Früher war ich unentschlossen …

Jule Müller
„Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“

Auf den Punkt gebracht:

Unser Head of Love Jule Müller hat ein Buch über ihre Zwanziger geschrieben!

Wer soll es lesen:

Imgegenteiler (Standarto), Erdbeer-Sekt-Schlürfer, alle in den Zwanzigern, alle in den Dreißigern, Psycho-Doc-Patienten, Frauen mit Erfahrung im Bereich der Enthaarung, 8oer Jahre Mukke-Fans, Reiseleiter, Katzen-Freunde, Glitzer-Menschen, Jules Mutti und Markus aus Hannover

 Das Leben ist ja eigentlich zu kurz für schlechten Sex. Aber auch zu kurz für gar keinen.

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Ist geil, weil:

Hand aufs Herz: Ich bin voreingenommen! Ich gehörte immer schon zu der Sorte Buchhändlerin, die manchmal hinter der Kasse die Augen aufriss und schrie: „Nee Freundchen, diesen Schiss zwischen zwei Buchdeckeln kaufste mir nicht!“ Meine 24,35 Regalmeter Bücher zu Hause sind alphabetisch und nach Warengruppe geordnet, bewacht von einem 1,72 cm großen Goethe-Pappaufsteller. Meinen Job, den nehme ich ernst. Im Case Müller bin ich nun so befangen wie damals ein Michael-Jackson-Richter kurz vor dem Ablehnungsgesuch. Hier aber die Wahrheit über „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“ und nichts als die reine Wahrheit:

Jule Müller wird keinen Buchpreis gewinnen (den kriegen eh nur Spießer), wegen der hohen Sauf- und Sexfrequenz auch keine Hertha-Müller-Leser erreichen (knappe Sache aber wegen des Namens), vielleicht werden ihre 295 Seiten die dritte Auflage niemals erleben (andere wären schuld), aber – und das ist ein riesiges Aber – dieses Buch unterhält im ganz großen Stil. Wie Jule ihre Zwanziger überlebte lädt ein zum Schmunzeln, manchmal zum Lachen und fast immer zum Shit-Kenn-Ich! Dramaturgie, das hat sie drauf, ein Gespür für die richtigen Themen sowieso.

Im Kanon der Generationsliteratur begibt sich die Bedeutung des Wortes Erwachsen bei ihr in einen neuen frechen Dialog mit seinem Werden. Hinter der ab und an derben Wortwahl versteckt sich eine literarische Feinmotorik, die überrascht, als stünde unsere Bildungsministerin rappend bei einem Eminem-Konzert in der ersten Reihe. „Look, if you had one shot, or one opportunity“ – Jule Müller hat die Gelegenheit ergriffen, mehrmals, wenn auch nicht immer gleich für sie ersichtlich. Ob arm in London, reich an Freunden oder geplagt von bescheuerten Jobs und noch viel bescheuerteren Ex-Freunden. Es gibt vieles, was Jule Müller nicht konnte, darin liegt ihr Erfolg heute vermutlich begründet. Dafür muss man sie lieben und ihr Buch gleich mit.

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Jule im Schnellcheck:

Wann bist du das letzte Mal schwarz gefahren?
Vor zwei Wochen. Unabsichtlich.

Welcher Song beschreibt am besten deine Zwanziger?
Mr. Big – To be with you

Würdest du einen CDU-Wähler daten?
Ungern, aber wahrscheinlich.

Etwas, das BFF Anni noch nicht über dich weiß?
Shit, sie weiß echt alles! Sogar, dass ich gestern ihre Zahnbürste benutzt habe.

Angenommen du stirbst morgen … Was soll mit deinem Facebook-Profil passieren?
Es bleibt hoffentlich als glorreicher Schrein für immer online.

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Jule, meine Liebe, herzlichen Glückwunsch zum Erstlingswerk! Wie fühlt sich das für dich an?

