Es ist nur manchmal schön – mein Freund, die Drogen und ich

Endlich, unendlich. Bleib hier, lass mich, geh, lass mich nicht gehen.

Erstes Date, schockverliebt. Wirklich wahr. Ich will den. Völligst mein Typ, Grafiker, interessant, technoaffin, zu hübsch, weiß aber nichts von seiner eigenen Sexyness, schüchtern. Lieb. Dass wir nach ein paar Stunden zusammen auf Toilette verschwanden, um Drogen zu nehmen, na ja, das steht auf einem anderen Blatt. Ist aber nicht zu leugnen.

Am Ende des Abends war es schon der nächste Mittag und wir verabredeten uns für den folgenden Abend. Er wollte mich (noch) nicht gleich mit nach Hause nehmen, nicht gleich verführen, das würde dem Ganzen den Glanz nehmen. Süß? Oder?

Lieber drauf als drunter, „haha“, tausend Nachrichten, Sprachnachrichten, Museumsbesuche, Sexshopbestellungen, Restaurantgekuschel, 1000 und eine Zigarette am Küchenfenster.

Es folgte so was wie Liebeskonzentrat. Sirupartig kondensiert erlebte ich diese Verliebtheit, extrem intensiv, extrem schön, immer wieder auch extrem traurig. Lieber drauf als drunter, „haha“, tausend Nachrichten, Sprachnachrichten, Museumsbesuche, Sexshopbestellungen, Restaurantgekuschel, 1000 und eine Zigarette am Küchenfenster.

Glück, er ist mein ganzes Glück. Und trotzdem war ich noch nie so unausgeglichen und unglücklich. Gleichzeitig. Ob das was mit seinem, meinem, unserem Konsum zu tun hatte? – Ja. Ganz sicher. Es haben sich Problemfelder ergeben, holla die Waldfee. Ich überlege, ob es anderen Pärchen auch so geht. Wenn er verklatscht vom Feiern wiederkam, ich ihn einfach nicht mehr wiedererkannte.

Ich kann nicht zu dir kommen, ich kann nicht raus, ich kann nicht unter Menschen.“ Runterkommen. Toll. Trotzdem, aus Verliebtheit wurde Liebe.

„Bitte nimm nicht so viel, bitte. Bitte bleib hier.“ Türengeknalle, iPhones-gegen-die-Wand-Geballere.

Immer wieder, immer öfter, auch mal weniger habe ich geweint. „Bitte nimm nicht so viel, bitte. Bitte bleib hier.“ Türengeknalle, iPhones-gegen-die-Wand-Geballere, ich bin nicht mehr ans Telefon gegangen. Für eine Stunde vielleicht. Es tat ihm leid, mir auch, heftiges Vertragen, Liebesgeständnisse, unbeholfen, alles, was ich wollte. Ambivalenz deluxe.

Und Angst. Um sämtliche wichtigen Angelegenheiten kümmerte ich mich nun – die meistens Unverklatschte. Das machte mich wütend, ich wurde manchmal sehr ungerecht. Konnte mich nicht auf ihn verlassen, fühlte mich ausgenutzt. Dann schauten mich zwei schwarze Äuglein an und versprachen mir: „Ich mach nicht mehr so viel. Du bist alles, was ich habe.“

Plenty of everything. Meine Vorstellung von Berlin, von Freiheit, von Cool-Sein vielleicht auch. Das Stuckrad-Barre-Life.

Da zerschmolz mein weiches Herz natürlich. Dann kam ein neues, hippes, gemeinsames so-called „Projekt“, ich verliebte mich ganz neu in ihn. Dazwischen immer wieder viel Gefeiere, viel Liebe, viel Stress, viel Sex, viele Pläne. Plenty of everything. Meine Vorstellung von Berlin, von Freiheit, von Cool-Sein vielleicht auch. Das Stuckrad-Barre-Life.

Ich habe ihm Essen gekocht, seine schwarzen neuen Jeans gewaschen (weil er so dünn geworden ist), die Nase geheilt. Geld geliehen. Alles. Versucht. Und jetzt liege ich im Bett und die Tränchen laufen nur so hinweg. Ich würde sie mir gerne sparen, aber so schlafe ich schneller. Bin erschöpfter.

Wenn ich ehrlich mit jemanden darüber sprechen wollen würde, müsste ich auch meinen eigenen Konsum thematisieren. Das will ich nicht. Mir gefällt das Bild, das andere von uns haben.

Ich kann nicht weg, bin gefangen. Liebe diesen Menschen und habe Angst, ihn zu verlieren, weil alles so zerbrechlich scheint. Wenn ich ehrlich mit jemandem darüber sprechen wollen würde, müsste ich auch meinen eigenen Konsum thematisieren. Das will ich nicht. Mir gefällt das Bild, das andere von uns haben. „Ihr seid so Zucker.“ Ja, das sind wir.

Ich will nicht reden. Ich will alles schön haben. Aber es ist nicht schön, es ist nur manchmal schön.

Anastasia Hofmann studiert irgendwas mit Medien und Statistik an der Uni Leipzig und zählt zu den verlorenen Mittzwanzigern; ist ungeduldig, gerne berauscht, auch mal schwermütig und rast von hier nach dort. Ab und zu kann man montags bei mephisto 97.6 eines ihrer Kurzhörspiele im Radio hören.

Headerfoto: Parham Mortazavian via Creative Commons Lizenz 2.0! („Gedankenspiel“-Button hinzugefügt, Bild gecroppt.) Danke dafür!
Autorenfoto: David Szubotics.
 

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