Es ist nicht leicht, kein Stalker zu sein

Willkommen bei Facebook. Der Ort, an dem Beziehungen perfekt sind, deine Katze ein eigenes Profil hat und Menschen, die dich nicht mögen, häufiger deine Seite besuchen als deine Freunde. Der Ort, an dem dich deine Schwester blockt und du die Urlaubsfotos deines Exfreundes schneller siehst als seine Mutter. Facebook macht es möglich. Oder?

Facebook und mich verbindet eine langjährige Partnerschaft. Gegenseitige Antipathie ist das Gleitmittel unserer Beziehung. Trotzdem trage ich mich tagtäglich mit dem Gedanken umher, unser Arrangement zu beenden, jedoch verlässt mich letztendlich immer der Mut. „Was wirst du alles verpassen?“, spricht das schielende Teufelchen auf meiner Schulter und lispelt weiter: „Bedenke doch die ganzen Partys, die ohne dich stattfinden würden!“

Bing, macht es nah am rechten Ohr: „Diese Ruhe … herrlich. Wie viel Zeit du für besseres verwenden könntest, wie viele Stunden du dich nicht grämen müsstest!“, raunt das Engelchen. Ich klappe den Bildschirm zu und lege mich flach auf den Boden.

Der Liebreiz des besagten Mediums besteht für mich aus mehreren Faktoren.

  • Es ist schön, Emojis an Freunde in Amerika schicken zu können.
  • Es ist schön, auf die 187. Pop-Up-Store-Eröffnung eingeladen zu werden.
  • Es ist schön, sich stundenlang eine Statusnachricht ausdenken zu können.
  • Und es ist auch schön, sie nach vier Minuten wieder hektisch zu löschen, weil einem einfällt, dass jetzt auch der Papa bei Facebook ist.

„In einer Beziehung seit …“

Seit 2008 bin ich nun schon in dieser Beziehung gefangen – bestehend aus Hassliebe und ohne jegliche sexuellen Gefälligkeiten. Obwohl ich mir an dunklen Sonntagnachmittagen oft denke: „Facebook … Lass uns mal getrennte Wege gehen“, fällt mir die bevorstehende Trennung beim Herunterscrollen meiner Timeline schwer. Oben ploppt mir eine neue Nachricht ins Auge. Ein amerikanischer Soldat braucht Geld, um sich das Ticket aus Afrika nach Hause leisten zu können. Ich wäre seine Rettung, sagt er. Ich wäre auch wunderschön, sagt er. Ich fühle mich gebraucht. Ich fühle mich von Facebook und all den Soldaten, die ohne Kleingeld in der Tasche in Afrika sitzen, so gebraucht, dass ich an diesem Sonntag keinen weiteren Gedanken bezüglich der Abmeldung meines Kontos mehr fassen kann.

Es gibt aber auch die anderen Tage. Tage, an denen ich nicht versuche, das Leben amerikanischer Soldaten zu verändern oder Unmengen diverser Abendeinladungen Folge leiste, sondern die Exfreundin meines Freundes suche. Ich klicke mich dann durch all ihre Bilder und mache Screenshots, um sie meiner besten Freundin zu zeigen. Ich frage mich, ob jemand Screenshots von meinen Bildern macht und lege mich wieder auf den Boden.

Nur ein Mal gucken …

Es gibt auch Tage, an denen ich meinen Exfreund durch die Suchleiste jage.

  • Ich sehe ihn dann mit seinem neuen Auto.
  • Und mit seiner neuen Freundin.
  • Und mit seinem neuen Baby.
  • Am Strand.
  • Bei Sonnenuntergang.

Meist muss ich mich dann wieder auf den Boden legen.

An anderen Tagen bin ich stark. Ich suche dann keine alten Geister und irre Schreckschrauben, sondern verhalte mich wie ein braver User, indem ich hier und da ein paar Bilder like, ein (oder zwei bis vier) Katzen-Videos sehe und ein paar Affen-Emojis an die beste Freundin verschicke.

„Facebook … wir sollten uns trennen!“

Das Gefühl jedoch, dass Facebook langsam nichts mehr für mich sein könnte, dass ich aus diesem sozialen Netzwerkquatsch sogar rausgewachsen sein könnte, lässt mich nicht los. Die Suchleiste zwingt mich in unregelmäßig regelmäßigen Abständen dazu, wahllos Namen in die Tastatur zu hacken, nur um danach stundenlang Bilder durchzuklicken. Bilder, die mich nichts angehen. Bilder, die ich nicht sehen würde, wenn ich, statt den sonnigen Nachmittag vor dem Bildschirm zu verbringen, draußen Bäume fotografieren würde. Noch während mich das Gefühl überwältigt, dass es so weit sein und die Trennung jetzt vollzogen werden könnte, ploppt eine Nachricht auf. Man lädt mich zu einer weiteren Sonnenbrillenladeneröffnung ein. Auf dem Veranstaltungsfoto ist eine Katze, die eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und an einem Eis leckt. Wer kann solch einer Katze widerstehen?

Was wäre wenn?

Allerdings lösche ich regelmäßig meiner letzten Suchvorgänge aus der Suchleiste. Es gibt mir das Gefühl, ein normaler Facebook-Nutzer zu sein. Ich fühle mich besser, wenn mir beim Eintippen eines Namens nicht gleich das Gesicht eines Exfreundes entgegenspringt. Ich fühle mich mit dieser jungfräulichen Suchleiste nicht wie ein irrer Stalker.

Facebook gibt mir diese Möglichkeit, uns allen, um unsere Weste wieder reinzuwaschen. Ist Facebook, der Erfinder des Stalkings, hier schließlich doch auf unserer Seite? Nein. Facebooks Algorithmus spült mir die Seelen der gelöschten Namen trotzdem wieder in die Timeline. Facebook ist ein hinterlistiges Miststück mit dem Gedächtnis eines Elefanten. Das Rad in meinem Hirn fängt wieder an, sich zu drehen und ich lege mich zum Träumen auf den Boden. Wie würde mein Leben wohl ohne Facebook aussehen?

Als Berlinerin geboren, fühlte sich Marie schon seit jeher von Großstädten angezogen. Zunächst zog es sie nach Wien. Dort studierte sie Anthropologie, beantwortete hunderte Male die Frage danach, was das eigentlich sei und flüchtete 5 Jahre später nach Schottland. In Edinburgh widmet sie sich nun ihrem Blog www.teilzeitpoetin.de und behandelt dort in ihren Texten die großen und kleinen Themen einer Generation, die schon alles hat und trotzdem mehr will. Gibt es natürlich auch (noch) auf Facebook.

Headerfoto: Mike Monaghan (Gedankenspiel imprint added) via Creative Commons Lizenz 2.0!

imgegenteil_Teilzeitpoetin

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