Gut! Ich habe jetzt einen Monat lang nicht so viel daran gedacht oder reingeguckt. Der Abstand hat mir mal ganz gut getan. Wie bei einer Abschlussarbeit, kriegt man eben kurz vor der Deadline noch mal einen Rappel, aber jetzt freu ich mich drauf!

Ich fang schon mal mit der Frage an, die in den kommenden Wochen wohl am meisten gestellt werden wird: Zu wie viel Prozent entsprechen die Geschichten der Wahrheit?

Mal abgesehen davon, dass ich zum Schutze einiger Personen Namen oder Orte geändert habe und inklusive der künstlerischen Übertreibungen, vermutlich so 97 %.

Ist es eigenartig so viel von sich preiszugeben?

Nö. Für viele Menschen käme es sicherlich niemals in Frage – was auch völlig okay ist –, aber dadurch, dass ich schon so lange blogge, bin ich dahingehend einfach ein bisschen offener und freier geworden. Ich habe mich da ganz langsam rangetastet und irgendwann das Gefühl gehabt, dass, wenn ich zum Beispiel über meine eher peinliche Therapie-Erfahrung oder das Intim-Waxing schreibe, Leute ebenso offen darauf reagieren.

Diese peinlichen Erlebnisse sind ja irgendwie doch schon intime Bekenntnisse. Sollen die wirklich nur unterhalten oder stellst du damit auch gleich grundlegende Generationsfragen?

Beides trifft irgendwie zu. Hauptsächlich ist es unterhaltsam. Teilweise nehmen Leute die Texte aber auch dankbar an, gestehen mir, dass sie ein ähnliches Problem haben. Dadurch, dass es in einer lustigen Art und Weise geschrieben ist, funktioniert es eben ganz gut, dass man angstbefreiter mit blöden Themen umgehen kann. Jeder kann für sich bestimmte Dinge daraus gewinnen.

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Das sind Themen wie Sex, Liebeskummer oder Freundschaft. Besonders aufgefallen ist mir, dass du dir ab der Hälfte des Buchs verstärkt Gedanken über das Älterwerden machst. Ängstigt dich der Gedanke daran?

Ich habe gestern erst mit einer Freundin darüber gesprochen. Mich haben viele gefragt, wie es denn war, 30 zu werden. Ich fand es überhaupt nicht schlimm, ich habe mich sogar darauf gefreut. 30 klang irgendwie erwachsen und ich war überzeugt, dass automatisch was Neues im Leben kommen wird. Jetzt steuere ich auf die 33 zu und es bestätigt sich nur teilweise. Besonders für uns Frauen stellt sich ja die Frage: Will ich eine Familie haben? Und wann will ich das machen? – Wir schieben gerne vieles auf später. Aber wann soll später eigentlich sein? Mit 30 hat man gelernt, dass die Jahre schnell an einem vorbeiziehen können. Ich wollte eigentlich immer eine sehr junge Mutter sein, so wie meine, weil ich es toll fand, dass sie wie eine Freundin agieren konnte. Der Zug ist schon mal abgefahren. Panisch bin ich deswegen noch nicht, verstehe aber Frauen, die Ende 30 einen starken Familienwunsch haben und etwas durchdrehen.

Wie erwachsen bist du denn geworden?

Eigentlich überhaupt nicht. Ich muss immer noch meine Mutter darum bitten, eine Bürgschaft auszufüllen, wenn ich eine Wohnung mieten will. Ich verstehe immer noch nicht den Unterschied zwischen Riester-Rente und der staatlichen Altersvorsorge. Auch wenn es von außen so aussehen mag, als sei ich selbstständig und erwachsen, lerne ich doch noch viel dazu und habe von vielen Bereichen echt keine Ahnung. Unseren Eltern ging es bestimmt ähnlich, aber die haben es einfach gemacht. Ich denke, dass wir heutzutage sehr verkopft und ichbezogen sind. Das macht es uns schwieriger, in Zweier-Beziehungen zu funktionieren, vor allem in der Konsequenz, vielleicht eine Familie zu gründen.

