Flüchtlinge Willkommen

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In Anbetracht der problematischen Berliner Flüchtlingspolitik und der steigenden Anzahl überfüllter Massenunterkünfte stellten sich die Gründer von Flüchtlinge Willkommen die Frage, wieso geflüchtete Menschen nicht in Privatunterkünften wohnen können. Kurzentschlossen riefen sie Ende 2014 eine Vermittlungsplattform für Wohnraumbietende und Geflüchtete ins Leben. Seitdem gibt es Hunderte von Anmeldungen und ein breites Unterstützerecho über die Landesgrenzen hinaus. Ist es tatsächlich so unproblematisch, einen geflüchteten Menschen in einer WG aufzunehmen? Wir sprachen mit Jonas Kakoschke, einem der drei Gründer von Flüchtlinge Willkommen und seinem neuen Mitbewohner Bakary über ihr WG-Leben zwischen Ausländerbehörde, Designstudio, Schwarzarbeit und Kiezkneipe.

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„Die staatlichen Institutionen sind überfordert“

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Menschen, die infolge von Krieg, Vertreibung, Naturkatastrophen und Armut weltweit auf der Flucht sind, drastisch angestiegen. 2014 gingen 59,7% mehr Asylanträge im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein, 2015 werden 300.000 Asylsuchende erwartet. Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist Deutschland problemlos in der Lage, diese Geflüchteten aufzunehmen. Die meisten Länder und Kommunen sind jedoch mit der administrativen Bewältigung des gesteigerten Aufkommens an Asylanträgen schlichtweg überfordert, sodass sich in den zuständigen Ämtern unbearbeitete Akten von Asylbewerbern stapeln.

Infolge langer Bearbeitungszeiten und überfüllter zentraler Flüchtlingseinrichtungen werden viele Geflüchtete monatelang in provisorischen Massenunterkünften untergebracht, in denen oftmals menschenunwürdige Bedingungen herrschen. Auch viele der 12.000 Flüchtlinge, die 2014 nach Berlin kamen, wurden in Traglufthallen und Wohncontainern einquartiert. Für den 31-jährigen Grafikdesigner Jonas ist das inakzeptabel:

„Das geht nicht. Für mich ist es keine Lösung, geflüchtete Menschen in Containern in Nachbarschaften unterbringen, wo sie nicht erwünscht sind.“

Als fest stand, dass das Zimmer von Freundin Mareike Geiling für mehrere Monate frei wird, fassten die beiden den Entschluss, es einem Refugee zur Verfügung zu stellen. Die Miete hatten sie innerhalb von zwei Wochen durch Spenden von Freunden und Familie zusammen. „Viele Leute waren froh, endlich die Möglichkeit zu bekommen, etwas zu tun und ganz konkret einen Menschen zu unterstützen.“ Das positive Feedback machte Mut zu größeren Schritten. Sie informierten die Diakonie über ihre Unterbringungsmöglichkeit und lernten so die Sozialarbeiterin Golde Ebding kennen, die das Flüchtlinge Willkommen-Team perfekt ergänzen sollte.

„Ich gehe da mit einer geplanten Naivität ran“

Bereits wenige Tage nach dem Launch der Plattform im Dezember 2014 gab es mehrere Hundert Wohnraumangebote, unzählige Mails potenzieller Unterstützer und Presseanfragen. Zwar hatte Jonas durch sein Projekt pfandgeben.de bereits Erfahrung mit der Thematik, doch mit diesem Ausmaß hatte keiner gerechnet.

„Wie bei pfandgeben geht es hier darum, Menschen auf einfache Weise die Möglichkeit zu geben, voneinander zu profitieren.“

Dass dieser direkte Kontakt potenzielle Risiken, birgt, ist ihm klar. „Wir haben von Anfang an versucht, möglichst naiv an das Thema heranzugehen, denn nur so war es möglich, Hals über Kopf eine Plattform aus dem Boden zu stampfen. Es musste jetzt etwas passieren. Daher sind wir auch mit einem möglichen Scheitern offen umgegangen.“ Ebenso wenig ließ sich das Team vom Vorwurf des „Gutmenschen-Hipstertums“ beirren:

„Die Leute, die sagen ‚der hippe Student mit seinen Projekten da … ’ brauchen ja nicht mitmachen. Meckern verändert nichts, also seid dabei – oder lasst es sein.“

Beide Seiten – Wohnraumbietende und Geflüchtete – müssten Offenheit für eine neue Erfahrung mitbringen. Auch Bakary, der seit über einem Monat bei Jonas im Wedding wohnt, musste sich ein Herz für diese neue Erfahrung fassen.

