Fett oder was?

„Kann ich noch mehr Bilder von dir sehen?“, fragt er mich. Die insgesamt zehn Fotos bei Tinder und Facebook reichen wohl nicht. „Wollen wir uns nicht lieber einfach treffen?“, frage ich zurück. Dieses ewige Hin-und-her-Geschicke von Bildern finde ich immer albern. Also ob man sich mit jedem weiteren Bild noch ein bisschen mehr einreden könnte, den anderen heiß zu finden. Oder eben auch nicht.

Was soll‘s, ich schicke noch eins. Alles ganz brav, angezogen und lächelnd. „Okay, jetzt kann ich dich einordnen.“ Bitte was? Das war es also? Das letzte Bild, das gefehlt hat, um sich endlich für eine Schublade zu entscheiden? Ich versuche nicht gleich so genervt zu sein. Sachlich bleiben, nachfragen. „Was meinst du denn damit?“ Ob ich die Antwort hören will, weiß ich gerade nicht so genau. Alles weist darauf hin, dass ich mich gleich auf meine Tastatur übergeben muss.

„Ach, nee, das sage ich jetzt lieber nicht, aber ich finde dich echt super sympathisch und interessant!“

„Aber das elfte Foto hat dir bewiesen, dass ich nicht dein Typ bin? Das kannst du mir ruhig sagen. Lass uns das lieber klären, bevor wir uns treffen und ich irgendwas falsch interpretiere, okay?“

Er hat Angst mich zu kränken und checkt nicht, dass dieses Drumherumreden alles noch viel schlimmer macht. Ich fange an zu überlegen, was ihn an mir stören könnte. Ich vermute es schon. Es ist eigentlich immer das Gleiche. Aber jetzt will ich es von ihm hören. Erst damit anfangen und sich dann nicht trauen, Tacheles zu reden. Ganz groß.

„Nein, nein, ich finde dich echt hübsch und so. Hm, ja also, ich weiß jetzt auch nicht, wie ich das sagen soll. Jetzt komme ich mir dumm und oberflächlich vor und du willst mich bestimmt nicht mehr treffen, wenn ich das sage. Mist, ey. Ich hätte damit gar nicht anfangen sollen, sorry!“

Stimmt, finde ich auch. Aber ich sehe gar nicht ein, ihn aus dieser unangenehmen Situation raus zu lassen. Selbst schuld.

„Kann schon sein, aber jetzt will ich es auch einfach wissen, also sag schon!“ Ich merke, wie sich langsam eine kleine zornige Falte zwischen meinen Augen bildet.

„Najaaaa, also ich hab da so eine Vorliebe für schlanke Frauen. Ähm, und deinen Fotos nach zu urteilen bist du das eher nicht. Tut mir leid, das klingt schrecklich. Und jetzt willst du mich bestimmt nicht mehr treffen, oder?“ Wow und hallo Schublade.

Ich habe keine Lust mehr zu antworten, so lahm finde ich die Nachricht. Und da frage ich mich einmal mehr, was in dieser Gesellschaft eigentlich schief läuft? Wie kann es denn eigentlich sein, dass eine Frau, die 36/38/40 trägt, als nicht schlank kategorisiert wird? Ey, und manchmal trage ich sogar ne 42 oder ne 34, weil der Schnitt besser passt, weil die Kinderhände nicht perfekt genäht haben, weil die Größenangaben je nach Label und Land variieren und warum fragt mich eigentlich nie jemand nach meiner Schuhgröße?

Und nein, ich beiße mich da nicht an dem einen Kerlchen fest. So was passiert ständig und zwar nicht nur im Tindergame, wo diese Oberflächlichkeit vielleicht noch einen Ansatz an Daseinsberechtigung hat, weil die App darauf aufbaut und dazu ein Arschloch ist. Oder eben Menschen zu Arschlöchern macht.

Vielleich darf ich mich auch einfach nicht darüber aufregen, dass Menschen bei Tinder eben das perfekte Abbild ihrer, oft aus eigenen Unsicherheiten geborenen, sexuellen Fantasien suchen. Aber es ist trotzdem eine miese Art von Body Shaming für alle, die nicht in das Raster passen, und man es ihnen auch noch mitteilen muss.

Oder warum hat sich der Trend entwickelt, dass nur Männer immer schon ihre Größe angeben? Weil jeder unter 1,75m nicht männlich genug für das Beuteschema ist? Ach so, stimmt, der Mann muss immer groß und stark sein und die Frau zierlich und schwach. Und ihr wundert euch alle, warum ihr beziehungsunfähig seid?

