühl einfach zu. Dagegen ankämpfen kostest mehr Kraft.

      So schön, dich entdeckt zu haben. Mehrmehrmehr!

  • Ich dachte gerade: „scheiße Mann, du hast meine Gedanken kopiert“. Hab ich da irgendwo copy Right drauf? Es ist eine verstörende Vorstellung, dass in ganz Berlin Singles vor dem nassgeregneten Fenster sitzen, und genau deine Worte denken. Man hat so unglaublich viel Zeit zum negative Gedanken machen, seitdem tinder deinstalliert ist

  • Ich hab grad versucht, einem Freund von mir zu erklärten, wie ich mich heute Abend fühle; und dann les ich deinen Artikel und BUMM – genau so! Haha! Perfekt; da brauchte ich das nur weiterleiten mit der Notiz: einfach lesen. Danke!

  • Schön zu lesen. Und auch etwas tröstlich; immerhin weiß man so, dass da noch jemand ist, der sich ab und an widerwillig gewittereinsam fühlt.

  • Schöner Artikel über die Zerstreutheit der Gefühlswelt junger Mitzwanziger. Ich kann die Orientierungslosigkeit nachempfinden und verstehe deinen Artikel als Ausdruck dessen was schwer auszudrücken ist.

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