Foto im Rollstuhl – ja oder nein?

Was soll ich sagen, es ist mir ja auch peinlich, aber es war einer dieser verregneten Tage, an denen man die Einsamkeit besonders spürt. Man sitzt in der Jogginghose und dem ältesten Hoodie vor dem Fernseher, frisst die Ikea-Torte, deren Namen man sich nie merken kann (generell kann ich mir nie die Namen bei Ikea merken – außer „MALM“ und „PAX“) und guckt irgendeine Liebeskomödie auf SAT1, weil gerade wirklich nichts besseres läuft. (Ehrlich nicht.) Zum Lesen zu müde. Zum Schreiben zu unkreativ. Gehirn – einfach aus. Ich fühle mich elend, einsam, esse alleine vor dem Fernseher. Bald ist auch noch Weihnachten.

„Klar, dass man hier nur interessante Frauen wie Dich trifft. Aber keine Traumfrauen., sagte er am Telefon. Das war unser erstes Telefonat. Ich habe ihn auf einer Singlebörse kennengelernt.

Virtuell sind wir alle hip und wollen uns selten ernsthaft binden. Wir wollen uns alle „nur mal umschauen“, kaum Kompromisse eingehen und geben in das Suchfeld „schlank, ab 1,80m, dunkelhaarig, ohne Kinder“ ein und sind positiv überrascht. Wow, so viele Traummänner!

Ich bin seit drei Jahren single. Jeder Single weiß, wie schwer es fällt, es deutlich und hörbar auszusprechen: Ich-bin-Single! Nicht unbedingt verzweifelt und auch nicht stolz darauf, aber eben allein. Oder auch: „Ohne ein Anhängsel“, könnte man sagen, wenn man sarkastisch sein will; ohne „Schulter zum Anlehnen“, wenn man eher der Romantiker ist. Meistens jedoch entschuldigt man sich oder sucht nach alternativen Lebensstilen. Man hört dann schon mal Sätze wie:

Ach… wer versteht schon die Männer/die Frauen? Ich bin da lieber alleine!“

oder: „Ha! Der richtige Partner muss erst mal geboren werden!“

Sehr beliebt ist auch: „Ich habe gar keine Zeit, um auszugehen … Wo soll ich denn jemanden kennenlernen? Und das tägliche Weintrinken an der Bar kostet ja auch noch Geld!“ (Das ist meine Lieblingsausrede.)

Vier meiner Freundinnen haben ihre coolen Macker über eine Singleplattform kennengelernt und es war alles dabei: Nach drei Wochen zusammenziehen, weil es „einfach passt“, Verlobung, Heirat. Bald Kinder. Ja, Mensch, kann halt auch so gehen.

Eigentlich war das Thema durch, aber ich hatte einen schwachen Moment. „Von nichts kommt recht wenig“, dachte ich und überhaupt, irgendwie muss ja jetzt mal … Also nicht, dass ich generell keine Männer kennenlernen würde. Im Gegenteil. Es ging an diesem Abend um das „Jetzt“, um einen Egoboost und das bitte sofort. Das machen die doch alle so: Stellen die schönsten Fotos rein, Filter drüber, los geht’s. Und wenn man die Leute dann im echten Leben trifft, denkt man:

„Ui.“ Wertlos. Nur verwundert. Bisschen überrascht vielleicht.

Nun, ich wollte es auch testen, ich wollte es erleben: Welche Menschen da wohl sind und wonach  suchen sie? So landete ich auf einer von vielen Singlebörsen (und Tinder) – lediglich aus purer Neugierde, wie alle anderen auch. Selbstverständlich.

„Vorrangig suche ich nach interessanten Menschen und dann ma‘ gucken“, sagen sie. Schon klar.

Das Angenehme am Singledasein ist die Unabhängigkeit. Keine Absprachen, keine Kompromisse. Ich esse wann und was ich will, ich gucke Sendungen, die ich gucken will, auch wenn es „Der Bachelor“ ist. Ich laufe in Jogginghosen rum und fühle mich unwiderstehlich, während ich eine Hand voller Chips in den Mund stopfe. (Nach der Ikea-Torte.) Dabei höre ich Joe Cocker und singe laut mit: „Unchain my heart.“

Das blödeste am Singledasein ist die Meinung der Freunde, der Arbeitskollegen und der Nachbarn darüber.