Das passiert auch im Freundeskreis immer wieder. Ein ewiger Vergleich unter Frauen, wer eigentlich weniger wiegt. Wer schlanker ist. Wer mehr Sport macht. Wer weniger Cellulite hat.

Eine Freundin wollte mich mal mit einem ihrer Kumpels verkuppeln und schrieb mir irgendwann etwas geknickt: „Also eigentlich steht der eher auf so schlanke Modelfrauen, aber ich hab ihm von deinen anderen Vorzügen vorgeschwärmt!“ Na danke, geht’s noch?

Das Schlimme daran ist nicht, dass ich mich dadurch fett fühlen könnte, sondern dass mein Gegenüber denkt, dass ich mich damit schlecht fühle. Mir wird quasi von vorneherein unterstellt, dass ich mich selbst nicht als schlank definieren kann und ich mich damit unwohl fühlen muss! Man drängt mich in eine Ecke, in der ich das Gefühl habe, mich für mich, für meine Figur, rechtfertigen zu müssen und diese durch andere Vorzüge, wie Intellekt oder schöne Augen (da wird man auch nicht fett, die bleiben halt schön) wett machen muss. Und das ist eine Grausamkeit, derer sich Menschen einfach nicht bewusst sind.

Wenn ich jemanden nicht attraktiv finde, aus welchem Grund auch immer, und nicht daten möchte, reicht es ja, das freundlich zu formulieren. Wenn ich jemanden noch nicht kenne, sollte das erst recht eine Grundregel im zwischenmenschlichen Umgang miteinander sein.

Das sind genau die Menschen, die mir unterstellen werden, dass ich diesen Text schreibe, weil ich mich heimlich doch zu fett fühle. Ich könnte jetzt auch anfangen laut zu erzählen, wie sehr ich mich mag und aufzählen, was ich wie oft esse und wie oft ich Sport mache. Mache ich aber nicht, genauso wie ich niemals damit anfangen werde, die Kalorien in meinem Essen zu zählen. Oder Diäten zu machen. Weil es mir verdammt noch mal scheiß egal ist, denn ich habe das Problem mit meinem Körper nicht. Ihr habt es. Und das sollte euch zu denken geben. Nicht mir.

Nina Wagners aktuelles Buch „Fucking good: Von Tinder, Online-Dates und wilden Nächten“ gibt es hier.

Headerfoto: Rya Pie via Creative Commons Lizenz!

10 Comments

  • Bunte Seele sagt:

    Sehr gut beschrieben und geschrieben. Und du hast es auf den Punkt getroffen.

  • soulero sagt:

    Eine App macht Menschen nicht gleich direkt zu Arschlöchern, aber diese Art der Konditionierung und Manipulation hat auch Folgen. Gepusht wird das dann auch durch das Kleidungsangebot. Wenn es die sexy Sachen nicht in der passendes Größe gibt, fühlt man sich schlecht.
    Als Mann kann man das gelassener sehen, aber bis ich das mehrmals von Frauen direkt gesagt bekommen haben, dass sie es sehr anziehend finden, dass ich nicht so ein „Spargeltarzahn“ bin, nagte es doch schon ein wenig an mir.

    Bzgl. Ganzkörperfotos ist es aber auch so, dass ich viele Hinter Mini-Bildausschnitten verstecken und super gekonnt in die Kamera lächeln. Der Menschen, der einem dann beim Date gegenüber tritt, ist dann manchmal mit Mühe diesen Fotos zuzuordnen.
    Wem hilft das? Ein enttäuschtes Gesicht des Mannes wird wohl keine Frau schön finden.

    Grundsätzlich sollte da schon WYSIWYG gelten. natürlich wird man seinen Bereiche mit „Optimierungspotential“ nicht betonen, aber wenn eine Frau nur auf Männer mit vollem Haar steht, wird der „abgeschnittene Kopf“ da auch nur temporär helfen 😉

  • Gast sagt:

    Hm, „body shaming“ kannte ich noch nicht als Wort. Keine Sorge, das gibt es auch andersrum, also hier so gemeint – von Frauen gegenüber Männern. Wobei Frau dann meist nicht ausspricht, was ist, sondern man das anders erfährt bzw. simpel erlebt, dass man durch`s Raster fällt. (hier würde es zu lang, den Rest zu diesem Aspekt lasse ich mal weg)

