Flashback – alles in mir will alles, aber keine Freundschaft

Es ist der 3. Oktober und jeder (zumindest in Deutschland) weiß, dass dieser Tag die Vereinigung zweier Teile zelebriert. Ironischerweise habe ich mich entschieden, gerade heute eine Mauer zwischen uns beide zu ziehen, unsere Leben und uns beide voneinander zu trennen. Zum Glück kleben unsere Leben nur ein bisschen aneinander und nicht ineinander – die Wundfläche wäre größer und blutiger und das Auseinanderreißen viel schmerzhafter.

Ich stehe zum unendlichsten Mal vor Deiner Tür und meine Augen huschen über die vielen Klingelschilder. Ich kann mir einfach nicht merken, wo Deines ist – vielleicht will ich es auch nicht. Unter Deinem Namen steht nämlich immer noch ihrer. Der Name der Frau, die so lange in Deinem Leben war und auf die ich, ohne sie zu kennen, unfassbar wütend bin.

Wütend, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr alles auseinanderfällt, wenn jemand den gemeinsamen Lebensplan ohne Vorankündigung und ohne Diskussion vom Tisch fegt. Wütend, weil ich glaube, dass Du mich wegen ihr nicht an Dich heranlässt. Wütend, weil ich ihr nie das Wasser reichen können werde. Deswegen. Und selbst wenn Du protestiertest, wenn Du beteuertest, wie sehr Du Dich selbst wieder zusammengesetzt hast, dass es an ihr nicht liege, ich würde nur stumm nicken. Deep inside we‘ve all shattered.

Ich drücke fest auf den Klingelknopf und warte. Oh Gott, wie oft habe ich das gemacht. Wie oft war ich ganz still, um den leisen Türsummer nicht zu überhören. Wie oft habe ich tief Luft geholt, bevor ich die Türe aufschob. Wie oft bin ich mit klopfendem Herzen und Vorfreude in allen Nervenenden die Stufen hochgesprungen. Wie oft standest Du da in der Tür, an den Rahmen gelehnt, schief grinsend.

Heute mache ich all das zum letzten Mal. Mit dem einzigen Unterschied, dass nichts klopft, nichts pocht, nichts sich freut, nichts mehr Dich erwartet, nichts mehr Dich brauchen will. Alles in mir ist ertaubt, selbst mein Blick ist stumm, nach unten gerichtet. Ich gestehe mir nichts an Empfindungen zu, es endete sonst in meinem persönlichen sofortigen 9/11 – in dem alles in sich einstürzte.

Alles in mir ist ertaubt, selbst mein Blick ist stumm, nach unten gerichtet.

Ich weiß nicht, ob Du meinen Blick deutest, vermutlich nicht. Sonst würdest Du nicht in vorwurfsvollem Ton sagen: „Hättest Du mal meine Nachricht gelesen und nicht geklingelt. Marie schläft.“ Für den Bruchteil einer Sekunde durchzuckt mich der Gedanke, dass Du nicht Hallo gesagt hast und das Gefühl eines schlechten Gewissens, doch beides verfliegt zu schnell, als dass ich es wahrnehme. Ob Deine Mitbewohnerin nun meinetwegen aufgewacht ist, könnte mir gerade egaler nicht sein. Dass Du mir nie wieder Hallo sagen wirst und es gerade noch gar nicht weißt, zerreißt mich dagegen jetzt schon.

Ich küsse Dich flüchtig, jedem normalen Mensch ist spätestens hier klar, dass etwas gewaltig nicht mehr stimmt. Ich schlüpfe an Dir vorbei in den Wohnungsflur und streife meine Leoparden-Ankle-Boots von den Füßen. „Zwischen mutig und nuttig ist ein schmaler Grat“, hast Du manchmal zu denen gesagt, böse gemeint war das nie. Das liebe ich an Dir, Deinen Humor.

Ohne mich umzudrehen oder auf Dich zu warten gehe ich den Flur entlang bis ins Wohnzimmer und lasse mich aufs Sofa fallen. Nach einigen Sekunden stehst Du in der Tür, ich kann Dich nicht ansehen. „Ich habe Tee gemacht, magst Du auch einen?“ Ich nicke, obwohl ich gar keinen verdammten Tee mag. Weil ich aber Angst habe, vom Sofa zu rutschen und weil ich mich an Dir inklusive heute nie wieder werde festhalten können, nehme ich den Tee und halte mich eben an dem fest. Du setzt Dich neben mich.

„Ich kann das nicht mehr. Das. Uns. Ich kann einfach nicht mehr und ich muss das beenden. Jetzt. Heute.“ Wow, Nina, ohne Vorrede direkt zum Punkt. Und super, keine sieben Sekunden im Gespräch und meine Augen stehen voll mit Tränen. „Oh. Okay.“ Ohne etwas weiter zu sagen, schenkst Du Dir einen Becher Tee ein. Du blickst nach unten. Es muss etwas mit Ingwer und Zitrone sein, es schmeckt wässrig und heiß, im Grunde nach nichts, aber es tut gut. Ein bisschen wie wir waren, heiß und nichts, aber wohltuend.

