Fu** yourself – wenn der beste Freund sich an einen ranmacht

Es ist drei Uhr morgens. Du steigst aus dem Bett. Nur noch in Boxershorts bekleidet, fauchst du mir kühl entgegen: „Und du bist sicher? Ich halte das nicht aus. Verdammt. Ich muss den Druck loswerden.“ Weg bist du. Ich höre nur noch, wie du die Lofttreppe zielsicher nach unten läufst und fühle die latente Aggression in jedem deiner Schritte. Draußen, hinter der riesigen Glasfront, sehe ich dem Abendhimmel entgegen. Grau wie am Tag. Dunkel. Ich versuche zu begreifen, was da gerade passiert. Mir ist einfach nur furchtbar kalt. Und alles in mir zittert aus Verletzung über deine Worte.

Schnitt.

Nach zwei Stunden Flug und über 1500 Kilometern Reise komme ich mit mehr als großen Augenringen am Flughafen an. Ich bin so müde, das ich im Stehen einschlafen könnte. Du bist nirgends zu entdecken, obwohl du mich eigentlich abholen wolltest. Meine Begeisterung über diese spontane Idee, dich zu besuchen, sinkt ein wenig. Aber wenn es meinem besten Freund schlecht geht, dann würde ich jederzeit wieder in den Flieger steigen. Genau wie heute. Und genau in diesem Moment, biegst du um die Ecke.

Ich sehe das angestrengte Lächeln in deinem Gesicht und etwas unbeholfen umarmst du mich mit dem Gips an der einen und einem Buch in der anderen Hand. Wie oft haben wir lange Emails hin und her geschrieben seit deiner Abreise aus Berlin. Wie oft habe ich die Gespräche mit dir vermisst. Wie oft haben wir uns geschrieben „Du fehlst mir“. Nun bin ich da. Und lasse mir in Ruhe erzählen. Von deinem Kummer, von deinem Schmerz, von der großen Liebe zu einer verheirateten Amerikanerin Anfang 30, die du vor zwei Wochen noch besuchen wolltest. Alles ist aus.

Ich habe dich selten so gefühlsbetont erlebt. Du sagst immer: „Ich bin einfach. Du bist kompliziert.“ Heute fügst du diesem Spruch noch bei: „Übrigens, wir übernachten doch bei meinen Eltern.“ Wuummss. Der Schock sitzt. Seinen Eltern? Ich muss schlucken. Sie mögen mich sehr. Innerhalb von zwei Monaten hier so oft auf der Matte zu stehen, muss allerdings scheinen, als wäre ich seine Freundin. Das ist nicht gut. Atmen. Atmen. Atmen.

Schnitt.

Es regnet den ganzen Tag. Als würde der Himmel laut weinen. Noch frage ich mich, worüber. Bei meiner Ankunft hast du mir direkt den Schlafplan verraten: „Okay, meine Eltern schlafen in ihrem Zimmer, ich draußen und du bekommst mein Bett.“ Klare Fronten. Ich bin so kaputt von der Reise, von den zwei Stunden Schlaf, dass ich schließlich irgendwann gegen Mittag kapituliere und mich auf dein Bett fallen lasse. Du legst dich neben mich und fragst, ob alles gut sei. „Ja, alles gut. Ich muss mich nur kurz ausruhen.“

Wir reden noch eine Weile über Gott und die Welt, bis ich mich irgendwann kaum noch wach halten kann. Und als dein Footballspiel beginnt, dämmere ich langsam weg. Bis ich im Halbschlaf deine Stimme höre. „Du … du … ähm … wie hast du das neulich in der Email gemeint?“ „Hmm? Email? Was habe ich wie gemeint?“ „Na, das über deine sexlauten Nachbarn unter dir und den Neid darüber?“ Ich schlage die Augen auf und sehe ihn eindringlich an. Die Richtung des Gespräches irritiert mich.

Ich erinnere mich an die Worte einer Freundin vor meinem Abflug: Pass auf dich auf! Sie kennt mich gut. Sie kennt ihn.