    Ich fand allerdings auch, offenbar fehlte ihm die Vorstellung, wie Du „ganz“ in etwa aussiehst, das hätte er schnell gesehen, hättet ihr euch im real life kennengelernt – also, da wäre es kaum Thema geworden.
    Ich kenne es, dass man sich da schon mal beleidigt oder indirekt angegriffen fühlt oder defizitär. Ich selber hatte auch schon eine Situation, die ich gar nicht beabsichtigt hatte (und ich hatte der betreffenden Frau nichts negatives über ihre Figur gesagt, es war einfach nur ein Bildertausch usw., es ging nur um`s miteinander schreiben). Mir war es dennoch bewusst und seitdem möchte ich meist nicht Bilder „sehen“ oder zeigen. Ich fand es auch schade so, sie zog sich nämlich ohne Worte später zurück. (Lasse hier auch mal einen Rest weg). Übelgenommen habe ich`s ihr dennoch nicht. Wie schreib ich`s, ohne es zu schreiben? Schwierig – also kurz, sexuell und beziehungsmässig spielte die Figur praktisch gar nicht die Hauptrolle. Kennt man sich allerdings noch gar nicht, ist das etwas anders – zu den Zeiten, wo ich sexuell Lust hätte oder dafür zumindest offen bin -aber ich denk auch nicht ständig an Sex.

    Das Thema kann ich verstehen, bei dem Beispiel wird mir auch klar, es muss nicht so laufen, nun war Attraktivität zwischen euch allerdings offenbar von vornherein ein wichtiger Punkt – und da hat, leider oder nicht, jede/r eigene Wichtigkeiten. Vor allem so „von ferne“. Die können sich im Lauf des Lebens auch ändern. Stimmt allerdings auch, dass die Überreizung (vor allem die aus geschäftlichen Gründen) die eigenen Vorstellungen heute extrem prägt.

    Da hattest Du eben vermutlich ein Bild auch vermieden, das Dich in ganzer Grösse bzw im Profil zeigt; dies brachte ihn auf seine Nachfrage nach einem solchen Bild. Und dann war es euch beiden peinlich.

    Aber- keine Frage – auch ich kann mich über Frauen manchmal ganz schön aufregen. Soll aber meist keiner mitbekommen, da es kaum was ändert und an sich mein Bier oder mein Problem ist. Zumindest drüber diskutieren kann man gut, wenn es dahin passt, und wenn die Runde gut ist, wird das auch interessant. Ansonsten könnte man unbeabsichtigt verletzen, ohne das zu bezwecken. Wär zu interessant, mal zu wissen, was uns die Biologie denn wirklich „vorgibt“ und was nicht. Ich bezweifle, dass wir je auf alles Antworten finden.
    MfG

  • Julius sagt:

    ich stimme Daniel in zwei Punkten nicht zu:
    1. Es gibt die Möglichkeit, dass Arschlöcher durch bestimmte Einflüsse entstehen können.
    Ein solcher Einfluss kann z.B. sein, dass man – vielleicht im Gegensatz zu früher – die Auswahl zwischen mehreren Frauen hat (etwa bei Tinder, wenn man mehrere Matches hat) und dann merkt, dass man – anders als erwartet – gut bei Frauen ankommt. Durch eine (vermeintliche) Bestätigung/Anerkennung entsteht ein Selbstbewusstsein, was in einem gewissen Masse gut sein kann, aber sich auch negativ entwickeln kann, wenn es zu viel wird und merkt (bzw. meint), dass man Frauen nicht mehr gut behandeln müsste…

    2. Die Menschheit ist scheiße
    Hier würde ich trotz aller vorhandenen, vergangenen und kommenden unzähligen Beweise widersprechen. Dabei handelt es sich um eine eigene Sichtweise auf die Welt und muss nicht weiter hier diskutiert werden

    3. Zu dem Artikel
    sehr sympathisch und humorvoll beschrieben und dadurch Sinn und Zweck (=> Lust auf mehr) erfüllt, so dass man sich dein Buch zumindest mal angucken sollte

    4. Zum Inhalt
    Ich weiß nicht und werde es auch nicht wissen (ist auch ohne Belang), wie sehr das Beschriebene auf Deine Person zutrifft. Ich habe auf jeden Fall die ein oder andere Sache gelernt, weil ich noch nicht auf diese Weise gedacht habe, und deswegen gefällt mir der Inhalt!