-Schnitt-

Mein Gefühl sagt mir, dass Dir in diesem Moment zum ersten Mal wirklich klar wird, wie sehr ich leide. Wie sehr ich die letzten Wochen gelitten habe. Du reibst Dir verstohlen eine Träne aus dem Auge. Das berührt mich, zumindest kurz, denn tatsächlich ist es die manifestierteste Geste, die ich in dreieinhalb Monaten erlebt habe, die zeigt, dass ich Dir nicht egal bin.

-Schnitt-

„Ich mag mein Leben so wie es ist“, sagst Du. Und mir wird plötzlich alles klar: „Und weißt Du, genau das ist der Unterschied: Ich hasse mein Leben so wie es gerade ist.“

-Schnitt-

Ich hätte Dir nicht schreiben sollen. Richtig. Du hättest mir nicht schreiben sollen. Und der eine Teil von mir vierteilt Dich innerlich dafür, dass Du auch weiterhin, vier Monate später, nur nach Deinen Impulsen, nach Deiner Egozentrik, nach primär Deinem Wohlergehen handelst und es Dir scheißegal ist, wie es einem anderen Menschen damit geht.

Wir hatten eine Vereinbarung, dass Du Dich nicht bei mir meldest, nicht wenn Du mich vermisst, nicht wenn Dir der Sex fehlt, nicht wenn Du betrunken bist, nicht wenn Dir langweilig ist. Sondern nur dann, wenn sich etwas fundamental bei Dir ändert, wenn Du mit mir zusammen sein willst, wenn Du wirklich Gefühle für mich hast.

Ich habe Dich darum gebeten, nicht weil ich Angst hatte, weich zu werden, umzufallen, freitagnachts zu Dir und in Dein Bett gelaufen zu kommen. So kopflos ich in manchem sein mag, hier wäre ich erstaunlich willensstark. Nein. Nur um mich vor der Hoffnung zu bewahren, die eine Nachricht von Dir bedeutet. Der Mensch wird vor allem von zwei Dingen angetrieben, von Angst und von Hoffnung. Aber was soll ich mit Hoffnung, die Hand in Hand mit Enttäuschung, Einschränkung und Zurückweisung kommt?

Der eine Teil also hasst Dich. Und der andere? Der liebt Dich immer noch. Denn ja, ich habe Dich geliebt. Anders kann ich mir dieses Drama nicht erklären. Dieser Teil ist also leider unendlich dankbar für Deine Nachricht, der freut sich, wenn Du mich mit Aufmerksamkeit bedenkst, der ist blind und taub und will nichts Rationales wissen.

your name is
the strongest
positive and negative
connotation in any language
it either lights me up or
leaves me aching for days

Ich denke jeden Tag an Dich, ich vermisse Dich jeden Tag. Ich drehe mich jeden Tag auf der Rolltreppe um, wenn ich aus der U-Bahn gestiegen bin und suche die Menschenmenge hinter mir ab. Suche nach Deinem Gesicht. Mein Herz ist immer noch bei Deinem, aber eigentlich bräuchte ich es hier mal wieder.

Und für all diese Gefühle hasse ich mich leider, ich schäme und ich ärgere mich.

Und für all diese Gefühle hasse ich mich leider, ich schäme und ich ärgere mich. Ich fühle mich erbärmlich und mag mir nicht ausmalen, für wie erbärmlich und lächerlich erst Du mich hältst. Sie hängt immer noch an mir, krass peinlich. Schwach. Nicht selbstbewusst, nicht stark, nicht attraktiv. Wie ein unglücklich verliebter Teenie, der leider noch keine Ahnung hat, wie das Leben läuft. This is how the world works: You gotta leave before you get left.

Ich versuche so sehr, mir Zeit zu geben, mit mir selbst gnädig und fürsorglich zu sein. Ich brauche so lange ich eben brauche. Und wenn es ein Jahr dauert, dauert es ein Jahr. Aber Nina, bist Du eigentlich bescheuert? Wie lange soll dieses Trauerspiel denn noch gehen? The worst battle is between what you know and what you feel.

-Schnitt-

Du wärst gerne mit mir befreundet, ich halte mein Gefühl dazu für paradoxe Perversion. Alles an mir und in mir will Dich sehen, Dich fest umarmen und wahrscheinlich Dich küssen. Deine Stimme wieder hören, die fünf Monate später langsam in meiner Erinnerung verblasst. Alles in mir will alles, aber keine Freundschaft. Ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig existieren. Zumindest im Moment nicht.

Nina wurde vor fast 26 Jahren in Mainz geboren, lebt aber mittlerweile in München. Dort macht sie hauptberuflich was mit Pharma und ist nebenberuflich latent genervt von Kindergeschrei. Unter den Sachen, die sie gerne kann und mag sind alle Arten Fremdwörter und Klugscheißertum, Sarkasmus und Blumenkränze im Haar. Leider verliebt sie sich immer viel zu schnell in meistens bindungsphobische Typen. Analysiert und verarbeitet wird das Ganze dann entweder bei Baileys auf Eis oder auf ihrem Blog.

Dieser Text erschien zuerst hier.

Headerfoto: Allef Vinicius via Unsplash! (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.) Danke dafür.

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