Fünfunddreißig

Adieu, Affären! Willkommen, Liebe!

Ab morgen bin ich endgültig so richtig erwachsen. Fünfunddreißig Jahre werde ich alt und fühle mich das erste Mal seit Jahren auch exakt so. Seit Monaten schon spüre ich schleichende Veränderungen. Es reizt mich nämlich nichts mehr auf dem Terrain des wilden und hemmungslosen Singlelebens. Ich will nicht mehr neben einem Mann aufwachen, der meinen Körper nur zum Triebabbau benutzt und gleichzeitig habe ich den Ehrgeiz verloren, mich für einen Mann hübsch zu machen und mir einzureden, dass Sex zufriedenstellend sei und echte Intimität Zeitverschwendung. Die vergangenen acht Jahre habe ich haufenweise Erfahrungen gesammelt, die für ein Dutzend Romane reichen würden und die mich in Gewissheit wiegen, dass es total okay wäre, wenn ich ab heute nur noch mit einem Mann bis an mein Lebensende Sex hätte. Echt jetzt.

Ich sach’ ja, dass ich vernünftig und erwachsen bin.

Und abgesehen davon, dass mich mein eigenes Singledasein seit Monaten anödet, ich die Lust am Flirten und angeschwipsten Rumknutschen auf Taxirückbänken mit Typen verloren habe, die nach dem Sex das nächste Taxi ordern, gibt es da noch etwas anders Neues in meinem Leben: Ich sehne mich wirklich emotional, körperlich, intellektuell und ganz rational nach mehr. Möglich, dass die heute Nacht schwindende Fruchtbarkeit da auch was in mir ausgelöst hat, wobei ich von echter „Ich will ein Kind!“-Panik noch Meilen entfernt bin. Ich will kein Baby, ich will einen Mann. Einen richtigen Kerl, von dem mir mehr bleibt als nur ein paar nette Nächte, ein rapide an Textumfang verlierender Chatverlauf, eine austauschbare Telefonnummer und ein Nachname, über deren Familienstammbaum geschwiegen wird.

Ihr denkt jetzt sicher, dass ich ein Spätzünder bin oder doch an Torschlusspanik leide, aber das stimmt so nicht. Ich brauche neuen Input. Nicht, dass ich etwas bereue, aber noch mal muss ich vieles eben auch nicht erleben. Sex mit Arschlöchern, Verhütungspannen, Gedächtnisverluste, einseitige Schwärmereien oder mehrgleisige Affären. Wochenenden, an denen ich an jedem Abend mit einem anderen Mann geschlafen habe. Zwei Jahre Booty-Call mit S., in den ich von Beginn an ehrlicherweise verliebt war. Mein passiver Part bei Seitensprüngen verheirateter Männer, Küsse mit geschiedenen Vätern, verbotene Flirts mit Auftraggebern und Chefs. Bereuen tue ich höchstens, meine Freundinnen regelmäßig zum Verzweifeln gebracht zu haben, aber die sind mir wenigstens alle geblieben, im Gegensatz zu den Männern.

Schluss. Aus. Over.

Clara will nicht mehr die Spaßfrau sein, mit der man Wodka bis zum Umfallen trinken kann, die niemals auf Frühstück oder Anrufe bestehen wird und die schon am ersten Abend munter von ihrem bisherigen Sexleben auspackt. Clara, die nur unreflektiert mit den Schultern zuckt, wenn jemand die Babyfrage stellt und die trotz glücklicher Kindheit behauptet, selber niemals eine Familie gründen zu wollen. Clara, die das kompromisslose Alleinleben der vertauten Zweisamkeit vorzieht. Diese Clara gibt es ab heute um Mitternacht nicht mehr. Nein, ich will in den kommenden Jahren trotzdem nicht schwanger werden und auch nicht unbedingt heiraten, aber ich möchte mich endlich mal wieder verlieben. Eine richtige Liebesbeziehung führen, wie die meisten Menschen mit Mitte Dreißig, die am Wochenende mit ihren Pärchenfreunden in schicken Restaurants essen, samstags Arm in Arm über den Wochenmarkt schlurfen und die sich ein Klingelschild, Nebenkostenabrechnungen und die Ratenzahlung für die BoConcept-Couch teilen.