„Hm, ob sie noch jemanden findet…?“

Oder: „Dabei ist sie doch eine hübsche, smarte Frau!“

Frauen mit einer Behinderung bekommen grundsätzlich nur zwei Reaktionen:

Schweigen und: „Deine Ansprüche sind aber auch viel zu hoch!“

Natürlich. Zu hoch. Warum sollte ich denn meine Ansprüche runterschrauben?

Zurück zur Singlebörse.

„Sag mal, wirst du auch so von den Kerlen belästigt? Ich bekomme so um die fünfzig Mails am Tag“, erzählte mir die Freundin, die ebenso das Experiment „Tinder & Co.“ wagte. Der letzte Single neben mir im Freundeskreis.

„Äh … nein“, sagte ich verdutzt. Ich bekomme maximal drei Mails pro Woche und selbst die von Männern, die – sagen wir mal, nicht böse gemeint – weit unter meinem Niveau liegen. Selbst zum Biertrinken zu hohl, von anderen Sachen ganz zu schweigen. Am liebsten würde ich mit einem neutralen Gesichtsausdruck sagen: „Schau dich an. Schau mich an. Merkste was?“ – und stelle mir gleichzeitig vor, wie ich mit dem ungepflegten Kerl auf meiner Couch abhänge, er mit seinem leuchtenden Zungenpiercing spielt und wir gemeinsam „Scooter“ hören.

Ich habe von Anfang an nichts versteckt: Die Fotos (max. 5) zeigten mein Gesicht, zeigten mich im Rollstuhl. Das ist für mich selbstverständlich. Das bin ich! Das ist anscheinend für diese Plattformen neu, weil ich zunächst von den Admins gesperrt wurde, weil man vermutete, ich sei ein Fake. Dann bekam ich, wenn überhaupt, Mails mit Vorwürfen, ich sei nicht echt oder mit der Frage, ob ich denn Geschlechtsverkehr haben könnte. Seltsam. Und ob ich denn Lust verspüren würde. Noch seltsamer. Und ob ich denn je Erfahrungen mit Männern machen durfte.

„Durfte.“ Wie furchtbar und erniedrigend das klingt.

„Ja, ich durfte.“ Ich blieb immer freundlich, ging aber hin und wieder verwirrt und empört ins Bett.

Einige Dates hatte ich dennoch. Während meine Freundin zehn Dates hatte, hatte ich eins. Eins zu zehn. Naja, besser so als anders, hätte noch schlimmer kommen können. Waren schöne Dates manchmal, kann ich nicht anders sagen.

Meistens kam am nächsten Tag eine Mail: „Du bist toll … du bist unglaublich attraktiv … und ich bin … nein, verliebt nicht direkt, aber beeindruckt! Aber ich habe im Moment sehr viele private Probleme, ich muss mein Leben neu sortieren. Meine Ex geht mir auch nicht aus dem Kopf … Aber du bleibst für immer in meinem Herzen, du hast mich inspiriert, mein Leben in die Hand zu nehmen!“

Na toll, das war nicht mein Plan. Wie aus dem Nichts taucht immer plötzlich die Exfreundin auf oder der Job wird gekündigt oder jemand stirbt oder jemand wird geboren oder … Ach, lassen wir das.

„Ich glaube, ich bin zu hässlich für diese Börsen!“, sagte ich mal zu meiner Freundin, die wieder von einem richtig coolen Typen erzählte.

Manchmal habe ich mir den Spaß erlaubt und habe das Ganzkörperfoto raus genommen, zu sehen war nur mein Gesicht ohne den Rollstuhl. Prompt kam:

„Hey du Schöne, dein Foto und dein Text imponieren mir sehr, darf ich mehr über dich erfahren?“

Oder „Hallo, du scheinst so anders als die anderen hier … wo ist der Haken?“

Ich schrieb: „Es gibt keinen!“ (stimmt ja auch) und habe einige Tage später ein Ganzkörperfoto hochgeladen. „Ach, da ist er ja… der Haken. Vielen Dank für das Anlügen.“

Ich zuckte nur mit den Schultern. Gewundert hat’s mich nicht.

Die Erkenntnis kam recht zügig: Ich bin nicht zu hässlich für diese Börsen. Ich bin zu behindert.