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„Die erste Nacht konnte ich nicht schlafen“

Der 39-Jährige verließ seine Heimat Mali auf der Suche nach Arbeit und kam über Italien nach Deutschland. Seit einem Jahr ist er in Berlin, die meiste Zeit davon hat er auf der Straße gelebt. Über eine gemeinsame Freundin, bei der Bakary Deutschunterricht hatte, lernten er und Jonas sich kennen.

Zwar stimmte die Chemie zwischen den beiden schon beim ersten Treffen, doch ganz vorbehaltlos war Bakary nicht: „Ich bin zwar ein grundlegend positiver Mensch, aber als ich meinen Freunden von der Möglichkeit erzählte, umsonst bei einem fremden Mann wohnen zu können, fragten sie mich, was das für ein komischer Typ sei. Ich sagte ihnen: ‚Ihr seht immer zuerst das Negative, wartet mal ab und lasst mich das ausprobieren!’, woraufhin sie meinten: ‚Okay, du siehst immer zuerst das Positive – dann geh!’“ Die beiden lachen und Jonas erzählt, dass auch die AWO-Mitarbeiterin, die Bakary seit längerem unterstützte, anfangs misstrauisch war: „Sie dachte wohl, er würde in ein besetztes Haus mit Punks ziehen. Nachdem ich ganz seriös mit ihr telefoniert hatte, war sie beruhigt und fand das Projekt super.“ Bereits am Abend ihres Kennenlernens zog Bakary bei Jonas ein.

Schmunzelnd räumt er ein: „Ich lag im Bett und konnte nicht schlafen, weil ich an die Worte meiner Freunde dachte. Ich war verunsichert und hatte Angst, dass etwas schiefläuft und ich mich lächerlich mache. Ich wollte einfach am nächsten Morgen meine Sachen nehmen und gehen.“ Doch aus Angst heraus wollte er nicht aufgeben.

„Also wartete ich und blieb und es geht mir gut.“

„Ich brauche euch!“

Die Stimmung in der WG-Küche ist entspannt und herzlich. Hier wurde schon öfters zusammen gekocht und gechillt, die beiden Männer sind aber auch viel unterwegs. Bakary hat dreimal die Woche Deutschunterricht. Zwar kennt er einige Landsleute in Berlin, doch er wünscht sich mehr Kontakt mit Einheimischen. Anders als in seiner Heimat sei es hier jedoch schwer, mit Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen.

„Manche Leute denken, ich möchte nur aus irgendwelchen Interessen heraus mit ihnen sprechen. Ja, aus dem Interesse an euch! Ich bin über Italien aus Afrika hier her gekommen und brauche euch! Ich weiß, dass ihr mich nicht ansprechen werdet, also muss ich euch ansprechen und euch meine Situation erklären. Manche verstehen das nicht, aber ich habe es immer und immer wieder versucht und manchmal hat es geklappt.“

Das hiesige „Kommunikationstabu“ im öffentlichen Raum mache den Anschluss sehr schwer: „In meiner Heimat ist es normal, dass du, wenn du draußen irgendwo sitzt und jemand an dir vorbei geht, hallo sagst und ein wenig miteinander plauderst. Ich fragte neulich einen deutschen Freund, wie es seiner Familie geht. Er fragte: ‚Wieso?’ und ich sagte, ‚Um zu wissen, ob es ihnen gut geht.’ -‚Achso, ja’. Für uns ist das ganz normal. Es ist einfach eine andere Kultur. Daher müssen wir miteinander sprechen.“

Durch das mediale Interesse am Projekt bietet sich Bakary die Möglichkeit zum Dialog auf außergewöhnliche Weise. Denn damit, dass er in seiner neuen Bleibe regelmäßig interviewt werden würde, hatte er natürlich nicht gerechnet. Doch er begegnet dem Interesse sehr offen und sieht es als große Chance, den Diskurs über Flüchtlinge voranzubringen.