I am what I am. I am my own special creation.

Dazu brauche ich in erster Linie keinen Mann, sondern einen festen Entscheidungswillen und tiefe Selbstliebe und zugegebenermaßen mangelte es mir innerhalb des vergangenen Jahrzehnt ganz gewaltig an beidem. Wahrscheinlich sind die Jahre Ende Zwanzig und Anfang Dreißig auch genau dafür da, aber ich meine keine Shades of Grey-Fesselspielchen, sondern seinen inneren Knoten zu entwirren. Erst seit einem Jahr kann ich nämlich behaupten, mich wirklich zu kennen und zu wissen, wer ich bin und was der Sinn meines Lebens ist. Und anders, als ich mir diesen Zustand der Selbsterkenntnis immer als erhellenden Augenblick vorstellte, so war er traurig, hart und eher pragmatisch.

Ich bin nicht so geworden, wie ich mir immer erhofft habe. Ich bin kein ausgeglichener Mensch, sondern lebe in ständiger Unruhe. Ich brauche extreme Zurückgezogenheit zum Schreiben und mein Ego ist gleichzeitig süchtig nach öffentlicher Bestätigung. Mein künstlerisches Streben als Autorin stand jahrelang über meinem Anspruch auf finanzielle Sicherheit, weswegen ich jetzt mit fünfunddreißig weder Auto noch private Rentenvorsorge, noch Eames Chair oder Designerhandtaschen besitze. Seit ich neunzehn bin träume ich von einer Reise nach New York. Als Kind war ich sicher, dass ich mit Ende Zwanzig eine Familie gründe, worüber ich heute nur herzlich lachen kann. Alle meine Freundinnen – und ich meine wirklich alle – haben schon Kinder, sind gerade schwanger, planen eine Schwangerschaft oder wollen bald Mama werden. Wo ich früher absolut entspannt in eine Zukunft mit tausend möglichen Männern blickte, schwindet die Anzahl der Guten dramatisch. Jahrelang redete ich mir ein, dass ich auf „Männer in der zweiten Runde“ warten würde, also dass die Männer gern mit Anfang Dreißig die Falsche heiraten könnten, gern auch Kinder mit ihr bekommen, und ich dann immer noch da wäre, wenn sie sich mit Neununddreißig trennen würden. So ein Bullshit!

Neues Kapitel. Jetzt.

Ich will diejenige sein, mit der ein Mann sich das erste Mal oder zumindest seit langem mal wieder eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Ich möchte die Frau sein, bei der der Mann nach einer intensiven Zeit als glücklicher Single endlich zur Ruhe kommt. Ich habe den Anspruch, dass er der Richtige ist, um endlich alle anderen Männer da draußen nicht mehr als mögliche Optionen zu betrachten, sondern als vergeudete Energie. Es muss doch jemanden für mich geben, der mich nicht als Ego-Push oder Kompensationsnummer sieht, sondern mir auf Augenhöhe begegnet und ähnlich empfindet. Die Zeiten des Anhimmelns und des gegenseitigen Benutzens sind jedenfalls passé. Wenn genug Liebe für alle da ist, dann bestehe ich ab morgen auf ein Stück vom Kuchen. Nicht nur, weil ich Geburtstag habe, aber auch. Weil ich mich als Frau von fünfunddreißig Jahren doch echt mal hinstellen und öffentlich verkünden kann, dass nun ein Lebensabschnitt abgeschlossen ist und ein neuer beginnt.

Und … Action!

P.S.: Möglich, dass ich mich dieses Jahr auch mal hier porträtieren lasse. Falls du meine Wohnung vorher kennenlernen möchtest, dann schreib mir doch. Ich freue mich über Einladungen nach New York, Starbucks-Dates in Berlin, einen Tiffany-Verlobungsring in der Zukunft oder einfach gleich über deine Zeilen. Ach so, wenn dich nur interessiert, ob ich eine Granate im Bett bin, dann lass dir gesagt sein: Ich bin die allerbeste Küsserin der Welt. Aber sollte das nicht im Endeffekt jeder von sich behaupten?