Das Experiment war für mich abgeschlossen, als diese Mail kam:

Ich finds mutig (wenn auch eigentlich keiner rede wert), das du dich hier angemeldet hast aber ich sag dir ganz ehrlich, ich fühle mich unwohn in beisein von kranken, behinderten, obdachlosen, etc., da krieg ich immer einen klos im hals und weiß nicht ob ich den anderen bedauern soll, oder froh sein, das es mir vergleichsweise git geht. das finde ich sehr bedrückend“ (Originaltext übernommen)

Ich löschte mein Profil. Ich bin immer noch Single. Aber aus Respekt und Stolz, aus Liebe zu mir selbst und meinem Körper: Ich lasse mich nicht von fremden (!) Menschen bewerten, ob ich schön oder hässlich bin, zu behindert oder „geht grad noch so durch“.

Ich fühle mich wie eine Traumfrau. Da kann mir keiner was erzählen.

Anastasia nimmt sich jeden Morgen vor, an diesem Tag mal früher ins Bett zu gehen, und ärgert sich jeden Abend darüber, dass es schon wieder so spät geworden ist. In Hamburg lebend, von der Ferne träumend, ist sie immer auf der Suche nach den kleinen Herausforderungen und verachtet Stufen jeglicher Art. Beruflich hat sie vieles ausprobiert: Klassisch im Büro, gestresste Studentin, und schließlich … Ihren Job sieht sie nicht wirklich als Job, und widmet deshalb sehr viel Liebe und Zeit ihrem Designlabel inkluWAS und hat einen eigenen Blog. Sie glaubt, jeder hat das eigene Glück selbst in der Hand, ist aber zu oft mit dem Smartphone beschäftigt. Ihr Lieblingshashtag ist #werkannderkann. Mehr gibt es auf ihrer Webseite.

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Headerfoto: Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz! (Gesellschaftsspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür!
Autorenfoto: Anna-Lena Ehle

2 Comments

  • Christian sagt:

    Danke für diesen Artikel.
    Ich (männlich, Ende 20) sitze ebenfalls im Rollstuhl und man sieht mir zudem meine Krankheit (Glasknochen) recht deutlich an.
    Viele meiner nichtbehinderten Freunde nutzen Tinder und co, weswegen ich mir immer wieder Geschichten von ihren tollen Dates anhören „durfte“.
    Da ich in Sachen Partnerschaft und Sex weit davon entfernt bin, ein erfülltes Leben zu führen, habe ich schon häufig überlegt, ob ich mir ebenfalls einen Account bei Tinder einrichten soll. Nicht in erster Linie für Sex (was trotzdem vielleicht auch MAL ganz nett wäre), sondern vor allem, um nette Leute und im Idealfall sogar eine feste Partnerin zu finden.
    Jedoch habe ich genau das befürchtet, was hier im Artikel beschrieben wird. Die positiven Eigenschaften, die man auch als Behinderter haben kann, wie z.B. Ausstrahlung, Intelligenz und soziale Kompetenz, werden bei solchen Apps und Singlebörsen überhaupt nicht wahrgenommen, da es dort zumindest am Anfang den allermeisten Leuten nur um Aussehen und Attraktivität geht. Passt man schon optisch nicht in die Wunschvorstellung, macht sich niemand die Mühe, die Person kennenzulernen, die hinter dem Profil steckt.
    Ich war gerade kurz davor, der Versuchung doch endlich mal nachzugeben, aber zum Selbstschutz vor den kränkenden – wenn auch vermutlich meist nicht böse gemeinten – Kommentaren, werde ich nun wieder davon absehen.

  • HeidiS sagt:

    Die Stelle, wo ich mich gerade beim Lesen am meisten geärgert habe, war die mit dem „zu anspruchsvoll“. Ich bin auch behindert (wenn auch nicht so sichtbar, weil ohne Rollstuhl) und hab das schon so oft gehört, dass ich zu anspruchsvoll bin, nur weil ich will, was alle wollen. Das finde ich super ätzend. Gibt man denn sein Recht auf ein erfülltes Leben in dem Moment ab, wo man eine Diagnose oder den Behindertenausweis bekommt? Es wurde sogar schon psychologisiert „ja da musst du dich vielleicht mal fragen, warum das so wichtig für dich ist“ und das von Leuten, die das ALLES haben.

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