Frühstück im Bett

Als ich aufwachte, hätte ich schwören können, alleine geschlafen zu haben, aber die zerwühlten Laken und das nach dunkler Schokolade und Zimt riechende Kissen neben mir bewiesen das Gegenteil. Ich rollte auf die andere Seite des Bettes und vergrub mein Gesicht in dem Duft. Sie konnte noch nicht lange weg sein, alles war noch warm und weich. Was hatte ich gestern Abend gemacht? Ich hörte ein Klappern von Tassen und Tellern, aber ich war zu fertig, um aufzustehen und nachzusehen, und schlief wieder ein.

Ein Stofftier traf mich im Gesicht und ich schnellte hoch. „Ich hab dir Kaffee gemacht“, sagte eine mir gänzlich unbekannte Stimme mit einem unidentifizierbaren Akzent. Ich öffnete die Augen, ängstlich davor zu sehen, wen ich da abgeschleppt hatte. Vor dem Bett stand eine echte Schönheit, straciatellafarbene Haut mit leuchtend naturrotem Haar, das leicht gelockt ihre Schultern umspielte, in schwarzem BH und Spitzenhöschen, minimal bedeckt von einem hellblauen, ihr viel zu langen Hemd. Mein Versuch, ihr zu antworten, misslang kläglich. „Du siehst … ganz … aus … um … werfend“, stotterte ich. „Jaja“, lachte sie, „dasselbe hast du gestern auch gesagt, nur überzeugender. Zucker? Milch?“ Kaffee war eine exzellente Idee, vielleicht würde er mein Gehirn wieder auf Trab bringen. „Zucker, aber nur einen Hauch.“ Sie verschwand wieder in der Küche, ich hörte die Maschine brummen. Als sie vollbeladen zurückkam, setzte sie sich auf meine Betthälfte, reichte mir den Kaffee, und schlürfte ihren eigenen. „Ist es okay, wenn ich im Bett esse?“, wollte sie wissen. „In diesem Bett darfst du alles.“ Ich hatte endlich die Fassung wieder gefunden, aber sie lachte nur herzhaft. „Das wiederum klang gestern Abend noch ganz anders.“ „Ach wirklich?“ Ich war erstaunt. „Haben wir nicht …“ Sie unterbrach mich sofort. „… es wie die Karnickel getrieben? Nee, nee, nee.“ „Oh. Hab ich nicht … war ich …?“ Was war nur passiert? „Du weißt gar nichts mehr, oder? Wie heiße ich?“, wollte sie wissen. Fragend sah ich sie an. „Wo haben wir uns getroffen?“ Es lag nicht einmal der übliche Schleier aus Alkohol und zu wenig Schlaf über den Erinnerungen an die gestrige Nacht, ich wusste nichts, einfach gar nichts, das ich hätte sagen können. Lachend stand sie auf und holte eine Schüssel mit Fruit Loops und einen Teller mit zwei Buttertoast, die sie genüsslich verspeiste, überall im Bett kleine Krümel verteilend. Schweigend sah ich ihr beim Essen zu und sinnierte weiter. Wie sich mein Hemd beim Atmen und Kauen und Schlucken auf ihren Brüsten bewegte machte mich wahnsinnig. Wann hatte das letzte Mal eine so bezaubernde Frau den Weg in mein Bett gefunden, und warum war sie noch hier? Sie spürte, dass ich sie anstarrte, und unterbrach ihre Mahlzeit. „Denk nicht mal dran. Der Zug ist abgefahren.“ „Warum hast du hier geschlafen, wenn wir gar nichts miteinander hatten?“ Sie seufzte. „Weil du mich darum gebeten hast, und du echt niedlich warst gestern. Versuch doch mal dich zu erinnern. Bar Romantica, Kornél Kovács Liveset. Ich war mit meiner Freundin Nina da. Groß, größer als du, hellblond, du hast sie angemacht?“ Nichts, absolut nichts. Traurig sah ich sie an. „Da ist er wieder, dieser Blick. Komm her, Baby“, sagte sie, und tätschelte ihren linken Oberschenkel. Ich zögerte. Was hatte diese Frau für ein Bild von mir? „Da waren wir gestern auch schon mal weiter“, tadelte sie mich. Ich legte endlich meinen Kopf behutsam auf ihren Oberschenkel, und sie strich mir zärtlich die Haare aus der Stirn. „Dich hat‘s echt ganz schön mitgenommen, Baby“, wunderte sie sich. „Wie heißt du denn nun, und warum nennst du mich immer so?“, wollte ich wissen. „Ich bin Sahra, mit H vor dem R. Du bist Stephan mit P und H. Aber ich sag lieber Baby, weil du immer aussiehst, als hätte man dir den Nunni geklaut.“ Ich hatte sie für eine Janina oder Katharina gehalten, aber immerhin wusste sie wer ich war, und sie schien mir zu vertrauen. „Was weißt du sonst noch über mich?“ Hatte ich ihr meine Lebensgeschichte erzählt? Oder dass ich reich und berühmt sei? „Eigentlich nichts. Außer, dass du viel älter bist als du aussiehst, ein superweiches Bett hast, und Angst hast im Schlaf zu sterben, wenn draußen so viele Pollen fliegen. Dafür weiß ich alles über sie.“ Alarmiert hob ich den Kopf. „Keine Panik, ich nehm sie dir schon nicht weg. Leg dich wieder hin.“ Ihre Schenkel waren gleichzeitig samtig und fest muskulös, und hätte sie sie nicht erwähnt, hätte ich sicher unbewusst angefangen die warme Haut zu streicheln, aber so konnte ich nur noch an sie denken. „Was weißt du über sie?“ „Ich denke, alles was du auch weißt. Du hast quasi von nichts anderem erzählt.“ „So schlimm?“ „Nicht schlimm. Fast ein bisschen niedlich sogar. Du bist voll an sie verloren. Bankrotterklärung. Chancenlos aber, wie du meinst. Fast hättest du sogar geweint.“ Ich schämte mich, igelte mich zusammen und kam ihr dabei immer näher, bis ich ganz an ihr Bein gekuschelt war. „Ist doch okay, Baby, das passiert jedem von uns, immer wieder. Du bist halt volle Breitseite erwischt worden. 10 Punkte auf der Richterskala. Diese Lena muss ein Teufelsweib sein.“ Ich nickte stumm. „Sie hat eine unheimliche Wirkung auf mich, fast schon übernatürlich. Sie ist wie ein Magnet, aber wenn ich ihr zu nahe komme, drehen sich die Pole. Ich bin sicher, sie hasst mich.“ „Ach was“, versuchte sie mich zu trösten, „sie kennt dich doch gar nicht richtig.“ „Gerade deswegen. Sie kennt nur meine schlechten Seiten. Ich kann mich gar nicht richtig benehmen, wenn sie in meiner Nähe ist. Es ist wie verhext mit ihr.“ Ich schloss die Augen und dachte an sie, wie sie mich besiegt hatte, wie ihre feinen, dunkelblonden Haare zu einem Zopf mit einer Ringelblumenblüte in der Mitte gebunden waren, wie sie mich in die Seite geboxt hatte vor aller Leute Augen, und wie sie mir dann gesagt hatte, ich könnte noch nicht mal ihre Nummer kriegen. Als könnte sie Gedanken lesen, sagte Sahra mit H vor dem R: „Ich hab dir meine Nummer aufgeschrieben. Schick mir mal ein Bild von ihr, wenn du endlich eins hast.“ „Hast du denn keine Tipps für mich? Einen Trick vielleicht?“ Sie schüttelte den Kopf. „Der Trick ist, ihr zu sagen, was du fühlst. Sie hat sicher keine Ahnung, was in dir vor sich geht.“ Wut machte sich in mir breit. „Ich kann es ihr nicht sagen. Was ist, wenn sie mich nicht mag?“ „Dann bist du genauso weit wie jetzt auch schon. Auch wenn ich nicht glaube, dass sie dich wirklich hasst. Sie weiß vielleicht einfach nur nicht, was du von ihr willst. Oder was sie will.“ Ich dachte eine Weile darüber nach, Sahra hatte schon Recht, aber das Risiko war trotzdem zu groß. Sie würde mich sicher bloßstellen, mich auslachen, mich vielleicht sogar wieder schlagen, auf jeden Fall würde sie mich fertigmachen. Mit dem salzigen Geschmack der Verzweiflung auf den Lippen und dem süßen Duft von Sahras Schenkeln in der Nase schlief ich wieder ein.

