Festhalten zwecklos

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als wir uns das erste Mal trafen. Es war einer der letzten schönen und sonnigen Tage in Hamburg. Mitte September und die Menschen liefen trotzdem mit kurzen T-Shirts und irgendwie seltsam beschwingt um die Alster. Und das obwohl Sonntag war.

Wir saßen bei einem Kaffee in der warmen Herbstsonne und du erzähltest mir von dir. Ich weiß noch, wie ansteckend dein Lächeln war und wie ich jedes Wort von dir aufgesog. Du hattest so eine Art an dir, mit der du jeden sofort fesseln konntest – ohne eine Chance, deinen Worten entkommen zu können.

Ebenso hatte ich bei dir das erste Mal das Gefühl, jemand würde mir wirklich zuhören. Du hast mir Fragen gestellt, die über diesen meist seltsamen und – in meinen Augen – lästigen Smalltalk hinausgingen. Das gefiel mir. Und selbst jetzt vermisse ich deine kritischen und zum Grübeln anregenden Fragen.

Als es später wurde, verabschiedeten wir uns in dem Wissen, du würdest am nächsten Tag in deine 580 Kilometer entfernte Heimatstadt zurückkehren. Mit einem Grinsen im Gesicht und dem dringenden Wunsch, dich so schnell wie möglich wiederzusehen, ging ich nach Hause.

Danach folgten Wochen, in denen wir versuchten, an jenes Gespräch anzuknüpfen und den Kontakt aufrecht zu erhalten. Trotz der großen Entfernung.

Immer wenn wir uns trafen, war alles so perfekt. So furchtbar kitschig, dass es beinahe nicht zu ertragen war. Dafür waren die Abschiede umso schlimmer. Ich brauchte jedes Mal mehrere Tage, um wieder in meinen Alltag zurückzukehren und die ständigen Gedanken an dich zu vertreiben. Ich hatte es nie für möglich gehalten, so eine Sehnsucht nach einem Menschen entwickeln zu können.

Manchmal war ich furchtbar traurig, dass uns diese Entfernung trennte. Manchmal einfach nur wütend. Wenn es mir schlecht ging, konntest du nicht mal eben vorbeikommen. Jeden Sonntagabend, wenn ich dieses Morgen-ist-Montag-Gefühl nicht loswurde, wünschte ich mir so sehr, du würdest neben mir liegen, mit meinen Haaren spielen und irgendwann unbekümmert einschlafen – den Arm um mich gelegt.

Die gewechselten Sätze wurden weniger und der Abstand zwischen dem Geschriebenen größer. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Noch nicht. Doch in mir wuchs immer weiter dieser negative, störende Gedanke, ich müsse kapitulieren. Es hatte doch sowieso keinen Sinn auf diese Entfernung. Und das würde sich in den nächsten Jahren leider auch nicht ändern, da wir beide an unseren Wohnort gebunden waren.

Wenn wir uns schrieben, waren wir uns so seltsam nah, konnten uns alles erzählen, vertrauten uns unsere größten Geheimnisse an und nahmen intensiv am Leben des anderen teil – ohne selbst vor Ort zu sein. Jedes Mal wieder hast du die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen geweckt und somit meine aufkommenden Zweifel im Keim erstickt. Auch wenn ich im Hinterkopf wusste, dass diese Beziehung mir nicht gut tun würde.

Du warst großartig darin, mir immer dann zu schreiben, wenn ich das Thema bereits abgeschlossen hatte. Der sehnsüchtige Blick aufs Handy, ob eine neue Nachricht gekommen war von dir. Und dann die bittere Erkenntnis, dass unser Chat doch immer weiter nach unten rutschte.

Nach einer einmonatigen Funkstille – die bisher längste (und furchtbarste) wunderte ich mich, dass du auf einmal kein Profilbild mehr bei WhatsApp hattest. Ich ärgerte mich selbst darüber, wie lächerlich es war, sich über diesen banalen Fakt weiterhin Gedanken zu machen. Und trotzdem verunsicherte es mich.

Ich kann nicht sagen warum, aber irgendwas hinderte mich daran, dir zu schreiben. Ich wartete. Stunden. Tage. Wochen. Ein weiterer Monat war vergangen ohne ein Lebenszeichen von dir. Ich hielt es nicht mehr aus und erkundigte mich mit einer knappen Nachricht nach deinem Wohlbefinden. Und wieder wartete ich.

Es gibt für mich kaum etwas Schlimmeres als diese Ungewissheit. Wissen manche Menschen denn gar nicht, was sie für eine Macht über einen haben? Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Zeit als Sechzehnjährige, als ich gebannt auf die nächste SMS von seinem Schwarm wartete.

Doch in diesem Fall blieb mein Display schwarz. Ich schrieb erneut. Und wieder kam keine Meldung. Die Erkenntnis wog schwer, ließ sich aber nicht verscheuchen. Die Wochen verstrichen und mit jedem weiteren Tag begann ich das zu tun, was ich mir selbst verboten hatte: zu kapitulieren.

Ich hörte nie wieder etwas von dir.

Lauri ist frisch vom Dreitausend-Seelen-Dorf in die Großstadt gezogen, durchlebt nun all das, was man vermeintlich in den Zwanzigern erleben sollte (oder auch nicht): Herzschmerz, neue und alte Freundschaften und der tägliche Kampf mit sich selbst. Die Anonymität hier ist rein aus Schutz vor möglichen Sexanfragen und der Angst, mit der täglich eintrudelnden Fanpost nicht mehr zurecht kommen zu können, gewählt.

Headerfoto: Leo Rey via Creative-Commons-Lizenz 2.0! Danke dafür. (Gedankenspiel-Button hinzugefügt.)

2 Comments

  • Gesa sagt:

    „Grausam“? Langweilig! Und offensichtlich 0 Eier in der Hose…Junge, Du hast 2 Beine und 1 Willen. Warum fährst Du nicht zu ihr? Warum setzt Du Dich nicht in Bewegung und riskierst was für die Person, die es geschafft hat, Dich zu bewegen? Stattdessen schreibst Du über Deinen Herzschmerz und im Präterium, weil es schön klingt nach Film ohne Happy End. Nach Hollywood-Dramen wie Jenseits von Afrika („Sie kehrte nie wieder nach Afrika zurück.“) oder Legenden der Leidenschaft („Es war ein guter Tod.“). Ihr habt ein paar Mal gewhatsapped und dann ist Zeit dazwischen gekommen und das Leben. Und Du kriegst das kleine Fragen auf Deinem Sofa, aber eben nicht das große und das ist dann auch schon das Ende? Buh! Zieh Dir die Schuhe an und steig in den Zug zu ihr oder leg Kuschelrock ein und geh schlafen. Aber bitte nicht sowas. Über Liebe schreiben sollte nur der, der wirklich was riskiert hat. 1 x wenigstens.

  • Anja sagt:

    Grausam!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.