  • Nils sagt:

    Grundsätzlich gebe ich erstmal Daniel recht: Ja, Menschen sind eben oberflächlich. Jeder. Denn auch du wirst bei Tinder ja sicherlich einen Großteil der Männer direkt wegklicken oder -wischen. Sei es nun wegen Übergewicht, schlechten Zähnen, zu wenig Haaren oder was weiß ich. Einfach, weil er Dich optisch nicht anspricht. Ich mein: Du bist gelegentlich gerne Selektorin bei Clubs? Das ist doch auch nicht gerade ein Job, bei dem nicht um Oberflächlichkeit geht, oder?

    Gut, anscheinend geht es Dir in diesem Artikel auch nicht darum, dass Person X dich aus Gründen der in unserer Gesellschaft propagierten Schönheitsideale nicht heiß genug findet, also weniger um die Oberflächlichkeit an sich, sondern darum, wie dies kommuniziert werden sollte. Nur kritisierst du einerseits deinen Tinder-Kontakt dafür, dass er um den heißen Brei herumredet und nicht gleich sagt, dass er dich nicht schlank genug findet, wenn Deine Freundin aber dann direkt ist und sagt „Also eigentlich steht der eher auf so schlanke Modelfrauen, aber ich hab ihm von deinen anderen Vorzügen vorgeschwärmt!“, ist Dir das auch nicht recht.

    Daher frage ich mich, was Du mit diesem Beitrag nun eigentlich genau forderst? Was hätte der Tinder-Kontakt denn machen sollen? Und nein, „nicht oberflächlich“ sein zählt nicht als Antwort 😉

  • anna sagt:

    Ich stimme Daniel zu.

  • Jean sagt:

    Amen!!! Danke für deine Worte! So schaut es nämlich aus 😉

  • Daniel sagt:

    Ich glaube nicht, dass eine App Menschen zu Arschlöchern macht.
    Genauso wenig, wie die Möglichkeit anonym Kommentare zu verfassen die Menschen zu Arschlöchern macht. Arschlöcher sind einfach Arschlöcher, mit oder ohne technische Unterstützung.
    Wenn der Typ dich allerdings nicht heiß findet, dann macht ihn das nicht zum Arschloch.
    All die Frauen und Mädchen die mich bislang nicht anziehend fanden, sei es wegen der Glatze, dem mangelhaften beruflichen Erfolg, oder weil ich nicht den Men’sHealth-Vorschriften dafür wie ein Mann sich gefälligst zu kleiden hat, oder wie definiert sein Sixpack sein muss entspreche, sind deshalb auch keine Arschlöcher.
    Das Problem, dass viele Menschen sich nicht auf einen Partner einlassen können, weil sie Angst haben einen besseren, bzw. den „richtigen“ zu verpassen ist älter als Tinder und Facebook. Ich glaube die meisten von uns, besonders jene, die aktiv jemanden suchen, ob im Netz oder über andere Hilfsmittel (Zum Beispiel diese fantastischen Videos aus den 80ern), kennen das Gefühl, diesen Moment, wenn der Mensch der so viel tolles hat doch irgendwie nicht richtig zu sein scheint und man sich sorgen macht in eine Beziehung zu steuern in der man irgendwann doch zu unglücklich wird um über die kleinen Makel hinwegzusehen. Diese kleinen Makel allerdings darf man auch nicht als objektiv verstehen. Sie werden immer nur vom Betrachter empfunden. Wenn der Knülch dich nicht schlank genug findet, dann bedeutet das nicht, dass du nicht schlank genug bist, sondern dass er das so empfindet.
    Er sucht etwas, was du nicht bist. Das ist weder deine, noch seine Schuld.
    Deinem Text nach scheint er das auch in einer Weise formuliert zu haben, die das Problem auf ihn selbst bezieht. Er nennt dich sympathisch, interessant und hübsch und verurteilt seine eigenen Gefühle als schrecklich.
    Ja, die Menschheit ist scheiße. Ja, die Gesellschaft ist völlig entgleist durch Schönheitsideale die von gierigen Konzernen kreiert wurden um uns allen permanent einzutrichtern wir müssten Geld für Fitnessstudios, Kosmetika und Klamotten ausgeben.
    Aber wenn du andere Opfer dieser ganzen Scheiße für ihre Gefühle verurteilst, an den Pranger stellst und öffentlich als Arschlöcher beschimpfst, machst du die Sache nicht besser.

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