Das Klacken von Heels auf Fliesen weckte mich unsanft. „Kannst du mir das Kleid zu machen?“, fragte sie aus dem Flur. Ich stand auf, warum musste sie schon gehen? „Na, wenigstens hat er noch nicht ganz aufgegeben“, feixte sie und deutete auf mein sich deutlich in der Unterhose abzeichnendes Glied. Peinlich berührt nestelte ich an ihrem Reißverschluss. Sie trug ein cremefarbenes Miniteil, unter dem sich ihre Unterwäsche klar und dunkel aufreizend abzeichnete. „Und ich hab dich echt nicht angegraben?“, fragte ich, um meine Nervosität zu überspielen. „Überhaupt nicht. Selbst bei Nina hat es nur zu einem dummen Spruch über ihre Größe gereicht, und dann hast du unvermittelt von ihr angefangen. War aber süß, ehrlich.“ „Ich verstehe einfach nicht, warum sie so eine Macht über mich hat.“, gestand ich. Sahra drehte sich um, der Reißverschluss war zu, sie zupfte sich das Kleidchen zurecht, sah aus wie von einem Werbeplakat herabgestiegen. „Weil sie eine Frau ist, und offensichtlich eine ganz besondere. Für dich zumindest.“ Das machte Sinn, half mir aber gar nichts. Werbeplakat-Sahra schaute mir in die Augen, dann gab sie mir einen zarten, nach Kaffee und Butter und Schlaf schmeckenden Kuss, bevor sie zum Abschied sagte: „Gesteh es ihr einfach. Wird schon schiefgehen. Wenn sie dich wirklich nicht mag, schieß sie in den Wind, und ruf mich an.“ Sie drehte sich auf dem Absatz herum, und noch bevor ich „Hoffentlich wird das nicht nötig sein“, antworten konnte, war sie aus der Tür. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, rief sie mir lachend aus dem Treppenhaus zu: „Aber dann lad mich wenigstens zu eurer Hochzeit ein, du Spinner.“

Ben lebt seit gefühlten einhundert Jahren in der Schwabenmetropole Stuttgart, ist ein Liebhaber der schönen Künste, dicker Steaks, und natürlich der Frauen. Er hat sein Herz schon lange verloren und ist seitdem auf der Suche nach einem geeigneten Transplantat, Blutgruppe 0, Rhesusfaktor Äffchen.

Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz!

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