Freundschaft au Lait – warum ich in Berlin keinen Anschluss fand

Freunde in Berlin zu finden glich für mich viele Jahre der Suche nach dem Heiligen Gral; überzeugt, dass es ihn irgendwo gibt, jedoch nicht wissend, wo. Bis ich verstand, dass ich zunächst mich selbst finden muss.

Der erste von zwei Sprüchen, den ich hier gleich zu Anfang aufschnappte, lautete: „Ob du in dieser Stadt etwas aus dir machst oder auf die Schnauze fällst – in jeden Fall lernst du dich selbst so richtig kennen.“ Es klang zunächst wie eine düstere Prophezeiung, mit der ich nichts anzufangen wusste; zu groß war meine Dankbarkeit und Freude darüber, in einer so spannenden Stadt leben zu dürfen.

In meinem ersten Berlin-Jahr jobbte ich in einem beliebten Prenzlberger Café als Barista und lernte dort viele interessante Menschen kennen; Intellektuelle, Künstler, Latte-Macchiato-Mütter und -Väter (zumindest anfangs noch eine spannende Spezies). Unter den Kollegen und Gästen gab so manche, mit denen ich mir eine Freundschaft vorstellen konnte.

Im Leben wäre ich nicht darauf gekommen, wie schwer es mir fallen wird, hier echte Freundschaften zu schließen.

Im Leben wäre ich nicht darauf gekommen, wie schwer es mir fallen wird, hier echte Freundschaften zu schließen, solche, wie ich sie aus der Schule, unserer Wohnsiedlung oder der Uni, ja der Uni, kannte. Vor allem zwei Männer haben sich in mein Freundschaftsgedächtnis eingebrannt wie die Kippe, die dir in einer dichtgedrängten Bar plötzlich den Handrücken streift; tut weh, hinterlässt aber keine Spuren.

 

Turkey – mein „erster Freund“

Jener Gast, der mir die erste Weisheit zuschmiss, nennen wir ihn Turkey, war zunächst ein sehr freundlicher Gast, der stets nach meinem Wohlbefinden oder dem Song, der gerade lief, fragte, bevor er seinen Flat White bestellte. Wie ich früher, wenn ich auf der anderen Seite des Tresens stand. In einem Café trinkt man schließlich nicht nur Kaffee, sondern lernt auch Menschen kennen, aus denen, wer weiß, irgendwann auch Freunde werden können – und stopft sich mit Kuchen voll, aus dem irgendwann, das weiß ich jetzt, kleine Speckröllchen werden. Die Kuchenzeit sollte mir irgendwann die Einsamkeit versüßen.

Zunächst gingen wir einfach nur fremd. Als „Fremdgehen“ bezeichneten wir unsere allwöchentlichen Trips in andere Prenzl-Cafés, in denen wir uns an köstlichen Light-Roast-Kaffees labten. Wir verstanden uns gut, lachten viel, sodass ich auch nicht abgeneigt war, ihn auf ein Bier zu treffen. Bei unserm ersten „Date“ erzählte er gleich, dass er zwar seit über zehn Jahren eine Freundin hätte, aber auch gern mir Jungs rumknutschte. Das fand ich völlig okay, sagte jedoch dankend ab.

Seine Freundin lernte ich dann auf einer Elektroparty kennen – und mein Arsch seine Hand.

Seine Freundin lernte ich dann auf einer Elektroparty kennen – und mein Arsch seine Hand. Er packte so stark zu, dass er fast meine Hämorriden kitzelte. Ich lallte irgendwas mit „Ich möchte das nicht“. Dabei kam ich mir vor wie ein schüchternes sechzehnjähriges Mädchen, das sich nicht traut, dem lüsternen Antänzer einfach eine zu scheuern.