Du schreibst ja auch einer Stelle in dem Buch: „Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Dann kommt lange nichts. Dann kommt das digitale Ich.“ Das Internet, das diesen Ich-Kult heraufbeschworen hat, ist irgendwie Fluch und Segen zugleich. Was hat es mit dir gemacht?

Ich liebte das Internet von der ersten Sekunde an, bin aber froh, zu der Generation zu gehören, die noch weiß, wie es ohne war. Ich bin am Anfang wahnsinnig naiv an die Sache rangegangen. Mir war total egal, welche Bilder von mir im Netz sind. Ich fand es großartig, mit jemandem zu chatten, der in Amerika saß. Heute sehe ich das natürlich ein bisschen anders. Ich habe irgendwann angefangen, Inhalte zu schützen und man findet mich auch fast nur unter meinem Pseudonym Jule Müller.

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Stimmt, die Stalk-Mania ist ja auch ausgebrochen. Der Ex ist nur noch einen Klick von uns entfernt und potenzielle Neuanwärter können erst mal ausgecheckt werden …

Wobei ich mich im Dating-Kontext wirklich sehr zurückhalte und höchstens gucke, ob die besagte Person tatsächlich existiert. Ich finde es eher schade, wenn mir jemand sagt: „Hey, ich habe dieses oder jenes über dich gelesen.“ Anhand der Texte könnte man denken, ich sei ein besoffener Flummi, der eine Pointe nach der nächsten raushaut. Überraschung: Ist gar nicht so. Und umgekehrt möchte ich mir mein eigenes Bild von einer Person lieber auch persönlich machen.

Dabei ist das doch aber gerade das Erfolgskonzept von imgegeteil.de, oder?

Ja. Gut. Jetzt hast du mich erwischt. im gegenteil finde ich aber deutlich sinnvoller als das Puzzle, das man sich mit Versatzstücken von Google, Facebook und Instagram zusammensucht. Das fungiert meiner Erfahrung nach eher als schöne Zusammenstellung von seichten Infos, die es erleichtern, den Erstkontakt zu suchen. Der sogenannte Eisbrecher. Außerdem ist es leichter auf jemanden zuzugehen, der öffentlich deklariert, dass er auf der Suche nach einem Partner ist. Nee, auf im gegenteil lasse ich nichts kommen, das ist super – sonst würde ich es weder machen noch benutzen.

Wie werden denn die nächsten 10 Jahre?

Wahrscheinlich mit ähnlichen Aufs und Abs. Das verbirgt sich auch hinter dem Buchtitel. Man ist zwar erwachsener geworden, hat aber ganz einfach genauso viele Probleme. Jeder hat nun mal seinen Rucksack zu tragen und das ändert sich auch nicht mit den Jahren. Ich habe aber einen unbändigen Glauben daran, dass immer alles gut wird. Das hat mir sehr im Leben geholfen. Wir müssen auch mal zulassen, dass es uns nicht so gut geht. Andere mal glücklicher zu sehen, ohne gleich Panik zu schieben. Das Leben ist manchmal scheiße und man ist auch mal traurig. Das gehört dazu. Man muss nur wissen, dass es wieder besser wird. Und das wird es. Ich habe ein biblisches Alter erreicht, ich muss es wissen.

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Nur mal so:

Wenn du Jule mal anfassen möchtest, dann komm doch zu der Buchbox-Lesung am 17.2. in die Backfabrik. Dort liest, signiert und lässt sie sich nämlich zusammen mit Linus Volkmann volllaufen. Prösterchen.

Achtung! Wir verlosen außerdem drei signierte Exemplare des Buches. Kommentiere einfach unter diesen Facebook Post und verrate uns dort bis Dienstag, 23:59h, warum deine Zwanziger eigentlich doch ganz schön waren/sind. 

Jule Müller „Früher war ich unentschlossen, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“, erschienen bei Knaur für 12,99 Euro (auch erhältlich als E-Book für 10,99 Euro)

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