Headerfoto: Carlos Domínguez  via Unsplash.com. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

CLARA ist 34 und lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Berlin. Als Single schreibt sie mit Leidenschaft über Partnerschaftsthemen und findet nicht, dass sich das ausschließt. Sie schrieb bisher drei Romane, den letzten - Cucina Amore - zwecks literarischem Neustart unter offenem Pseudonym.

20 Comments

  • Schön geschrieben.
    Und schön nachgedacht – das paßt auch 20 Jahre später.
    Noch eine wichtige Ergänzung: richtig erwachsen ist man nie, glaube ich. Und das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine gute.
    Viel Erfolg …

  • Ich gehöre zu den Mädels, die schon mit Mitte 20 geheiratet haben und damals mitleidige Blicke von Mädels wie Dir, Clara, bekommen haben. Du gehörst zu den vermeintlich coolen Mädels, die immer nur die coolsten Jungs bekommen wollten.
    Du bist ein gutes Beispiel für die hunderttausenden von Frauen, die immer dachten, sie finden noch was besseres – am Ende blüht Euch ein Leben ohne Kinder und Einsamkeit..
    Habt Ihr Euch halt so ausgesucht – und jetzt wird sich bemitleidet? Tz…

    • Und das ist jetzt Deine persönlicher Rachefeldzug?
      Zumindest liest es sich so.

      Endlich kannst Du dich mal für all die langweiligen Nachmittage, die Du auf Spielplätzen, oder Abende neben Deinem, dich schon lange
      nicht mehr begehrenden Typen, auf dem Sofa verbringen musstest, zumindest
      ein kleines bisschen revanchieren. Im übrigen kann man auch mit Kindern und trotz eines früh gewählten Partners im Alter einsam sein, gerade wenn man so missgünstig und gemein daher kommt, wie Du dich gerade präsentierst, werte Nadja.
      Daher freu Dich ruhig, ob Deiner aktuell vermeintlich vorteilhafteren Lage,
      aber nicht zu sehr und nicht zu früh. Es kommen noch ein paar Kapitel
      und Hochmut vor dem Fall.

  • Warum darf denn ein Sinneswandel nicht sein? Gehört es nicht zum Leben dazu dass die Dinge sich verändern? Dass Clara sagt, war eine gute Zeit, aber jetzt ist schluss mit dem Singledasein und stattdessen wünsche ich mir eine liebevolle Partnerschaft?
    Ich denke Sie hat gute Aussichten, da Sie aktiv ist und Ihre Haltung in Liebesdingen so justiert wie Sie sich mit 35 ( oder 45, oder 55) gut anfühlen. Ich bin mir sicher dass wir immer genau die Leute anziehen die unserem aktuellen Lebensstil entsprechen….daher Clara, bin gesapnnt auf ein Update zur Jahresmitte!

  • Der eine eher, der andere später. Der Text liest sich wie eine Erinnerung an meine Zeit vor 30. ‚Mit 30 wird alles besser!‘, wurde mir von einer weisen Freundin prophezeit, und siehe da, just in der Geburtstagsnacht wurde es wahr. Plötzlich war ich entspannter, alles war leichter und die romanreifen Emotionen kochten nicht mehr so hoch.

    Und natürlich stellt man sich selbst in den Focus, denn darum geht es ja. Um nichts anderes.

    Ich sah mich schon mit einem Bein in einer Alte-Jungfern-WG alt werden, so mau sah die Auswahl plötzlich aus, alle tollen Männer schienen vergeben oder verkorkst. Ich dachte auch nicht an Kinder und Hochzeit, ich doch nich!! Aber Beständigkeit wurde auf einmalig schrecklich attraktiv und mein Beuteschema änderte sich drastisch.

    Jetzt stehe ich mit ebenfalls fast 35 ganz woanders: Mit Kuller vorne dran und Ring am Finger in der coolsten Beziehung meines Lebens. Und bereue nix.