Turkey ließ glücklicherweise von meiner Backe ab und machte den Polnischen. Seine Freundin jedoch blieb, wir tanzten einfach weiter. Plötzlich, mir nichts, dir nichts, flüstert sie mir ein Geständnis zu, das noch am nächsten Tag in mir nachhalte wie der dumpfe Bass der Musik: „Ich könnte alle fünf Minuten einen anderen Typen ficken.“ Ich nahm meine Jacke und stahl mich ebenfalls davon.

Turkey tauchte während meiner nächsten Schicht wieder im Café auf und stellte mir wieder seine Wohlfühlfragen, so, als wäre nichts passiert. Doch für mich war die Hoffnung auf Freundschaft gestorben. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes verarscht und zu einem Sexobjekt degradiert. Trotzdem bin ich ihm für eines dankbar: Das erste Mal in meinem Leben durfte ich erfahren, wie sich so eine faule Anmache anfühlt.

 

Ben – der ewige Patient

Vor Ben warnten mich schon meine beiden Chefs, die meine Offenheit zunehmend mit Argusaugen verfolgten: „Lass die Leute nicht so nah an dich heran, vor allem nicht jene, die hier jeden Nachmittag allein verbringen.“ Doch ich war mir sicher, ich hätte alles unter Kontrolle. Ben war ähnlich wie Turkey ein dufter Typ. Er setzte sich immer in Tresennähe. Der Kaffee war für ihn nur ein Mittel, mir zwischen den Schlucken von seinem Tag zu erzählen. Wir waren im gleichen Alter und mir gefiel seine Lebensweisheit. Einsamkeit macht wohl weise. Oder ist es vielleicht doch der viele Kaffee?

Irgendwann tanzte mein Freund in spe auf Krücken an und legte mir seinen Krankenschein hin: drei Monate arbeitsunfähig, Bänderriss. Meine psychoanalytischen Feldforschungen sollten schon bald ergeben, dass das kein Zufall war – die Grenzen der Aufmerksamkeitsgewinnung scheinen schier unendlich. Nun, was macht ein einsamer Mensch, der für drei Monate krankgeschrieben ist? Genau, er verbringt drei Monate seines Lebens im Café. Und wenn das nicht reicht, verlängert er seine Café-Reha um weitere zwei Monate. An meinem Tresen sollte nun sein Fuß genesen.

Gefühlte fünfzig Treuestempel später saßen wir bei einem Wein auf seinem Balkon. Dabei fing alles so harmlos an.

Gefühlte fünfzig Treuestempel später saßen wir bei einem Wein auf seinem Balkon. Dabei fing alles so harmlos an. Er kam kurz vor Feierabend mit einem großen Trekkingrucksack ins Café: „Wenn du für mich nur den Einkaufskorb schieben und dann die Einkäufe in meinen Rucksack packen könntest, das wär’ echt mega von dir. Du musst aber nicht.“ „Aber klaro“, entgegnete ich.

Ich beeilte mich mit dem Putzen, so dass wir es noch rechtzeitig zum Supermarkt schafften. Hinter der Kasse machte mir das Gewicht seines Rucksacks jedoch kurz einen Strich durch die Rechnung, sodass ich … na, ihr ahnt es schon. Also nahm er meinen und ich seinen Rucksack und ich begleitete ihn zu seiner Wohnung: „Feierabendbierchen?“ – diese Frage musste man mir nicht zweimal stellen.

Als uns das Bier ausging, hatte Ben prompt zwei gekühlte Flaschen Weißwein aus dem Ärmel gezaubert, wie praktisch. Dann brachte er unsere Freundschaft auf Kurs, stimmte erste Lobgesänge an, war so unglaublich froh, endlich jemanden wie mich gefunden zu haben. „Weißt du was? Ich könnt’ es mir echt gut vorstellen, mit dir in an die Ostsee zu fahren. Wenn wir im Oktober für zehn Tage einen Opel Corsa mieten, kostet uns das nur …“ Eben noch der Pfleger aus dem Nachbarcafé, jetzt schon der Freiheit Heiland.