Ich erinnere mich an die Worte einer Freundin vor meinem Abflug: Pass auf dich auf! Sie kennt mich gut. Sie kennt ihn. Ich hab ihre Worte nicht verstehen wollen. Darum antworte ich unüberlegt: „Nun ja. Ich meinte genau das, was ich gesagt habe. Ich bin auch nur ein Mensch und ja, auch ich hab manchmal das Bedürfnis nach Sex. Single sein ist nicht immer rosarot.“ Seine einzige Antwort ist: „Ah ja.“

Er steht aus dem Bett auf, geht zum Türrahmen und dreht sich dann nochmal um, kommt zurück: „Ich möchte dir einen Vorschlag machen: Also, hör zu, du bist echt kein Mensch zum Verlieben, aber zum Vögeln bist du allemal gut genug. Ich stehe dir jederzeit zur Verfügung. Ich könnte sowieso immer.“ Wuumss. Schock Nummer 2. Aber diesmal sitzt er tiefer. Wie tief, werde ich erst Wochen später richtig begreifen.

Die Worte treffen mich tief im Bauch, als hätte er mich mit aller Wucht das Hochhaus runtergeboxt. Ob das eine unglückliche Formulierung ist, ein Übersetzungsfehler? Nein, er schaut so selbstsicher drein, als wäre das gerade nichts gewesen. Ich antworte nicht. Ich weiß nicht, wie ich überhaupt angemessen reagieren soll. Wo ist dein Liebeskummer? Kenne ich dich? Mein Flug ist erst morgen und eigentlich will ich sofort gehen. Draußen wird der Regen immer stärker. In mir auch.

Schnitt.

Ein Abendessen mit deinen Eltern, ein Spaziergang, bei dem du mich 20 Minuten im Regen stehen und warten lässt, um mit einer guten Freundin zu sprechen. Und ich frage mich immer mehr, ob ich dich eigentlich wirklich kenne. Ob ich diesen Menschen da drüber im Regen kennen will. Ich entscheide mich fürs passiv sein. Dafür, nicht auf deinen Vorschlag einzugehen. Ihn zu ignorieren. Wir unterhalten uns weiter normal, liegen abends auf deinem Bett und schauen einen Film. Dass der Laptop direkt zwischen uns steht, erscheint mir als Segen. Und trotzdem wanderte dein Finger zu meinem Knie rüber …. du spürst meinen Schüttelfrost, die Kälte in mir und nimmst meine Füße zwischen deine Beine. Ich ignoriere auch das.

Der Film endet und ich bin schon fast eingeschlafen. Behutsam räumst du den Computer weg und fragst: „Möchtest du schlafen?“ „Ja. Ich kann nicht mehr.“ Aber anstatt nach draußen in „dein Bettlager“ zu gehen, bleibst du. Bleibst neben mir liegen und kuschelst dich von hinten langsam an mich ran. Sagst nichts. Ich will nur schlafen. Ich bin das alles so müde. Ich will nicht mit dir darüber reden müssen. Darüber, dass ich nicht mit dir schlafen will. Du umarmst mich fester. Deine Finger streifen meine Brüste. Es ist nicht das Kuscheln, das ich von früher kenne.

Dein harter Schwanz drückt gegen meinen Rücken. Du fängst an, meinen Hals zu küssen. Ich reagiere nicht. Ich mache nicht mit.

Ich höre deinen schnellen Atmen und ich spüre deine Erregung. Dein harter Schwanz drückt gegen meinen Rücken. „Ich kann so nicht schlafen. Wenn du hier so neben mir liegst. Dein Körper ist einfach so heiß.“ Du fängst an, meinen Hals zu küssen. Ich reagiere nicht. Ich mache nicht mit. Das ist dir herzlich egal, denn genau in dem Moment geht es dir um deinen Druck, um deine Erregung, um deine Lust. Ich drehe mich langsam zu dir um und sage: „Nein. Nein, ich will nicht mit dir schlafen. Du bist mein bester Freund. Ich kann das nicht.“

Offenbar nimmst du mich nicht ernst. Du küsst mich. Dein Kuss schmeckt wie deine Berührungen. Er fühlt sich auch so an. Er fühlt sich nach nichts an. Eiskalt. Nach Ego. Nach Lieblosigkeit. Danach, als könnte hier jede andere halbwegs hübsche Frau unter deinen Fingern liegen. Als hättest du vergessen, dass ich es bin. Deine starken maskulinen Arme drehen mich auf den Rücken. Mit einer Hand hältst du meine Handgelenke fest. Die andere Hand fährt in meinen Slip. Ich schiebe sie wieder weg.

