Falls du mich suchen solltest: Ich bin mich betrinken.

Ich komme herein, draußen ist es saukalt. Hallo zusammen, was läuft? Alles ok, wie immer eigentlich. Sprüche klopfen liegt mir. Hauptsache nicht sagen müssen, was wirklich bewegt.
Am Tresen fühle ich mich heute zu Hause, mehr zu Hause als, naja, zu Hause. Da hallt irgendwas nach. Ich müsste aufräumen. Aber nach gestern will ich erstmal keine Gläser spülen. Sollen die Jungs hinterm Tresen übernehmen.

Ich sitze hier allein
und ritze mit der Unterseite des Feuerzeugs
deinen Namen in die Tischplatte ein …

Nein, halt! Das wollten wir ja draußen lassen, ne? Diese ganze Selbstmitleids-Tour. Das kann nicht jedes Mal die Lösung sein. Will auch mal ein wenig lernen aus dem ganzen Scheiß. Auch mal ein wenig vorankommen mit den eigentlichen Fragen. Einfach mal Sachen anders machen. Aus Gründen. Aus Scheiß. Und das Radio läuft.

Und du bist 21, 22, 23,
und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst …

Das passt ja jetzt. Ich sage mir auch immer, das liegt alles nicht an dir, und bestell‘ mir noch ein Bier. Alleine trinken ist schön. Ich bin ein Nachtschattengewächs, da geht so was.
Mann ey, du hast in mir so viele Punkte angestoßen. Gut, dass der Zettel und der …  Scheiße, kein Stift, sorry. Hast du zufällig ‘nen Stift? Ah, super, danke. … und der Stift dabei sind. So kann ich mal schön alles ordnen. Du tust mir so gut und doch alles andere als das. Wie jetzt, also zwei Spalten oder was? Immer alles zerrissen, ey.
Na, Vorsicht. Kein Weltschmerz hier. Immer schön nur die Liebe reinlassen.

Im Radio läuft Rio Reiser,
ich singe nicht mit und werde doch heiser …

Oh Mann, diese Gedichtanfälle. Kann das kaum aufhalten. Passt zu dem, was ich auf keinen Fall zulassen will. Aber mir ist nicht egal, wie gut du mich kennst. Gott, wie das klingt.
Sorry, kann ich noch ein Bier haben? Danke.
Ich bin ganz bei mir. Aber wie soll sich das auch anders anfühlen, wenn Gott einem im hohen Bogen ans Bein pinkelt? Pathos war immer eine heimliche Leidenschaft von mir, nachts, wenn alles schläft. Noch schläft hier niemand.

Ich kann nichts dafür, die Musik ist schuld,
so wie dich treibt auch mich die Ungeduld …

Ok, ich gebe es auf. Aber den Schmerz lassen wir draußen. Es ist doch ganz normal, dass man sich solche Fragen stellt. In meinem Alter. Mit meiner Geschichte. Meinen Besonderheiten. Meinen Macken. Weiß man die zu schätzen? Weißt du sie zu schätzen? Wo wirst du heute schlafen?
Aber warte, das sollte mir egal sein. Wer braucht das schon? Der reife und charakterfeste Mensch wird sich freischwimmen.

Ich kann dich, wenn du willst,
gern ein Stück mitnehm‘,
und es geht los von jetzt auf gleich,
wenn du dich traust …

Ha, das passt ja schon wieder! Wer hat denn diese Trackliste bei dem Sender zusammengebaut? Is‘ das so eine Liste für alleinsitzende Trinker, oder was? Für so arme Willis, die sich hier allein einen reinstellen, weil sie glauben, sich selbst und vor allem die Welt als Ganzes verarschen zu können? Für so erbarmungswürdige Wichte, die glauben, sie sind schon groß, weil sie alleine saufen gehen, dabei sind sie einfach nur allein und wollen, wie alle anderen auch, gemocht werden, aber scheitern an ihren eigenen Ansprüchen?
Ich muss pissen.