Ich wollte nur noch eins: schnellstmöglich weg. Doch auch am Notausgang wartete er bereits auf mich und wollte mir unbedingt sein tolles Fixie borgen. „Das kannst du so lange behalten, bis ich wieder loofen kann.“ Na jetzt war mir irgendwie auch nach Loofen zumute. Doch ich Idiot schaffte es einfach nicht, Nein zu sagen. Ich nahm das Rad und gab es ihm ein paar Wochen später nach einer Eifersuchtsszene wieder: Er hatte Wind davon bekommen, dass ich, einem Rückfall gleich, mit Turkey Bier trinken war. Ich musste ihn nicht einmal loswerden.

 

Freunde, nein danke

Nach einem Jahr Berlin hörte ich auf, den Freundschaftsversuchen Nummern zu vergeben. Ich verspürte so etwas wie einen Sozialisierungsburnout und war es leid, mein Vertrauen so blauäugig zu verhökern. Ich entschied mich mehr oder weniger bewusst, eine Zeit lang nur noch oberflächliche Bekanntschaften zu führen. Das klappte unverhofft gut. Ich war nun ein Jahr in Berlin, jobbte nicht mehr im Café, hatte keine Freunde, dafür aber ganz viel New York Cheesecake im Kühlschrank.

Eine Frage beschäftigte mich bei Bier und Kuchen ganz besonders: Wie ging das nochmal, dieses Freundschaften-Schließen? An der Uni liefen mir die Freunde nur so zu, als hätten sie das ganze Leben auf mich gewartet. Bereits nach einer Woche und der ersten Party klebten wir aneinander wie honigverschmierte Finger. Was uns vor allem verband, war etwas, das wir gemeinsam teilten: das gleiche Leid und die gleichen Probleme – Prüfungen, Liebe, Alkohol. Ich durfte zwei Treppen hochlaufen, um einen Freund zu treffen.

Hier musste ich dreißig Minuten mit der Bahn fahren, um an anderen Ende der Stadt, ach was, der Welt, mindestens, Menschen zu treffen, mit denen ich doch nichts teilte, nicht mal eine klitzekleine Sorge, die von mir nur tolle Geschichten über tolle Projekte hören wollten. Doch was sollte ich ihnen schon erzählen? Nahm ich doch weder an wichtigen Meetings noch an coolen Shootings teil. Zuerst war ich neidisch, dann wurde ich faul, dick und depressiv.

Zuerst war ich neidisch, dann wurde ich faul, dick und depressiv.

Eines einsamen Abends fiel mir der zweite kluge Spruch aus meinem ersten Berlin-Jahr ein, den ich von einem spanischen Künstler (ich glaube, er war ein echter Künstler) und Gast des Cafés hörte: „Berlin ist wie Disney Land. Seine Schönheit ist nur eine Fassade.“ Ich bin nun wahrlich kein Misanthrop, doch was Berliner Freundschaften angeht, fiel es mir manchmal schwer, diese Sätze zu verneinen.

Zu oft kam ich mir beliebig austauschbar vor, zu oft hatte ich Mickey Mouse für echt gehalten. Doch war sie wirklich schuld an meiner Misere? Ich begriff, dass mir die Freunde hier nicht einfach zulaufen würden, Uni was over. Ich musste mich um Freundschaften kümmern, musste lernen, dass man Freunde nicht nur dank gemeinsamer Probleme oder Projekte findet und sie schneller verliert, als man eine Tasse Milchkaffee leertrinken kann. Für diese Erkenntnis hat es sich gelohnt, ein paar Mal auf die Schnauze zu fallen.

Nirgendwo fiel es mir leichter als in Berlin.

Klaus Pollak lebt und leidet in Berlin. Er mag die Stadt im Frühling und ihre Einwohner im Herbst. Meistens schwankt sein Gemüt jedoch zwischen Sommer und Winter. Mehr zu Klaus erfährst du auf der Rückseite deiner Pizzaschachtel.

Headerfoto: Maria Badasian via Unsplash.com! (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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