Bist du sicher? Komm schon. Nur ein bisschen. Ich kann nicht mehr. Der Druck. Ich möchte dich ficken. Hier und jetzt.

„Bist du sicher? Komm schon. Nur ein bisschen. Ich kann nicht mehr. Der Druck. Ich möchte dich ficken. Hier und jetzt.“ „Nein, hör zu, ich will nicht. Bitte, hör auf damit.“ Es dauert, bis du das Nein auch hörst und dann lässt du nach. Nur um dieses Spiel in der Nacht fünfmal zu wiederholen. Nur um fünfmal zu hören, dass ich dir den Druck nicht nehmen werde und nur um fünfmal vollkommen gefrustet die Treppe ins nächste Bad runterzulaufen. Nur um auch morgens unter der Dusche zu scheitern. In deinem Blick liegt irgendwas in die Richtung Hass. In meinem Blick liegt Verletzung.

Ich habe das Gefühl, mich selbst zu verlieren und meinen besten Freund. Und während mich deine Mutter beim Abschied mit dem Blick und den Worten umarmt: „Bitte komm wieder, du tust ihm gut“, läufst du vor mir weg und ich vor dir. Ich fühle mich schuldig, dreckig und gleichzeitig extrem wütend. Und als ich nach stundenlangem Warten am Flughafen das verdammte Flugzeug endlich besteigen kann, weiß ich, dass in mir gerade der rosarote Glauben an den Märchenprinzen da draußen ein bisschen mehr kaputt geht. Dass ich innerlich ein Stück weiter abstumpfe.

Schnitt.

Little Miss Sophie ist in den Mittzwanzigern angekommen, ein kleines Berliner Gör und studiert seit einer halben Ewigkeit Kulturwissenschaft. Je nachdem, wo das Leben sie hin verschlägt, schreibt sie kurze oder auch mal ganz lange Texte darüber. Warum wir es lieben und gleichzeitig auch manchmal hassen. Wie ein kleines Chamäleon hat sie viele Facetten, je nach Stimmung und Situation. Sie unterrichtet mit großer Leidenschaft Pilates und Yoga. Wenn sie mal nicht arbeitet (oder studiert), tanzt sie durchs Leben. Sprichwörtlich. Ohne Reisen und die unendliche, inspirierende Weite der Welt, wäre ihr Leben deutlich weniger bunt.

Headerfoto: Jessy Rone via CC BY-ND 2.0. („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt.) Danke dafür. 

4 Comments

  • Isaac sagt:

    Sorry liebes Frollein, aber das ist enorm blau!

    Nehmen wir mal an, es ist tatsächlich Dein Erlebnis:

    Schon klar – ein anderes europäisches Land, ZWEI Flugstunden von zu Hause und auch noch fürchterlich müde. Nie im Leben hättest Du als moderne junge und (angeblich) reiseerprobte Frau eine andere Lösung gefunden als bei ihm zu bleiben…

    Ihr habt garantiert auch echt deepen Scheiß geschaut auf einem Laptop im BETT.

    Und wenn jemand etwas sagt von wegen in Dich verlieben nein, Sex aber jederzeit, Dich das so trifft und Du ohne Reaktion bleibst, ist das natürlich auch kein Zeichen.

    Ob zu spät oder nicht – versteh mich nicht falsch: Auch wenn ich den Typen nur aus Deiner Schilderung kenne, war alles von ihm totaler Mist – keine Frage. Aber scheiß auf den „Lost-in-Translation-Faktor“ und handle in so einer Situation! Keine falsche Toleranz in so einem Moment!