Komm, lassen wir uns treiben,
und dadurch immer sorglos bleiben …

Ein Bier noch, bitte.
Das war knapp, eben. Der Hang zur Mimose lauert überall. Aber das sind doch gerade die Ansprüche, an denen sich die Realität immer wieder krachend bricht wie Wasser am Wellenbrecher. Ha, der ist gut, den muss ich mir merken, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Sollten wir uns wiedersehen. Ich finde, wir sollten. Und dann sagst du wieder, komm, treiben lassen, und ich sage, ok. Und dann sagst du, aber auf keinen Fall angespült werden. Siehst du, wieder so ein Anspruch. Mein Gott, muss das anstrengend sein.
Überall Widersprüche, in allem. Aber das muss ja nicht schlimm sein, oder?? Das muss ja überhaupt nicht schlimm sein!!!

Wenn‘s um uns geht, sind wir alle Egoisten …

Ich bleibe hoffnungsloser Pathet. Das Wort mag es geben oder auch nicht, is’ mir wumpe. Wobei, wumpe is‘ wahrscheinlich auch kein astrein genormtes Wort. Mein Kopf macht nicht mehr richtig mit.
Kann ich noch ein kleines Bier haben, bitte? Ja, und ein Wasser.
Oh Mann, Wasser trinken, am Tresen. Alleine saufen gehen, emanzipieren von all dem Scheiß, und dann Wasser. Uuuuund wieder so ein Anspruch. Scheiße Mann, ich bin echt voll davon. Du übrigens auch, ist mir neulich erst aufgefallen. Und du scheiterst auch in schöner Regelmäßigkeit an deiner Realität. Lass uns uns ruhig weiter gegenseitig stützen. Aber das geht nicht ewig gut. Ich weiß, ich hab schon viel zu lange geredet.

Immer da, wo du bist, bin ich nie …

Das hab ich ja auch lange nicht gehört. Passt auch schon wieder, wie es schon beim ersten Mal gepasst hat, als ich das gehört hab. Wiederholt sich doch alles irgendwie, und jedes Mal gleich brutal. Egal, heute lassen wir das Selbstmitleid mal draußen, war doch der Plan. Na denn. Lass uns mal drüber nachdenken, wie wir hier gemeinsam wieder rauskommen. Und wer zuerst deinen Namen sagt, verliert.
Ahh, scheiße, Finger verbrannt an der Zigarette. Gehört auch dazu heute. Heute gehört alles dazu.

Ich würde nie ernsthaft behaupten, du wärst die Einzige für mich,
denn wer das versucht zu sagen, lügt und macht sich lächerlich …

Alter Schwede, jetzt ist es schon so weit gekommen, dass man sich selbst zitiert. Letztes Bier, dann Heimweg, ganz klar. Aber passt halt trotzdem wie Arsch auf Eimer, wie mein Topf auf deinen Deckel, oder so ähnlich.
Ich habe Recht, ich bleibe bei mir selbst. Oder wie einst ein weiser Mensch sagte: Da wo ich bin, is‘ Wiese. Und da wo du bist, is‘ auch Wiese. Zusammen Wiese erleben, du wirst schon sehen!
So, jetzt gehe ich, bevor noch was zerbricht. Halt die Möbel gut fest, wenn ich das nächste Mal bei dir bin. Eine Scheiße ist das! Und das sage ich ganz ohne Weltschmerz, denn der ist mir ab jetzt fremd, das ist mein neuer Anspruch. Und mit Ansprüchen kann ich sowieso ganz wunderbar. Und wenn ich‘s nicht packe, setze ich mich einfach mal wieder an den Tresen. Da kann man gut nachdenken, kommt voran und so.

Gute Nacht, Mädchen.

Gottfried ist eigentlich examinierter Lehramtsstudent. Aber er fürchtet, in der modernen Pädagogik nicht genug zum Reden zu kommen. Deswegen glaubt er, im Radio besser aufgehoben zu sein. Na denn. Mehr gibt es bei Soundcloud.

Headerfoto: Orly V. (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons License 2.0!

imgegenteil_Gottfried

2 Comments

  • Laura sagt:

    ich finde den Text wirklich toll – toll geschrieben ! Erinnert mich an den Dialog, den ich auch oft selbst mit mir führe 🙂

  • Bine sagt:

    Hm. Manchmal denke ich hier bei diesen Texten so… Schon wieder so einer (Text) und mein Gott, kommt doch mal alle klar mit eurem Leben und dann denke ich wieder ja scheiße, ich weiß genau, was er/sie meint.
    Was is bloß los mit uns?

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