„Die Leute wissen kaum etwas über die Situation von Menschen wie mir. Je mehr Fragen du mir stellst, umso besser!“

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„Eine Win-win-Situation für beide Seiten“

Auf die Frage, was sich  seit seinem Einzug für ihn geändert hat, antwortet Bakary blitzschnell: „Ich sehe besser aus! Gepflegter und ein bisschen jünger“ und Jonas fügt schmunzelnd hinzu: „Weil du mit so einem jungen Kerl zusammenwohnst!“ Einen Ort zu haben, wo er abends schlafen und morgens aufstehen und frühstücken könne, das sei eine tolle Sache, so Bakary.

Jonas, der vergangenes Jahr mit einigen Zwischenmietern Vorlieb nehmen musste, freut sich über das harmonische Zusammenwohnen mit Bakary.

„Wir verbringen gerne Zeit miteinander und wohnen im Grunde wie Freunde zusammen. Ich weiß, dass dieses Aufeinanderprallen von Kulturen scheitern kann, aber ich glaube eben auch, dass es klappen kann. Und wenn das gelingt, bringt es für beide Seiten große Vorteile.“

„Die Menschen brauchen eine Chance auf Arbeit“

Ein sicherer Schlafplatz und ein Zuhause: das sind enorme Verbesserungen für Bakary. Doch er möchte gerne arbeiten, „um dann eine eigene Wohnung zu bekommen und ein ganz normales Leben zu führen“. Stattdessen lebt er in permanenter Angst, seinen legalen Status zu verlieren. Denn um eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, bräuchte er einen Arbeitsvertrag. Das bürokratische Prozedere ist kompliziert: „Nur wenn man eine Arbeit findet, die nachweislich kein Europäer machen kann, bekommt man vielleicht – je nach Dauer des Arbeitsvertrags- eine Aufenthaltsgenehmigung für diese Zeit“, erklärt er. Daher leben viele Menschen seit Jahren ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin.

Während des ganzen Gesprächs strahlt Bakary eine tiefe Ruhe und Zuversicht aus. Aus seinen Worten spricht weder Bitterkeit noch Verzweiflung, sondern Mut und ein starker Wille. „Die Vergangenheit ist vorbei, ich muss weitergehen. Ich möchte auch zeigen, dass es mir hier und jetzt gut geht und Leuten offen im Alltag begegnen.“ Doch seine Antwort auf die Frage, ob er findet, man habe ihm die Chance gegeben, sich hier ein Leben aufzubauen, lässt eine tiefe Resignation erahnen:

„Man hat mir keine Chance gegeben, denn ohne dieses Papier kann ich hier nicht leben. Essen und Trinken und einen Schlafplatz zu haben, ist eine Sache. Aber die Menschen brauchen etwas, das sie tun können: Die Möglichkeit, mit ihren eigenen Händen Geld zu verdienen.“

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Geflüchteten Menschen einen warmen Empfang bereiten

Bakarys offenherzige Bereitschaft, Einblick in sein Leben zu gewähren, führt vor Augen, welchen enormen bürokratischen, sprachlichen und kulturellen Hürden Menschen in seiner Situation gegenüberstehen. Dass er angesichts der zwischenmenschlichen Zurückweisung, der desolaten Jobsituation und der ständigen Angst vor einer Ausweisung an seinem Optimismus festhält, ist beeindruckend und bewegend.

Diese WG-Begegnung verdeutlicht das Potenzial jedes Einzelnen, gesellschaftliche Missstände aktiv zu verändern. Flüchtlinge Willkommen führt vor Augen, wie Inklusion praktisch gelebt werden kann. Auf diese Weise wird die Courage aller Beteiligten zu einem machtvollen Zeichen an Politik und Betroffene:

„Gemeinsam mit den vielen anderen sozialen Initiativen für Flüchtlinge zeigen wir, dass das Volk nicht zufrieden ist. Das gibt den Refugees auch großen Rückhalt.“

Flüchtlinge Willkommen entwaffnet Kritiker durch ein einfaches, direktes Konzept und fordert zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit der Situation vor der Haustür auf. Und erfreulicherweise öffnen immer mehr Leute diese für einen geflüchteten Menschen.

Wer mehr über die Initiative erfahren will oder selbst aktiv werden möchte, findet hier alle Infos.

Fotos: Jule Müller.

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