Es geht nicht nur um Lakritze

Es geht nicht nur um Lakritze. Klar, ich muss jedes Mal, wenn ich mir so einen schwarzen Gummiknoten in den Mund stecke, an den Moment denken, als du mir gestanden hast, dass du Lakritze eigentlich doof findest. Weil du immer, wenn du eine Tüte vor dir liegen hast, so viele davon isst, dass dir danach der Bauch wehtut. Das war so ungefähr das Liebenswerteste, was ich einen Menschen je habe sagen hören. Und wäre es zu diesem Zeitpunkt nicht schon komplett um mich geschehen gewesen, ich hätte mich spätestens in diesem Augenblick Hals über Kopf in dich verknallt.

Aber es ist nicht nur die Lakritze. Es ist auch die alte Kaffeemühle, mit der du jedes Mal, wenn ich mal wieder kein Frühstück da hatte und auch gleich schon wieder los musste, Bohnen gemahlen hast. Das war laut und das Resultat eher grob als fein, aber du saßt da, mit diesem Lächeln auf den Lippen, das sagte: „Ich bin hier bei dir und glücklich und möchte das gern der ganzen Welt zeigen.“

Es ist auch diese blöde Bluse, die ich jetzt so gar nicht mehr tragen möchte. Die mit dem Rückenausschnitt. Ich trug sie in unserer ersten Nacht, als wir bei Sonnenaufgang über diesen Zaun geklettert sind. Als wir uns danach im hohen Gras verstecken mussten und ich immer nur hoffte, dass die Zeit nicht vergeht. Dass wir einfach dort liegen bleiben könnten und knutschen, bis die Sterne wieder über uns scheinen.

Und es ist der Platz, wo deine Zahnbürste lag, seit der Nacht in der wir uns kennenlernten. Die immer wartete, bis du wieder kamst. Es ist die Kerze neben meinem Bett, das schwedische Kinderbuch, aus dem du mir vorgelesen hast und die Fotos von meiner Reise, ganz am Anfang, während der ich nur an dich dachte. Der schwarze Slip, den du so schön fandest. Und die Thermoskanne, aus der wir heißen Apfelsaft tranken, als wir uns das letzte Mal sahen. Du sprachst mit unberührter Miene, dein Blick war starr, schaute auf irgendetwas in der Ferne und ich wünschte mir, ich hätte nie angefangen unsere Unbeschwertheit in Frage zu stellen. Jetzt sind da mein Schlafsack und die warme graue Mütze, die noch immer auf all die Abenteuer mit dir warten.

Es sind diese Dinge, die dich nicht aus meinem Kopf verschwinden lassen. Egal wie sehr ich ihn schüttele. Die Dinge um mich herum, die unsere Geschichte erzählen. Die mich daran erinnern, dass es sie gibt, diese Zweisamkeit, so verrückt und wild und schön, und so unwahrscheinlich nah. Dieses flaue Gefühl, das sie macht, ganz tief drinnen im Bauch. Das noch immer da ist, obwohl du es schon lange nicht mehr warst. Ein bisschen so, wie wenn man zu viele Lakritze isst. 

Stephanie klettert gern auf hohe Berge und findet den Moment des Abstiegs immer ein bisschen traurig. Wenn sie etwas beschäftigt, verfasst sie dazu automatisch Geschichten in ihrem Kopf, beim Laufen oder wenn sie eigentlich irgendwo zuhören sollte. Getippt ist das Ding dann schnell und danach auch abgehakt. In letzter Zeit geistern ihr einige Geschichten im Kopf herum, daher könnte sich das Training für den Halbmarathon wie von allein erledigen. Genau wie dieser romantische Liebesquatsch, von dem sie sich dann aber doch immer wieder einlullen lässt. Im echten Leben schreibt Stephanie spannende Geschichten über normale Leute und ausgefuchste Apps. Mehr von Stephanies Abenteuern gibt es auf ihrer Webseite.
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Headerfoto: katie via Creative Commons Lizenz! Autorenfoto: Scott Wilton

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