  • …genau das würde ich auch schreiben, wenn ich so toll schreiben könnte wie du! Aber ich hab ja noch ein halbes Jahr 😉

  • Hmmm mann will jetzt wissen, wie gut du küssen kannst. Wie kann ich dich troesten? Aber mach ne Gesuch und du hast wieder die Qual der Wahl. Ich würd mich denn mal melden. Wie kann ich dir schreiben? Doch ich will deine Wohnung kennenlernen. Email??

  • sorry, aber ich lese nur: ich, ich, ich, ICH . ich will, ich brauche!
    sorry wenn ich dich nicht alleine daür feiern mag, das du dich so schohnungslos offenbarst. könntest du eventuell eine sekunde an den gedanken verschwenden, warum deine sexpartner unverbindlich bleiben, oder sogar nach vollzug gleich ein taxi rufen?
    wer soziale beziehungen ausschließlich hinsichtlich ihrer persönlichen verwertbarkeit eingeht, lebt und reflektiert, muß sich nicht wundern, wenn er/sie auf ebenso orientierte gegenparts trifft.
    und jaaa- mit der anzahl der affairen schwindet der emotionale mehrwert.
    das ist unschön, ist aber so.

    • jeder erwachsene, intelligente mann wird hier schleunigst das weite suchen. clara zählt mittlerweile 35 jahre und überzeugt sich dennoch öffentlich selbst, innerhalb eines monats und zu einem schnöden jahreswechsel hin hätten sich plötzlich ihr gesamtes leben und ihre über jahre hinweg kultivierten (promiskuös-narzisstischen, siehe sex mit verheirateten männern) verhaltensmuster mit einem mal geändert.

      selbstbezogene ich-ich-anspruchshaltung, sowie der unsagbar klischeeisierte hollywoood-materialismus, den der potentielle partner finanzieren soll, sind zumindest warnung genug. was carla selbst einem partner, jenseits von klischees und „sowas-haben-alle-meine-freundinnen-schon-und-nun-will-ich’s-endlich-auch“ geben kann (außer einem eitlen ‚ich küsse toll‘, das schamhaft-kokett die ‚granate im bett‘ bestätigen soll), bleibt im dunkeln.

      verblüffend, wie selbstbezug und eitelkeit hier mit vollem ernst als ‚endlich erlangte reife‘ verkauft werden.

  • Wir hatten gerade den 16. Hochzeitstag. Der war ganz unspektakulär, ohne Rosen oder ein Essen in einem schicken Restaurant. Aber wir haben beide an den Tag gedacht, an dem wir geheiratet haben. Wir haben uns gesagt, dass wir froh sind, uns gefunden zu haben. Jeden Tag gemeinsam erleben mit kleinen Freuden, finanziellen Sorgen, Rückenschmerzen, gezogenen Zähnen, Frühstück und Abendessen. Es ist normal. Anders zu leben, können wir uns nicht vorstellen. Ein ziemlich unglamouröses Dasein. Will die Generation nach uns – also die 20 – 35jährigen – so etwas? Wir sind uns da nicht sicher. Beruf essen Seele auf. Heutzutage. So scheint es uns. Wer als (sehr) junger Mensch an Sit-ins, Love-ins, Teach-ins teilgenommen hat, wer „If you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ gehört hat, ist anscheinend weniger bereit, sich vereinnahmen zu lassen. Von Perfektionismus, Terminen, Schönheits-OPs und endlosen Arbeitszeiten. All das kostet viel Lebenszeit. Wie soll sich ein jüngerer Mensch da noch intensiv mit einem Partner und der Liebe befassen können? Aber so ganz gefeit sind wir Älteren gegen einen schlimmen Zeit- und Freundschaftskiller auch nicht. Das Netz. Anstatt mit Freunden und Bekannten zu telefonieren oder sich kurz mal zu treffen, gibt es Nachrichten über facebook und co. Schade eigentlich. Da müssen wir dringend etwas ändern.

  • Hut ab, toll zum lesen und kann dir nur sagen, ich fühl genau das selbe! Schönes Gefühl zu wissen was man will und wohin dieser Weg führen soll! Wünsche dir und uns allen bei solch einer Selbsterkenntnis viel Glück und Kraft.

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