    Ich denke aber ehrlich gesagt, dass es Dir hier um nichts anderes geht als einen besseren/ausgeschmückten Tagebucheintrag a.k.a. Blogcontent, der streitbar ausfällt und zu Interaktionen reizt. Das ist auch Dein gutes Recht (und funktioniert auch), kann Dich aber ebenso etwas komisch dastehen lassen (wie in meinen Augen). Alles egal! Ich halte fest: Die handelnden Personen machen sich lächerlich. Anstatt „weibisches Gewäsch“ (sorry) aus einer Situation zu machen, bei dem so getan wird, als wäre die Sache nicht eindeutig gewesen, lädt diese Thematik doch zu etwas viel interessanterem ein: Schreibe doch beim nächsten Mal über die UNMÖGLICHKEIT bester Freundschaften zwischen Mann und Frau. Stichwort: Naturgesetz.

    Beste Grüße

  • Rosa sagt:

    Was für ein mutiger Text! Du sprichst ganz ehrlich darüber, was du erlebt hast und das ist sicher nicht immer einfach.
    Du sagst es, wenn man Freundschaft mit platonischer Nähe gewohnt ist, fühlt man sich überrumpelt und überfordert, wenn der beste Freund ganz plötzlich mehr will und einen küsst.
    Ich stimme dir völlig zu, dass es daneben ist, wenn ein Mann ein NEIN nicht akzeptiert. Das geht einfach nicht. Zumal wenn du keine Möglichkeit hast dich ihm zu entziehen, indem du beispielsweise nach Hause gehst. Dann ist es echt unmöglich von dem Kerl dich anzugrabschen und dein mehrfaches NEIN nicht zu respektieren.
    Schön, dass du den Mut und die richtigen Worte gefunden hast, um anderen zu zeigen, dass diese Situation in einer Freundschaft zwischen Mann und Frau nichts ist, was totgeschwiegen werden sollte. Es ist sicher auch oft der Fall, dass die Frau mehr will, aber bei dir war es eben der Kerl. Ich hoffe du findest bald einen besten Freund, der deine Freundschaft zu schätzen weiß und dich nie als Sexobjekt betitelt!

  • Little Miss Sophie sagt:

    Lieber Ben,
    mir war durchaus klar, das dieser Text vermutlich zu Diskussionen führt. Dein Einwand ist berechtigt und ich werde den Teufel tun, um mich komplett aus der Verantwortung zu nehmen, was mein Verhalten angeht. Er und ich sind beide nicht gerade ruhmreich aus dem Geschehen gegangen. Wir sind alle Menschen mit Stärken und Schwächen. Schätz dich dennoch glücklich, dass du noch nie in der Situation gelandet bist, wo:

    – du in einem anderen europäischen Land warst und außer der Person niemanden kennst
    – die Person, bei der du bist, jemand ist, der du vertraust, die dich sehr gut kennt, jemand, bei dem du platonische Nähe absolut gewohnt bist
    – dich jemand küsst, ohne das du ihn zurückküsst (ja, sowas geht durchaus!)

    Freundschaft ist eine Bindung, bei der man zuweilen in Gewissenskonflikte gerät und manchmal nicht sofort Grenzen ziehen kann. Zumal NEIN sagen eine recht eindeutige Sache ist und es einfach keine Berechtigung dafür gibt, bei einem NEIN seine körperliche Kraft einzusetzen, um denjenigen zu überreden. Und NEIN, es ist überhaupt nicht okay, nach einer Trennung den benötigten Frust/Trostfick bei der besten Freundin einzufordern, wenn sie das gar nicht möchte.

  • Ben sagt:

    Der böse beste Freund..
    In einigen Punkten stimme ich dir zu: Die Wortwahl von ihm ist völlig daneben. Aber es tut mir Leid, aber ich schlage mich auf die Seite deines besten Freundes. Zuerst kann ich die völlige Depression nachempfinden nach der Trennung(?) und dass dein Freund „Abwechslung“ braucht.
    Aber: So einen Text zu schreiben und sich als Opfer darzustellen, ärgert mich. Dem Text nach zu urteilen hast du den Kuss sehr wohl mitgemacht anstatt sofort abzulehnen. Du hast dich ganze weitere fünf(!) Mal im Bett begrabschen lassen die Nacht über, anstatt sofort abzulehnen..
    Und so geht es weiter.
    Das Opfer seid ihr leider beide.
    Ich möchte dich nicht verletzen mit dem Text, das bist du wohl schon genug.
    Nur mal so als Gedanke..

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